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Rockerprozess in Heidenheim
Der blutige Krieg der Kutten landet vor Gericht

Rockerprozess in Heidenheim: Der blutige Krieg der Kutten landet vor Gericht
Rüstem Z. wird in Ellwangen im Landgericht von Justizbeamten abgeführt. Er soll ein Mitglied einer konkurrierenden Rockervereinigung erschossen haben. FOTO: dpa, puc fpt
Heidenheim/Ellwangen . Im beschaulichen Ellwangen herrscht der Ausnahmezustand: Rund um das Gerichtsgebäude blockieren am Dienstag Mannschaftswagen und Absperrungen den Weg. Überall wimmelt es von Polizisten und Justizwächtern. Verhandelt wird eine tödliche Auseinandersetzung zwischen Rockerbanden.

Bärtige, kräftige Männer fahren in schweren Autos vor, sie tragen heute keine Kutten, sondern schwarze Leder- und Bomberjacken. Es sind Bodybuilder und Türsteher, sie müssen Metalldetektoren passieren, sie werden überprüft und abgetastet, ziehen ihre Gürtelschnallen und Schuhe aus, legen Geld, Tabak, Feuerzeuge in gelbe Körbe.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt der Rockerprozess um die tödlichen Schüsse von Heidenheim. Getrennt voneinander werden die "Black Jackets" und die "United Tribuns" durch verschiedene Eingänge in den Verhandlungssaal geführt. Es sind Straßengangs aus Baden-Württemberg, die Behörden nennen sie rockerähnliche Gruppierungen. Und sie sind tief verfeindet. Nun sitzen sie direkt nebeneinander. Nur ein schmaler Gang trennt die Gangs. Die Männer schauen nach vorn, sie würdigen sich keines Blickes. Der Gerichtssaal ist voll. Dann wird der Angeklagte hereingeführt.

Vieles von dem, was am 7. April vor dem Friseurladen in Heidenheim geschah, bleibt auch am ersten Verhandlungstag in Ellwangen ungewiss. Doch bereits die Gewissheiten lassen einem den Atem stocken: Nach Geschrei und Beleidigungen zwischen den Gangs trifft ein Projektil aus einer Entfernung von eineinhalb Metern die Bauchdecke des jüngeren Opfers, es durchschlägt sechsmal seinen Darm und bleibt im Gesäß stecken. Der 25-jährige "Sergeant at Arms" der Ulmer "United Tribuns" sackt zu Boden, aber er wird überleben.

Die nächsten drei Schüsse treffen seinen 29-jährigen Bruder - der erste durch den Unterarm in die Brust, der zweite in den Bauch, der dritte in den Rücken. Dem Vize-Präsidenten der Ulmer "United Tribuns" wird kurz darauf noch in einer Not-Operation die halbe Lunge entfernt. Zwei Tage später stirbt er trotzdem.

Verletzte Ehre als Motiv?

Hinter den tödlichen Schüssen stehen verletzte Ehre und der blanke Kampf um Macht auf der Straße. Die "Tribuns" machen den "Jackets" nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Vorherrschaft streitig. Der Konflikt schwelt seit Monaten. Im April gründen sie kurz vor den Schüssen ein eigenes Chapter in Heidenheim. Vor dem Friseurladen kommt es zum Showdown. Die Rocker gehen vor die Tür, wollen die Angelegenheit in einer Hofeinfahrt wie Männer regeln, ohne Waffen, nur mit Fäusten. Dann fallen die Schüsse.

Der Angeklagte flüchtet mit seinen Kumpanen in einem Wagen, er wird aber kurz darauf festgenommen. Der 26-Jährige ist gelernter Maurer, aber nicht berufstätig, er lebt in Giengen. Er ist Vize-Präsident der Heidenheimer "Black Jackets". Er prügelt sich mehrere Monate vor den tödlichen Schüssen mit dem Chef der Ulmer "United Tribuns" in der Heidenheimer Autoarena - und unterliegt dabei. Das will er laut Staatsanwaltschaft nicht auf sich sitzen lassen. Er habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Die Anklage lautet Mord.

In grauer Jacke und blauer Jeans sitzt er nun auf der Anklagebank, die Wachtmeister nehmen ihm die Handschellen ab, er kratzt sich am Bart, zwinkert seinen "Brüdern" zu. Er gesteht die Schüsse vor Gericht, spricht aber von Notwehr. "Ich hatte blanke Angst", lässt er über seine Verteidigerin mitteilen. Sein Gegner habe sich an die Hüfte gefasst, als ob er eine Waffe ziehen wolle. "Es ging alles ganz schnell", sagte er. "Es tut mir leid was geschehen ist. Ich glaube aber, dass man mich umbringen wollte."

Wieso er wirklich den Abzug drückte, soll nun an insgesamt sechs Verhandlungstagen geklärt werden. Dutzende Menschen stehen auf der Zeugenliste, unter anderem der Bruder des getöteten Opfers. Die meisten Gangmitglieder verlassen am Dienstag den Gerichtssaal bereits wieder, noch bevor alle Zeugen befragt sind. Die Behörden wollen den Prozess aber trotzdem weiterhin streng bewachen.

(felt/dpa)
 
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