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Biorhythmus
Schulbeginn um acht ist ungerecht

Schulen in NRW - Fakten im Überblick
Schulen in NRW - Fakten im Überblick FOTO: dpa, Julian Stratenschulte
Düsseldorf. Ein späterer Unterrichtsanfang kommt dem Lernen entgegen. Obwohl der Vorteil wissenschaftlich belegt ist, ändern Staat und Gesellschaft seit Jahren nichts daran. Das liegt auch am Diktat der Arbeitswelt. Eine Analyse. Von Franziska Hein

Die Diskussion darüber, den Unterrichtsbeginn an Schulen um etwa eine Stunde nach hinten zu verlegen, ist nicht neu. Im Gegenteil, sie gehört zum Repertoire der öffentlichen Debatten über Schulthemen der vergangenen Jahre. Ein späterer Unterrichtsbeginn würde dem Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen entgegenkommen. "Heutzutage können Jugendliche nicht mehr effizient lernen, wenn wir sie um acht Uhr in die Schule schicken", sagt der Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Wenn es nach ihm ginge, würde die Schule in der Unterstufe um acht Uhr, in der Mittelstufe um neun und in der Oberstufe um zehn beginnen. Um den Schulbeginn trotzdem einheitlich zu gestalten, wäre neun Uhr eine optimale Zeit.

Das hat vor allem biologisch-physiologische Gründe. In der Pubertät verschiebt sich die Schlafphase hormonell bedingt nach hinten. "Um acht Uhr morgens herrscht dann – plakativ gesprochen – interne Mitternacht", sagt Roenneberg, der den Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen erforscht. "Die Fähigkeit, neue Inhalte aufzunehmen und überhaupt das Gehirn zu nutzen, ist von Natur aus nur außerhalb unserer normalen biologischen Schlafenszeiten möglich."

Der Forscher fordert deswegen sogar, dass Prüfungen erst ab elf Uhr stattfinden dürfen. "Wenn ich heutzutage noch in der Schule wäre und mich jemand um acht Uhr morgens prüfen würde, würde ich mit meinen Eltern vors Bundesverfassungsgericht ziehen, weil das Diskriminierung einer angeborenen Eigenschaft ist." Darin wird er auch von Peter Spork, Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches "Wake up", unterstützt. "Gerecht wäre es, wenn Jugendliche Klausuren erst um 12 Uhr schreiben würden. Dann befinden sich Schüler im mentalen Leistungshoch", sagt Spork.

Beide Experten sind davon überzeugt, dass Noten auch davon abhängen, ob man eher früher oder eher später am Tag besonders leistungsfähig ist. Je später, desto schlechter die Note. Das belegt auch eine deutsch-italienische Studie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Universität Bologna. Die Forscher haben ältere Studien zu dem Thema ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass Spättypen oder sogenannte Eulen, schlechtere akademische Leistungen erbringen als Frühaufsteher. Bei Jugendlichen ist dieser Effekt noch ausgeprägter als etwa bei Studenten, weil das Unterrichtsgefüge starrer ist.

Obwohl die wissenschaftlichen Untersuchungen auf ein klares Ergebnis hinauslaufen, haben Staat und Gesellschaft bisher nichts verändert. In NRW ist der Schulbeginn gesetzlich so geregelt, dass die erste Stunde zwischen 7.30 Uhr und 8.30 Uhr beginnt. Daran halten sich auch die regionalen Privatschulen.

Unabhängig davon, wen man zu diesem Thema befragt, tauchen bei Lehrerverbänden, Gewerkschaften, Politikern und sogar Kinderärzten dieselben Argumente auf: "An der Diskussion hängt sehr viel mit dran", sagt Dorothea Schäfer von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Der Schulbeginn ist meistens auf die Arbeitszeit der Eltern abgestimmt. Das hat auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) kürzlich in einem Interview gesagt. "Viele Familien wünschen sich Entschleunigung morgens." Dafür bräuchte es allerdings einen Wandel in der Wirtschaft, denn "die Eltern sagen auch: Ein späterer Schulbeginn passt nicht zu unserer Arbeitswelt".

Ihre Amtsvorgängerin Kristina Schröder hat sich als Familienministerin für den Unterrichtsbeginn ab neun Uhr eingesetzt. Jüngst erneuerte sie ihre Forderung in einem Bericht in der "Welt am Sonntag".

Gewerkschaftssprecherin Schäfer argumentiert weiter, man könne nicht morgens eine Stunde später beginnen, ohne am Nachmittag den Unterricht eine Stunde zu verlängern – das gehe nicht ohne die Ganztagsschule. Eine ähnliche Meinung hat auch Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands NRW. Ein späterer Unterrichtsanfang sei ein logistisches Problem, Schulen und Kommunen müssten den Transport mit Schulbussen anders organisieren. Mit dem gesetzlich gestatteten Zeitfenster sei der Schulbeginn flexibel genug.

Es hängt auch von der jeweiligen Schule ab, wie sie zu dem Thema steht. In NRW gibt es schon seit Längerem den sogenannten offenen Unterrichtsbeginn für Grundschulen. Die Schüler der Neusser St.-Martinus-Grundschule können ab 7.45 Uhr in die Klassenräume und werden dort von ihren Lehrern empfangen, um 7.55 Uhr beginnt dann der Unterricht. Dieses Konzept ändert nichts am frühen Unterrichtsbeginn, es gestaltet ihn nur angenehmer für die Kinder.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte empfiehlt, die Schüler früher ins Bett zu schicken. Das ist jedoch ein Scheinargument. "Die innere Uhr verhindert, dass man schlafen kann, bevor sie nicht ihr eigenes Schlaffenster öffnet", sagt Till Roenneberg. Selbst wenn Kinder früher das Licht ausmachen, heißt das nicht, dass sie früher einschlafen und morgens fitter sind. Dass die Chancen für einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft schlecht stehen, weiß er. Selbst Schüler würden lieber in der ersten Stunde müder sein, aber dafür nachmittags mehr freie Zeit haben.

Doch die Folgen für ein dauerhaftes Leben gegen die eigene innere Uhr sind auch klar: Menschen werden anfälliger für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Typ II und Krebs. Die Zellschädigung, die dieser Lebenswandel verursacht, sind unter dem Mikroskop sichtbar. "Es bedarf viel Zeit und Überzeugungskraft und Evidenz, bis sich ein System verändert", sagt der Chronobiologe.

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