Nach 20 Stunden auf Gefängnisdach: Stephanies Entführer gibt auf
zuletzt aktualisiert: 09.11.2006 - 06:00Dresden (RPO). Mario M., der mutmaßliche Vergewaltiger der Dresdner Schülerin Stephanie, ist gegen 3.30 Uhr in der Nacht vom Gefängnisdach gestiegen. Dort hatte er seit 7.24 Uhr am Mittwochmorgen gestanden. Er war seinen Wächtern bei einem Hofgang entkommen und auf das Dach geklettert.
In Begleitung eines Beamten des Sondereinsatzkommandos (SEK) der Polizei habe der 36-jährige Mario M. das Gefängnisdach am Donnerstagmorgen über eine Hebebühne verlassen, sagte ein Polizeisprecher. "Er ist seit 3.30 Uhr in unserer Obhut", betonte er. Unterdessen fordern Politiker Konsequenzen der erneuten Justizpanne.
Der Grund für die Flucht des vorbestraften Sexualstraftäters ist bislang unklar. Nach Polizeiangaben hat M. keine Forderungen gestellt. Auch sei keine Gewalt anwendet worden. Ein SEK-Beamter und eine Spezialistin des Landeskriminalamtes hätten den 36-Jährigen in langen Gesprächen davon überzeugen können, aufzugeben, sagte der Polizeisprecher weiter. Anschließend sei der Häftling wieder in seine Zelle gebracht worden.
Zuvor habe er seinen Anwalt sprechen dürfen. M. war es am Mittwochmorgen bei einem Hofgang gelungen, seinen Wächtern zu entkommen und das Dach zu erklimmen. Eine Flucht von dort aus dem Gefängnis war aber nicht möglich.
Der Peiniger der damals 13-jährigen Stephanie steht seit vergangenen Montag wegen Geiselnahme, Kindesentziehung und schweren sexuellen Missbrauchs sowie Vergewaltigung vor dem Dresdner Landgericht. Der Prozess soll an diesem Donnerstag fortgesetzt werden. Das Opfer Stephanie wird nach dem Vorfall nicht mehr wie geplant als Zeugin aussagen. Ihre Familie fürchtet um ihre Sicherheit. M. soll Stephanie im Januar und Februar 36 Tage lang in seiner Dresdner Wohnung gefangen gehalten und dutzendfach sexuell missbraucht haben.
Nach der erneuten Justizpanne in diesem Fall wird der Ruf nach personellen Konsequenzen lauter. FDP-Chef Guido Westerwelle sprach von einem "Justizskandal, der zum Himmel schreit - und nach persönlichen Konsequenzen der Verantwortlichen." Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler nannte die spektakuläre Kletteraktion des mutmaßlichen Vergewaltigers auf das Gefängnisdach einen "ungeheuerlichen, beispiellosen Vorgang". Da dürfe sich "niemand wundern, dass im Volk Gedanken an Selbsthilfe aufkommen."
Der frühere Berliner Justizsenator Rupert Scholz (CDU) betonte: "Ich bin entsetzt. Das ist eine Katastrophe für das Opfer - verheerend, einfach verheerend." Er forderte: "Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden." Der CSU-Rechtsexperte Norbert Geis schloss sich dieser Forderung an.
Der Chef der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag, Holger Zastrow, kritisierte die sächsische Justiz in scharfer Form: "Die erneute Panne im Fall Stephanie blamiert die sächsische Justiz bis auf die Knochen. Der Vollzug ist offensichtlich zu lasch. Schwerverbrechern geht es viel zu gut."
Nach Ansicht der FDP-Rechtsexpertin im Bundestag, Mechthild Dyckmans, wirft der Fall ein Schlaglicht auf den generellen Zustand der Justiz in Deutschland. "In der Justiz wird seit Jahren gespart, es fehlt an Personal", sagte die Politikerin, die selbst als Richterin gearbeitet hat.
Zuvor hatten bereits Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt und Justizminister Geert Mackenroth (beide CDU) personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen. Mackenroth kündigte an, mögliche Konsequenzen aus dem Vorfall zu prüfen, seinen eigenen Rücktritt eingeschlossen.
Die Flucht des Angeklagten ist bereits die zweite Panne im Fall Stephanie. Die Ermittler waren dem vorbestraften 36-Jährigen lange Zeit wegen eines Erfassungsfehlers in der Polizei-Datenbank nicht auf die Spur gekommen. Stephanies Familie will das Land Sachsen deshalb auf mehr als eine Million Euro Schmerzensgeld verklagen.
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