Nach Beinahe-Katastrophe: Sicherheitsrisiko beim ICE
VON GERHARD VOOGT UND SINA ZEHRFELD - zuletzt aktualisiert: 12.07.2008 - 20:52Düsseldorf (RP). Viele Bahn-Pendler erlebten gestern wegen der ICE-Ausfälle einen schwarzen Freitag. Was war der Grund für den Achsbruch? Experten schließen Nachlässigkeiten bei der Inspektion nicht aus. Oft werden ähnlich Unfälle durch Korrosion ausgelöst.
Düsseldorf Gestern Nachmittag in der Halle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Die Anzeigetafel zeigt schlechte Nachrichten an: ICE 124 nach Amsterdam – gestrichen. Verbindungen nach Emmerich und nach Aachen – verspätet. ICE 723 nach München – Zug fällt aus. Unter der Tafel stehen Reisende in einer Traube. Sie wirken verloren.
Mona Schneider (27) rollt einen gepackten Koffer hinter sich her. „Ich muss zum Frankfurter Flughafen“, sagt die Kölnerin. „Aber hier weiß keiner, was los ist und wo vorn und wo hinten ist.“ Eine sanfte, weibliche Lautsprecher-Stimme bittet um Verständnis dafür, dass der ICE Richtung Süden wegen einer technischen Überprüfung ausfällt. Mona Schneider blickt auf die Anzeigetafel. Sie muss wohl mit der S-Bahn nach Köln tuckern und sich von dort einen Weg zum Frankfurter Flughafen suchen.
Das Chaos bei der Bahn trifft mitten in die Urlaubszeit. Zigtausend Pendler mussten Umwege und stundenlange Verspätungen in Kauf nehmen, weil die Bahn 61 baugleiche Züge der Generation „ICE 3“ vorsichtshalber in die Werkstätten zurückgerufen hatte. Viele Fahrgäste waren ungehalten, andere einsichtig: „Hauptsache, wir sind sicher“, sagt die Essenerin Simone Krug. „Ich hätte ein mulmiges Gefühl in einem ICE.“
Am Mittwoch war der ICE 518 am Kölner Hauptbahnhof in der relativ engen Ausfahrt zur Hohenzollernbrücke aus den Schienen gesprungen. Am Wagen 22 sei „offenbar eine Achse gebrochen“, sagt Oberstaatsanwalt Günter Feld, der die Ermittlungen übernommen hat. Das Unglück geschah auf Gleis fünf bei Schrittgeschwindigkeit. Zuvor war der Zug, der über 10 900 PS verfügt, mit Tempo 300 über die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Frankfurt nach Köln gerast.
„Man möchte sich nicht ausmalen, was hätte passieren können“, sagt Oberstaatsanwalt Feld, der jetzt gegen noch unbekannte Mitarbeiter der Bahn ermittelt. Das Personal soll Warnungen von Reisenden, die verdächtige Geräusche gemeldet hatten, nicht ernst genommen haben. Die Bahn bestreitet die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft will nun Fahrgäste als Zeugen befragen und einen Gutachter einschalten.
Der Unfall von Köln weckt Erinnerungen an die Bahn-Katastrophe von Eschede. In beiden Fällen geht die Ursache offenbar auf eine Materialpanne zurück. Wie konnte es zu dem Achsbruch kommen? Experten stehen vor einem Rätsel.
Günter Köhler ist der Chef des Bahn-Zulieferers „Bochumer Verein“. Seine Firma hat die Räder für den ICE 3, die jetzt überprüft werden, entwickelt und die Erstausstattung geliefert. Unsere Zeitung hat Köhler gestern zu Hause erreicht. „Nach dem Unfall in Köln hat die Bahn unsere Unterlagen angefordert“, berichtet der Manager.
„Jetzt warten wir die Ermittlungen ab.“ Köhler will nicht ausschließen, dass der Unfall durch einen Wartungsmangel verursacht wurde. „Solche Fälle treten ab und an bei älteren Güterwaggons auf. Dort ist oft Korrosion die Ursache.“ Ein fataler Rostfraß dürfte bei den regelmäßigen Inspektionen der ICE-Züge jedoch unter normalen Umständen nicht unbemerkt bleiben.
Nach dem Unfall von Eschede müssen die ICE alle 3600 Kilometer – ungefähr nach drei Einsatztagen – zur Wartung. Beim ICE 3 sind Rad und Achse in einer starren Einheit zusammengefasst. Sie wird normalerweise alle 300 000 Kilometer mit Ultraschall überprüft, nach Angaben des Eisenbahnbundesamtes wird dieses Intervall nun auf 60 000 Kilometer verkürzt. Zusätzlich erfolgt eine Sichtkontrolle durch die Mitarbeiter mit einer UV-Lampe. Die Überprüfung eines Radsatzes dauert laut Bahn eine halbe Stunde, jeder Wagen hat vier Radsätze, ein ICE 3 hat acht Wagen.
Oliver Wittke, Verkehrsminister von NRW, forderte die Bahn auf, ihre Inspektionsintervalle zu verkürzen, falls es sich erweisen sollte, dass eine Materialermüdung die Ursache für den Unfall sein sollte. Jeder Bahnfahrer müsse sich aber darüber im Klaren sein, dass es eine „hundertprozentige Sicherheit“ nicht geben könne. „Zu Beginn der Ferien muss die Bahn alle Anstrengung unternehmen, um einen Ersatzverkehr zu organisieren“, sagte der CDU-Politiker. Einschränkungen im Zugverkehr wird es laut Bahn mindestens bis Anfang nächster Woche geben. Die Lage werde sich aber über das Wochenende verbessern, da überprüfte Fahrzeuge dann wieder eingesetzt werden könnten.
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