Nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Restaurierung der Bestände kostet 350 Millionen
zuletzt aktualisiert: 03.09.2009 - 13:57Köln (RPO). Sechs Monate nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat die Stadt Bilanz gezogen. Die Restaurierung und Aufarbeitung der Bestände werde Jahrzehnte dauern und rund 350 Millionen Euro kosten. Mindestens fünf Prozent der wertvollen Materialien gelten als verloren. Die geretteten Archivalien sollen 2015 in ein neues modernes Archivgebäude umziehen.
Seit dem Einsturz des Stadtarchivs konnten 85 Prozent der wertvollen historischen Bestände geborgen werden. Ein weiterer Teil soll in den kommenden 15 Monaten aus dem überfluteten Einsturzkrater geholt werden, erklärte die Stadt am Donnerstag. "Wir rechnen mit einem Totalverlust von fünf Prozent", erklärte die leitende Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia.
35 Prozent der Materialien wiesen schwerste Schäden auf, jedes zweite Stück müsse als schwer bis mittel beschädigt gelten. Lediglich 15 Prozent seien nur leicht beschädigt. Die Restaurierung der teilweise in winzige Fragmente zerlegten Dokumente nannte Schmidt-Czaia ein "Milliardenpuzzle". Auch müssten alle Fundstücke gründlich vom aggressiven Betonstaub befreit werden.
Nach einer Musterrechnung der Stadt Köln wären 200 Restauratoren 30 Jahre mit dieser Arbeit beschäftigt. Um sie zu bewältigen, sollen die Archivalien an Experten im gesamten Bundesgebiet und dem Ausland vergeben werden, erklärte Kölns Kulturdezernent Georg Quander.
Die Restaurierung der Bestände, von denen 35 Prozent schwer beschädigt seien, werde mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen und rund 350 Millionen Euro kosten. Bisher hätten sich Privatleute und Unternehmen finanziell an ersten Restaurierungsarbeiten beteiligt.
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers, wuchsen aber auf dem Weg Kölns zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Für die Restaurierung der Bestände will die Stadt Köln nach eigenen Angaben nun drei Millionen Euro bereitstellen. Quander erklärte, man sei "derzeit dabei, eine Stiftung zu gründen, damit wirklich intensiv mit der Restaurierung begonnen werden kann". Er hoffe, dass Land und Bund sich mit einem ähnlichen Beitrag engagierten. Nach ersten Gesprächen im Mai sei der Stadt signalisiert worden, dass sie auf die Unterstützung des Bundestages hoffen könne.
Neues Gebäude wird gebaut
Bundesweit kann das Stadtarchiv den Angaben zufolge auf rund 50 Restauratorenplätze zurückgreifen. Die geretteten Archivalien sollen 2015 in ein neues modernes Archivgebäude umziehen. Der Rat der Stadt Köln soll in seiner Sitzung am 10. September einen Standort für das neue Archivgebäude festlegen. Mit der Eröffnung des laut Quander dann "sichersten und modernsten Kommunalarchiv Europas" wird frühestens 2014 gerechnet.
Bettina Schmidt-Czaia erinnerte an die Bedeutung des Kölner Archivs, in dem unter anderem Urkunden ab dem Jahr 920 sowie weitere herausragende Dokumente der europäischen Kulturgeschichte aufbewahrt wurden: "Vermutlich werden wir erst in zwei bis drei Jahren einen Überblick darüber haben, welche Archivalien erhalten werden konnten."
Die Bergungsarbeiten in der Kölner Südstadt werden nach Angaben der Archivleiterin noch mindestens 15 Monate andauern. In einem Grundwasserkegel an der Unglücksstelle vermutet Schmidt-Czaia noch weitere Archivalien, darunter große Teile aus dem Nachlass des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Damit die Helfer in diesem Bereich ungefährdet arbeiten können, sind umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erforderlich, die allein sechs Monate in Anspruch nehmen werden. Ihre Kosten werden auf rund vier Millionen Euro geschätzt.
Bei dem Einsturz des Historischen Kölner Stadtarchivs am 3. März waren zwei Menschen getötet und zahllose wertvolle Dokumente verschüttet worden. Auslöser des Einsturzes waren wahrscheinlich die Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Strecke in unmittelbarer Nachbarschaft des Archivs.
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