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Skandalogie-Tagung in Bamberg
Skandalforscher sieht bedrohlichen Wandel in Deutschland

Skandalogie: Forscher sieht bedrohlichen Wandel in Deutschland
Steffen Burkhardt, Professor für Medienforschung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. FOTO: dpa, sja
Bamberg. Missbrauch in der Kirche, Überwachung von Bürgern, Lügenpresse. Skandale haben zumeist einen schrecklichen Hintergrund. Aber aus Sicht der Forschung haben sie auch einen Nutzen: Sie zeigen, wie sich die Moral verändert. In Deutschland registriert ein Wissenschaftler allerdings einen Trend zum Negativen.  

"Wir erleben in Deutschland schleichende Umbrüche, die zu einer Gefahr für die Demokratie werden könnten", sagte der Hamburger Wissenschaftler Steffen Burkhardt im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Die neue Welle von Datenschutz-Skandalen beleuchtet, dass sich das Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschiebt - und auch der Zugriff von Staat und Wirtschaft auf das Private."

Burkhardt spricht darüber auch auf der ersten Internationalen Skandalogie-Konferenz, die am Donnerstag (7. April) an der Universität Bamberg beginnt und bis Freitag dauert. Zum ersten Mal treffen sich hier Wissenschaftler aus aller Welt zur Internationalen Skandalogie-Konferenz. Auch Burkhardt kommt. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt er, was wir aus Skandalen lernen können.

Was lässt sich über Deutschland sagen anhand seiner Skandale?

Antwort Wir erleben in Deutschland schleichende Umbrüche, die zu einer Gefahr für die Demokratie werden könnten. Und an den Skandalen lassen sich die Veränderungen ablesen. Die neue Welle von Datenschutz-Skandalen beleuchtet, dass sich das Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschiebt - und auch der Zugriff von Staat und Wirtschaft auf das Private. Die öffentliche Aufregung um das Abhören von Merkels Handy durch US-Geheimdienste, das offiziell als Lappalie in den deutsch-amerikanischen Beziehungen behandelt wird, zeigt: Da zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab.

Derzeit ist der "Lügenpresse"-Vorwurf im Internet sehr präsent. Welche Rolle spielt hier das Skandalisieren?

Burkhardt Es gibt eine spannende Konjunktur des Skandals in der aktuellen Politik. Er ist das Prinzip, den Gegner zu diffamieren. Die "Lügenpresse"-Agitation bestimmter politischer Bewegungen ist geradezu ein Widerspruch zum Prinzip einer freien, transparenten Öffentlichkeit, die auf dem Austausch von Argumenten beruht. Häufig packen ausgerechnet die, die behaupten, für neutralere Berichte zu kämpfen, den "Lügenpresse"-Vorwurf aus - um ihren politischen Botschaften mehr Gehör zu verschaffen. Das ist eine besonders perfide Form von Skandalisierung. So funktioniert auch Trumps Wahlkampf in den USA.

Welche Folgen hat es, dass sich Skandale im Internet schneller und weiter verbreiten als frühere Skandale?

Burkhardt Wenn sich eine Behauptung, die den Ruf eines Menschen schädigen kann, virusartig durchs Netz verbreitet, schnell und nach dem Schneeballprinzip, bedeutet das: Das Opfer kann nicht so gut reagieren wie früher. Früher hatte man kurz nach Veröffentlichung noch die Möglichkeit, eine Reaktion vorzubereiten. Diese Zeit fehlt heute. Heute muss man schon vorher vorbereitet sein auf den Skandal, um überhaupt eine Chance zu haben, den Vorwürfen angemessen zu begegnen.

Haben wir schon begriffen, dass Skandale jeden treffen können?

Burkhardt Nein, wir haben nicht im Ansatz begriffen, dass heute durch die digitalen Möglichkeiten jeder skandalisiert werden kann - für alles und aus dem anonymen Hinterhalt. Wenn wir uns etwa ansehen, was Ausländern im Netz alles unterstellt wird, sehen wir dunkle Seiten der Gesellschaft, die man auch an Stammtischen erlebt. Daran ist nicht das Internet schuld. Das Problem ist, dass man sich im Netz anonym äußern kann. Es kann nicht sein, dass Menschen andere und die Demokratie massiv schädigen können, ohne dafür einzustehen.

(dpa)
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