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Debatte um Schulverbot
Hinter dem Schleier bleibt es dunkel

Schleierverbot: Die Trägerinnen leben oftmals im Verborgenen
Ein Frau mit Nikab. Nur die Augen sind zu sehen. FOTO: dpa
Düsseldorf. Das Verbot des Gesichtsschleiers an einer Düsseldorfer Grundschule hat die Debatte um Burka und Nikab neu entfacht. Kritikern gilt der Schleier als Symbol der Unterdrückung. Teil des Problems: Über die Frauen, die ihn tragen, ist zu wenig bekannt. Von Philipp Stempel

Die Entscheidung der Adolf-Klarenbach-Schule in Düsseldorf-Holthausen, in der Schulordnung das Tragen eines Gesichtsschleiers zu untersagen, schlägt hohe Wellen. Lehrer und Elternverbände fordern eine einheitliche Regelung. Das Ministerium verweist auf die Eigenverantwortung von Schulen.

Die Schulen aber tun sich mit dem Thema schwer. Mit Verboten lässt sich das erwünschte Miteinander Integration nicht erzwingen. Doch wer sein Gesicht verhüllt, entzieht sich unserem freiheitlichen Miteinander, das eine offene Kommunikation von Angesicht zu Angesicht voraussetzt. Ein Dilemma. Insbesondere, wenn es um die Frage geht, ob ein einheitliches Verbot Sinn macht.

Die Empfehlungen des Zentralrats der Muslime helfen nur bedingt. Der Verband verweist darauf, dass er sich stets für einen gesichtsschleierfreien Unterricht ausgesprochen habe.

Diese Schleier-Typen gibt es FOTO: RP

Zu den größten Problemen einer einheitlichen Regelungen zählt, dass oft unklar bleibt, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Was sind das für Frauen, die einen Vollschleier tragen? Auch Experten bewegen sich bei diesem Thema schnell in einer Grauzone.

"Wir kennen keine konkreten Zahlen", sagt der Islamwissenschaftler Thomas Volk von der Konrad-Adenauer-Stiftung auf die Frage, wie viele Frauen in Deutschland sich denn wohl so kleiden. Sicher ist nur: "Der Vollschleier ist ein Anzeichen eines sehr strengen, orthodoxen Islam-Verständnisses."

Vorbild für einen solchen Lebensstil ist in der Regel das Islam-Verständnis in Saudi-Arabien oder im Iran. Dort wacht tatsächlich eine Art Kleidungspolizei darüber, ob sich die Frauen den Vorschriften entsprechend verhüllen. Im streng orthodoxen Saudi-Arabien sind sie in weiten Landesteilen verpflichtet, Kopf und Haare bis auf einen Schlitz für die Augen zu bedecken, im Iran nehmen sich Frauen zumindest das Recht heraus, den Haaransatz zu zeigen.

Verschleiert: Die Welt durch den Niqab gesehen FOTO: ap

Grundlage dafür bietet der Koran nur bedingt, wie Volk erläutert. Nirgendwo ließe sich ein Gebot finden, das Frauen dazu verpflichte, sich zu verhüllen. "Das entspricht auch überhaupt nicht dem islamischen Mainstream", sagt der Islamwissenschaftler und verweist auf Indonesien, wo die meisten Frauen ganz ohne Burka oder Nikab auskommen und – wenn überhaupt – nur ein Kopftuch tragen.

Der Vollschleier hingegen ist als Symbol eines mittelalterlichen Religionsverständnisses auch in der islamischen Welt heiß umstritten. Er dient im Verständnis der Konservativen dazu, "Reiz und Scham" zu verhüllen, erläutert Volk. Ab der Pubertät sind auch Mädchen angehalten. Somit müssten in der weiterführenden Schule auch Schülerinnen den Schleier tragen.

Konkrete Fälle sind dazu aber bislang kaum bekannt. Volk schätzt, dass die Zahl der vollverschleierten Frauen in Deutschland nur im niedrigen dreistelligen Bereich liegt. "Aber auch das ist nicht mehr als eine spekulative Schätzung", räumt er ein. In solchen Familien blieben die Frauen oftmals ganz zuhause. Entsprechend groß ist die Dunkelziffer. Ein Komplett-Verbot der Burka würde die betroffenen Frauen vermutlich noch mehr aus dem öffentlichen Raum verbannen.

Als Symbol von Zwang und Unterdrückung will er Burka und Nikab dennoch nicht bewerten. "Es gibt aber auch Frauen, die sich freiwillig verschleiern und für sich befinden: Ich muss so leben", erklärt der Wissenschaftler.

"Der Nikab ist mein Schutzschild", zitiert das vom Goethe-Institut unterstützte Islam-Portal "qantara" gar eine Muslima. Unter dem Schleier fühle sie sich freier, versichert die Befürworterin des Schleiers.

Die Übergänge zwischen Freiwilligkeit und Zwang seien in solchen Fällen aber wohl eher fließend, bilanziert Volk. Etwa 70 Frauen seien im Namen des Islamischen Staates aus Deutschland nach Syrien in den Krieg gezogen. Freiwillig. Daher plädiert auch der Islamwissenschaftler für ein Verbot von Vollschleiern, sobald es um Schülerinnen geht.

"In freien und demokratischen Gesellschaften muss es möglich sein, seinem Gegenüber ins Gesicht zu blicken."

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