Dioxin-Skandal in Deutschland: So essen wir uns krank
VON BIRGIT MARSCHALL - zuletzt aktualisiert: 08.01.2011 - 22:04Berlin (RP). Der Dioxin-Eier-Skandal ist nur das jüngste Symptom einer besorgniserregenden Entwicklung im Lebensmittelsektor: Gnadenloses Profitstreben, enormer Kostendruck auf den Märkten und kriminelle Energie lassen Hersteller und Händler zu zweifelhaften Methoden greifen.
Siegfried Sievert sagt jetzt lieber nichts mehr. Denn alles, was er jetzt noch sagt, kann gegen ihn verwendet werden. Vor vier Tagen, da hat der Geschäftsführer des Futtermittelbetriebs Harles & Jentzsch im schleswig-holsteinischen Uetersen noch bereitwillig mit der Presse gesprochen – und sich dabei gehörig verplappert. "Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist", sagte Jentzsch Anfang der Woche.
Der Futtermittelhersteller im hohen Norden ist das Epizentrum des neuen deutschen Dioxin-Skandals. Über die beigemischten Fette aus der Biodieselproduktion gelangte Dioxin in die Futtermittel. Bundesweit mehr als 4000 Agrarbetriebe hat Harles & Jentzsch mit dioxinverseuchter Nahrung für Hühner, anderes Geflügeltier und vermutlich auch Schweine beliefert.
Kosten- und Wettbewerbsdruck
Ob absichtlich Gift ins Futter gelangt ist, untersuchen jetzt die Staatsanwaltschaften. Sieverts unbedachte Äußerungen lassen zumindest auf ein hohes Maß an Fahrlässigkeit schließen. Und die wiederum hat ihre Hintergründe: Futtermittelhersteller sind nur das erste Glied in der langen Wertschöpfungskette der Ernährungsmittelindustrie, in der jedes einzelne Glied unter enormem Kosten- und Wettbewerbsdruck steht – und in der jedes einzelne trotzdem noch hohe Profite erzielen will.
Futtermittel müssen billig sein, damit Landwirte tierische Rohstoffe kostengünstig herstellen können. Die Rohstoffe müssen billig sein, damit die Lebensmittelhersteller die Waren kostengünstig herstellen können. Und die Lebensmittel müssen billig sein, damit die unter gnadenlosem Konkurrenzdruck stehenden Einzelhändler die Endprodukte so preiswert wie möglich anbieten können.
"In der Ernährungsindustrie baut sich von Stufe zu Stufe ein wahnsinniger Kostendruck auf", beobachtet Christiane Groß von der Verbraucherorganisation Foodwatch. "Die Hersteller haben ein Rieseninteresse an billigen tierischen Rohstoffen – und damit auch an billigen Futtermitteln."
So wird es auch in Uetersen gewesen sein. Fette aus der Biodieselproduktion sind um ein Vielfaches billiger als jene Fette, die üblicherweise den Futtermitteln beigemischt werden. Und da die Kontrollen unter den Futtermittelherstellern als lückenhaft und ineffektiv gelten, war für Harles & Jentzsch die Versuchung groß, den billigeren Rohstoff, der eigentlich nur für technische Verwendungen geeignet ist, kurzerhand dem Tierfuttermittel unterzurühren.
Einige wenige globale Giganten
Der neue Dioxin-Fall ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Lebensmittelskandalen. Weinpanschereien, Gammelfleisch oder BSE-Rindfleisch sind die Stichworte, die niemand so schnell vergisst. Verbraucherschützer sehen in der Häufigkeit dieser Skandale ein Indiz für die unguten Strukturen auf der Seite der Lebensmittelanbieter.
Da sind zunächst einmal die Hersteller. Die Branche wird beherrscht von einigen wenigen global operierenden Giganten wie Nestlé (Maggi, Herta, Kitkat), Unilever (Rama, Langnese, Knorr), Kraft (Milka, Miracoli, Philadelphia) und Danone (Actimel, Activa, Fruchtzwerge).
