Dritte Babyleiche in Plauen entdeckt: Risiko für Kindstötung im Osten höher
zuletzt aktualisiert: 05.12.2007 - 19:26Frankfurt/Main (RPO). Wieder hat eine Mutter mehrere ihrer Kinder getötet. Wieder ist es in Ostdeutschland passiert, in Plauen. In den neuen Bundesländern soll das Risiko für Kinder unter sechs Jahren, von den Eltern umgebracht zu werden, doppelt so hoch sein wie in Westdeutschland, erklärt Kriminalpsychologe Christian Pfeiffer.
Warum das so ist und warum junge Eltern und vor allem junge Mütter überhaupt die eigenen Kinder umbringen oder unversorgt lassen, so dass sie sterben, soll ein jetzt begonnenes Forschungsprojekt des Kriminologischen Instituts Niedersachsen klären, dem Pfeiffer vorsteht.
Dazu werden alle Kindstötungsfälle der vergangenen zehn Jahre erfasst. Nach Durchsicht der Akten sollen die Eltern, ob inhaftiert oder nicht, befragt werden. Es soll geklärt werden, ob es Kontakte zum Jugendamt gab oder nicht.
Nach ersten Informationen über die soziale Lage, in der sich die Eltern befanden, gibt es für diejenigen Kinder ein deutlich höheres Risiko, deren Eltern relativ sozial isoliert sind, wenig Unterstützung von Familie oder Nachbarschaft bekommen, die unter Stress stehen und häufig auch finanzielle Probleme haben, wie Pfeiffer erklärte. Umgekehrt hätten Familien, die sozial gut vernetzt sind und über stabile finanzielle Umstände verfügen, ein deutlich niedrigeres Risiko.
Die deutlich höhere Gefahr in Ostdeutschland könnte daher auf die schlechtere soziale und finanzielle Lage vieler Menschen dort zurückzuführen sein, meinte der Wissenschaftler. "Soziale Netzwerke sind dort nicht mehr so eng geknüpft, weil viele Menschen weggezogen sind. Die soziale Lage ist für viele bedrohlicher, und es gibt deutlich mehr Krisen- und Armutslagen als im Westen", sagte Pfeiffer. Genaueres müssten aber die Untersuchungen zeigen, zu denen Mitte nächsten Jahres die ersten Ergebnisse vorliegen sollen.
So scheint es kaum vorstellbar, wie es Frauen immer wieder gelingen kann, schwanger zu sein, Kinder zu gebären und dann zu töten, angeblich, ohne dass es jemand in ihrem Umfeld, noch nicht einmal der Partner mitbekommen hat, wie Pfeiffer meinte: "Normalerweise geht es ja auch gar nicht, dass man ein Neugeborenes einfach verschwinden lässt."
Speziell nachgefragt werden soll in dem Forschungsprojekt unter anderem, ob das kindliche Aufwachsen der Mütter in Ostdeutschland anders gelaufen ist als in Westdeutschland. Ebenfalls geklärt werden soll, wie die Beziehung der Mütter zu den eigenen Eltern war, ob es Gewalt in der Familie gab und ob es überhaupt intensive innige Beziehungen gab.
Trotz der vermehrten Meldungen über Kindstötungen ist deren Zahl nach Angaben Pfeiffers nicht insgesamt angestiegen. Im Gegenteil: "Insgesamt ist die innerfamiliäre Gewalt zurückgegangen. Aber die öffentliche Sensibilität ist angestiegen", betonte der Kriminologe. Rund 100 Kinder unter sechs Jahren sterben pro Jahr durch Tötung oder Vernachlässigung der Eltern. Pro 100.000 Kinder in der Altersgruppe ist das kein Anstieg, wie Pfeiffer sagte. Am höchsten ist demnach das Risiko im Säuglingsalter.
Zugleich warnte der Psychologe davor, eine Mutter, die ihr eigenes Kind sterben ließ, als Monster zu verteufeln: "Sie ist nicht die abstruse, urböse Frau, die mit uns nichts gemein hat", sagte er. Häufig seien die Frauen in massiven Notlagen und völlig überfordert, so dass sie den Weg wählten, sich einfach nicht um das Baby zu kümmern und es sterben zu lassen.
Dass so eine Frau eine gute Mutter von anderen eigenen Kindern sein könnte - die Plauenerin, die drei Kinder umgebracht haben soll, hat zwei lebende Jungen - bezweifelte Pfeiffer allerdings auch: "Wer so etwas macht, hat offenbar ein hohes Maß an Gefühlsarmut. Eine Gefühlsdichte wie für eine gute Elternschaft würde mich doch sehr überraschen."
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