Interview: Ruhrbischof Genn: Jeder Austritt schmerzt
zuletzt aktualisiert: 13.02.2007 - 12:57Essen (RP). Bischof Felix Genn über die Zukunft des Ruhrbistums und das Bemühen der katholischen Kirche, sich künftig stärker mit dem Islam auseinanderzusetzen.
Der Ruhrgebiet ist mitten im Strukturwandel, das Ruhrbistum auch...
Genn ...aber der Auftrag der Kirche hat sich nicht geändert: die Frohe Botschaft zu verkünden. Damals sind die Menschen ins Revier gekommen, weil sie hier Arbeit fanden. Die Kirche ist ihnen nachgezogen, hat Pfarreien und soziale Einrichtungen gegründet. Vieles hat sich geändert: Die demografische Entwicklung, der Rückgang der Zahl der Katholiken und der Priester zwingt uns dazu, eine tragfähige Struktur zu finden. Das Ergebnis sind 43 Großpfarreien. Die Kirche vor Ort kann nicht mehr überall das gleiche Angebot vorhalten, doch bleibt sie nahe bei den Menschen.
Die Menschen leben ihren Glauben auch anders als früher. Von „Christen in Halbdistanz” ist oft die Rede.
Genn Das gibt es. Aber ich habe Respekt davor, dass jemand sagt: „In dieser intimen Frage, wie ich mich zum Glauben verhalte, lasse ich mir keinen Zwang auferlegen.“ Glaube ist mit Zwang einfach nicht vermittelbar. Manch einer wird sagen: „Ich kann mit Kirche etwas anfangen, aber ich halte sie mir zeitweise vom Leib.“ Andere sind vom Glauben tief erfüllt. Doch ist es unser Auftrag, jedem Menschen nachzugehen - egal ob er der Kirche gegenüber näher oder distanzierter steht.
Müsste die Kirche aber nicht viel offensiver auftreten?
Genn Ja, unsere Botschaft ist immer eine offensive Botschaft. Dennoch verstehe ich, dass viele Menschen zurzeit zunächst nur den Rückbau ihrer Kirche wahrnehmen, quasi als einen Rückzug. Ein Beispiel: Ich gehe in einen Pfarrgemeinderat und möchte zeigen, dass wir eine Zukunft haben. Die Mitglieder des Pfarrgemeinderates aber fragen mich: Was ist mit der Sekretärin, dem Kirchenmusiker, dem Jugendpfleger? Das kann ich verstehen, und ich teile den Schmerz und die Trauer. Aber wir müssen den schweren Weg gehen, damit die Kirche im Ruhrgebiet Zukunft hat.
Muss man einigen Menschen denn nicht auch sagen, dass sie zum Teil selbst Verantwortung für die Entwicklung tragen - mit Austritten etwa?
Genn Mich schmerzt jeder Mann und jede Frau, die unserer Kirche - aus welchen Gründen auch immer - den Rücken kehrt. Ich bin bei direkten Angriffen immer vorsichtig, möchte niemanden verletzen. Das ist mein priesterliches Ideal. Wissen Sie, es gibt ja viele Menschen, die durch die Kirche und durch Priester verletzt worden sind. Ich möchte den Menschen etwas anderes zumuten, nämlich diese Frage: Was ist denn dann die Alternative?
Kann das die katholische Kirche nicht stärker zeigen, indem sie sich gerade im Ruhrgebiet mit dem Islam auseinandersetzt, sich von ihm abgrenzt?
Genn Absolut. Ich möchte in der Öffentlichkeit sagen können: Was ist der Wert, Christ zu sein? Man muss sich doch nur vor Augen führen, wie stark die Muslime sich in unserer Gesellschaft positionieren. Wir waren in den letzten 30 Jahren zu sehr darum bemüht, mit unseren Positionen nicht anzuecken, auch darum, weil manche Menschen die Kirche als zu streng und hart und unterdrückend empfunden haben. Darum waren wir in der Vergangenheit wohl zu zurückhaltend.
Muss die Kirche häufiger Fronleichnam feiern, also den Glauben sichtbar nach außen tragen?
Genn Nur Überzeugte können überzeugen. Ich möchte, dass sich die Menschen bewusst als Christen verstehen und das auch in die Gesellschaft tragen, Zeitgenossen sind. Wir dürfen uns auf keinen Fall in die Sakristei zurückziehen.
Kann man überhaupt noch von einer Volkskirche sprechen?
Genn Zumindest eine bestimmte Sozialgestalt von Volkskirche ist zu Ende. Denn es ist nicht mehr selbstverständlich, dass jeder Bürger ein Christ ist und dass er seine Kinder auch taufen lässt.
Empfinden Sie es als undankbar, dass Sie zu dieser Zeit Ruhrbischof sein müssen - auch angesichts der großen kirchlichen Vergangenheit Essens?
Genn Es ist manchmal nicht leicht, Ruhrbischof in dieser Zeit zu sein. Die Herausforderungen sind gewaltig. Aber ich denke, auch der Aufbau des Bistums war kräftezehrend. Doch ich finde es auch spannend, in dieser Zeit in der Kirche zu wirken und sie mitgestalten zu können. Das gibt mir immer wieder Motivation. Die Zukunft der Kirche kann letztlich nicht von Geld oder Immobilien abhängen. Wenn man mittellos den Wert des Christseins zeigen kann, dann liegt darin für mich eine ungeheure Chance.
Lothar Schröder sprach mit Bischof Felix Genn.
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