Vor allem diese Lebensmittelproduzenten haben in den vergangenen Jahrzehnten herausgefunden, wie sie die teureren natürlichen Stoffe im Essen durch billigere, industriell gefertigte Aromen oder Imitate ersetzen können. Die Qualität der Produkte wird dadurch nicht besser, doch die Profite der Großen der Branche steigen trotzdem.
Ob tatsächlich Schinken auf der Schinkenpizza liegt oder nur ein glibbriges Imitat, bleibt dem Verbraucher verborgen. Seit Jahrzehnten schon kommt die gewöhnliche Kalbsleberwurst ohne eine Spur Kalbsleber aus, es ist nur Schweineleber drin und ein bisschen Kalbfleisch. Ein Vanille-Joghurt enthält schon lange kein natürliches Vanillin mehr, das aus einer Schote herausgekratzt wurde, sondern nur Vanille-Aroma, das aus den Holzabfällen der Papierindustrie stammt. Hintergrund: Kostet das natürliche Vanillin etwa 4000 US-Dollar pro Kilogramm, müssen die Hersteller für das künstliche nur zwölf US-Dollar pro Kilo berappen. Natürliche Vanille wird mithin so schnell im Joghurt nicht mehr vorkommen.
Nicht drin, was draufsteht
"In den meisten Produkten ist schon lange nicht mehr drin, was draufsteht", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Das ist dem Kostendruck geschuldet, den die Hersteller diktieren, weil sie ihre Gewinnmargen steigern wollen." Die enorme Konkurrenz der Giganten untereinander verstärke diesen Effekt. Und die Konzerne entziehen sich der Kontrolle: Wie sie ihre Produkte genau herstellen und was genau diese enthalten, bleibe häufig verborgen – trotz der teilweise umfangreichen Etikettierungsvorschriften.
"Der Wettbewerb ist auf der Herstellerebene massiv", sagt Christian Wey, der an der Universität Düsseldorf einen Lehrstuhl für Wettbewerbs- und Regulierungsökonomik innehat. Das Problem schwindender Qualität sei nicht der Marktmacht der Großen geschuldet, sondern einem Marktversagen: Die Verbraucher könnten nicht ausreichend überprüfen, was die Produkte enthielten, die sie kauften. "Der Kunde kauft die Katze im Sack."
Die Hersteller seien ständig dabei, ihre Gewinnmargen zu erhöhen. Nestlé und Co. geht es um Kostensenkung. Ein Kilo gutes Huhn wäre für zehn Euro zu haben, doch ein Aroma, das dem ganzen Huhn entspricht, schon für ein paar Cent. Jedes Jahr werden in der EU etwa 170.000 Aromen ins Essen gerührt. In einigen Produkten, etwa Trinkjoghurts, wird dabei bis zum 500-Fachen überdosiert, wie die Zeitschrift "Ökotest" herausfand.
Sinkende Lebensmittelpreise
Wird schon die Herstellerstufe von wenigen dominiert, ist es beim Handel nicht anders: Die fünf großen Händler Edeka, Metro, Aldi, Lidl und Rewe decken fast 80 Prozent des deutschen Lebensmittelmarktes ab. Sie liefern sich einen gnadenlosen Wettbewerb um die billigsten Produkte, sie drücken die Einkaufspreise. Geiz ist geil in den Chefetagen von Edeka, Aldi und Co.
Durch ihre Einkaufsmacht können die Handelsriesen besonders mittelständischen Herstellern die Preise diktieren. Im Krisenjahr 2009 sanken die Lebensmittelpreise um vier Prozent, während die Teuerung insgesamt nicht zurückging. Kein anderes Land in Europa habe ein so niedriges Preisniveau bei Lebensmitteln, klagt die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie.
Wettbewerbs- und Kostendruck, Gewinnstreben, Intransparenz und mangelnde Kontrollen bilden eine gefährliche Mischung, die Lebensmittelskandale am laufenden Band produziert. "Der Verbraucher", sagt Christiane Groß von Foodwatch, "kann sich davor nicht schützen."
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