Gastbeitrag von Kabarettist Jürgen Becker: Rosenmontag – da simmer dabei
zuletzt aktualisiert: 15.02.2010 - 21:00Düsseldorf (RP). Nach einem Auftritt im Kommödchen lud mich ein sympathischer Herr, selbstredend angesehenes Mitglied des Comitees Düsseldorfer Carneval (CC), auf ein Kaltgetränk in die Altstadt ein. Durch das Gespräch fiel mir einiges an karnevalesken Unterschieden zwischen Köln und Düsseldorf auf.
"Wissen Sie, was der Unterschied zwischen dem Kölner und dem Düsseldorfer Karneval ist?" erklärte er mir, nachdem ich die Einladung angenommen hatte – irgendwie erinnerte er mich an den verstorbenen Kölner Karnevalisten Jupp Schmitz, wenn auch mit melodiösem niederrheinischen Idiom: "Wenn der Düsseldorfer auf eine Sitzung geht, zieht der zu Hause Frack und Fliege an und steckt seine Narrenkappe in eine Tasche. Erst im Foyer holt er sie raus und setzt sie auf. Ihr Kölner zieht die Kappe zu Hause an und lauft damit über die Straße – darum beneide ich Euch!"
Seitdem erst fiel mir auf, wie selbstverständlich stolze ältere Herren das Kölner Straßenbild bevölkern, auf dem Kopf eine "Komitee-Mütze", so der Einzelhandels-Fachterminus im verwalteten rheinischen Frohsinn. Zur Sitzung eilend hat er die Frau im Arm, die das gleiche Modell als Miniatur fachgerecht auf der Dauerwelle montiert hat. Diese kunstvolle Installation würde ohne jede Frage einem geübten Figaro zur Ehre gereichen, so etwas kann nur in der professionellen Arbeitsatmosphäre des gut ausgestatteten heimischen Badezimmers gelingen; im Getriebe und Geschiebe des Foyers wird das nichts. Schämt man sich also in der Landeshauptstadt Düsseldorf derart für seine karnevalistische Veranlagung, dass man hier auf die sorgfältige Vorbereitung und die Ruhe im Bade verzichtet?
Auch der Kölner kennt das Gefühl der Scham, wenn der Elfte im Elften wieder verblasst ist und die Hoheit der Straßenbeleuchtung vom Weihnachtsgeschäft überstrahlt wird. Dann bleibt auch im Heiligen Köln die Kappe verschämt in der Schublade. Leider, denn Weihnachten ist schön, aber in der Session stört es.
Erst wenn der Baum auf die Straße fliegt, hat der Jeck seine Freiheit zurück – und ruft sie zum Exportschlager aus. Nach dem zehnten Alt beichtete mir der Düsseldorfer Karnevalist: "Geschätzte 80 Prozent der ‚Kräfte'", so die anerkannte Bezeichnung der literarischen und musikalischen Vortragskünstler im Karneval, "holen wir aus Köln. Wir haben ja hier auch gar nicht so viele Lieder." "Seien Sie froh", dachte ich. Vielleicht machen die Niederrheiner das gar nicht so dumm. Sie holen sich die närrischen Arbeitskräfte just in time, nämlich dann, wenn sie im Inferno der Frohsinnskonjunktur gebraucht werden. Anschließend werden sie zurück geschickt – die globalisierte Wirtschaft macht es vor. Nur: Wir Kölner haben diese Stimmungskanonen das ganze Jahr an der Backe! Und glauben Sie ja nicht, dass die sich wegschließen lassen wie 'ne Karnevalskappe während der Christmette.
Bei uns singen die weiter. In jedem Möbelzentrum kann es Sie treffen! In jedem Autohaus lauert die Gefahr, von einem kölschen Gassenhauer erschlagen zu werden. Bestes Beispiel sind die Höhner. Früher vornehmlich in der Session aktiv, haben sie nun den Karneval auf das ganze Jahr ausgedehnt und besingen vom FC über Handball und dicke Frauen bis zur Billigpizza alles, was der Kölner gerne konsumiert. Und die Botschaft ist immer gleich: Mer sinn wie mer sinn, un so wie mer sinn, simmer perfekt. Und "da simmer dabei", wobei auch immer.
Das ist der richtige Soundtrack für eine Stadt, die wie im Dauerkarneval verwahrlost wirkt. Die Parks sind dreckig, die Brunnen laufen nicht mehr, und jede zweite Rolltreppe ist kaputt. Die meisten Neubauten wirken, als hätten die Architekten sie im Suff entworfen. Über den neuen OB kann man noch nichts sagen, aber der frisch pensionierte Vorgänger Fritz Schramma war sich für nichts zu schade, schaltete sich gar persönlich in den Transfer des Heiligen Lukas zum Heiligen Christoph ins Heilige Köln ein. So ein profaner Politkitsch käme nicht mal der Berliner Partynudel Wowereit in den Sinn. Köln wird nicht verschönert, Köln wird verhöhnert.
Andererseits brauchen wir nicht nach Athen oder Pompeji, um die Ruinen einer alten Stadt zu besichtigen, wir warten einfach, bis die KVB den U-Bahnbau fortsetzt. So kann ich dem freundlichen Vollblutkarnevalisten aus dem CC der Altbiermetropole, der neidisch auf den Kölner Karneval schaut, doch noch Trost spenden: Wir haben zwar die vielen Kräfte und die fidelen Lieder, aber Ihr habt nach Aschermittwoch Eure Ruhe!
Und wenn es Euch zu ruhig wird: Die Domstadt agiert jederzeit als euer "Randstad". Wir schicken die Zeitarbeiter der Schunkelbranche mit und ohne Zoten gerne auch außerhalb der Session zu anderen Anlässen auf Montage. Ich habe da schon einen Tipp für niederrheinische Adventsmuffel: Es gibt jetzt "Kölsche Weihnacht". Das ist nichts anderes als Karneval mit Lametta – in Köln immer ausverkauft. "Da simmer dabei!"
Mehr zum Karneval lesen Sie in unserem großen Special.
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