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Kritik an Einsatz
Kinderärzte lehnen Sandwesten für Grundschüler ab

Sandwesten für Schüler: Kinderärzte lehnen Einsatz ab
Schüler in einer Klasse (Symbolbild). FOTO: Shutterstock/Oksana Kuzmina
Köln. An mehreren Schulen in Deutschland legen Lehrer den Schülern Sandwesten um, wenn die Kinder unruhig sind. Ärzte lehnen das ab.

Der therapeutische Nutzen der Sandwesten bei zappeligen und unkonzentrierten Schülern sei bisher nicht belegt, erklärte Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, am Montag in Köln. Zudem warnte er davor, unruhige Kinder dadurch "als Störenfriede oder gar als ADHS-Patienten zu stigmatisieren".

Im Dezember hatten Medienberichte über den Einsatz von Sandwesten an Grund- und Förderschulen für Wirbel gesorgt. Die Westen wiegen bis zu sechs Kilo und sollen zappelige und unkonzentrierte Grundschüler im Unterricht beruhigen. "Die Westen helfen besonders Schülern, die viel herumzappeln oder eine Wahrnehmungsstörung haben", sagte die Hamburger Lehrerin Gerhild de Wall in einem Interview mit "Spiegel Online". "Diese Kinder haben häufig Probleme, Reize richtig einzuordnen. Durch die Westen können sie sich besser spüren und dadurch leichter konzentrieren, weil sie nicht ständig ihre Arme und Beine unter Kontrolle halten müssen."

Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" werden Sandwesten eines niedersächsischen Herstellers bundesweit in rund 200 Schulen eingesetzt. Die Westen seien aber "kein Ersatz" für eine Therapie einer sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), sagte Kahl. "Unruhige, unkonzentrierte Kinder brauchen eine gründliche Abklärung, jedoch nicht durch die Lehrerin."

Etwa drei bis fünf Prozent eines Jahrgangs sind demnach ADHS-Patienten, die eine Therapie brauchen. Die vielen anderen Kinder, die sich nicht konzentrieren können oder den Unterricht stören, hätten Kahl zufolge meist einfach nicht gelernt, sich den Erfordernissen des Unterrichts anzupassen und eine bestimmte Zeit still zu sitzen. In vielen Schulen seien aber auch die Klassen zu groß, die Räume zu eng und überforderte Lehrer berücksichtigten die individuellen Bedürfnisse der Kinder nicht ausreichend.

"Unruhige Kinder als krank 'auszusortieren' und ihnen die Sandweste überzuziehen, löst diese Probleme nicht", warnte der Ärzteverband. Sinnvoller sei es, die Kinder besser zu fördern, kleinere Klassen einzurichten und mehr Bewegung in den Unterricht zu integrieren.

(AFP)
 
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