Neue Erkenntnisse im Fall Benno Ohnesorg: Strafanzeige gegen den Todesschützen
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 22.05.2009 - 12:48Düsseldorf (RPO). Spektakulärer Fund in den Akten der Birthler-Behörde: Der Polizist, der den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in den Kopf schoss, war Mitarbeiter der Stasi. Ein Vertreter von Opfer-Verbänden hat aufgrund der Berichte Strafanzeige gegen den Todesschützen gestellt - 42 Jahre nach der Tat.
Die Anzeige gegen den damals als Polizisten tätigen Karl-Heinz Kurras wegen Mordes ging nach Darstellung der "Vereinigung 17. Juni " noch in den Abendstunden des Donnerstas in einem Polizeirevier in Berlin ein. Erhoben hat sie Carl-Wolfgang Holzapfel, Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni und stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS).
"Mord verjährt nicht", lautet Holzapfels Begründung in einer Pressemitteilung. Die Ermittlungen gegen Kurras müssten so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Holzapfel ist nach eigenen Angaben Opfer der Stasi geworden.
Bisher war der Mord an Ohnesorg nie restlos aufgeklärt worden. Die deutschen Gerichte hatten Kurras aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Mit den Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des ZDF kommt nun wieder Bewegung in den Fall. Der Polizist Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschossen hat, soll Stasi-Spitzel gewesen sein.
Der Fund in den Akten
Wie beide Medien berichten, fanden die Autoren Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs durch einen Zufall entsprechende Unterlagen im Aktenbestand des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Demnach soll Kurras ab 1955 für die Stasi gespitzelt haben und seit 1962 auch Mitglied der DDR-Staatspartei SED gewesen sein.
Dem Bericht nach operierte er unter den Decknamen IM "Otto Bohl". Er soll der Stasi Informationen aus der Westberliner Polizei zugespielt haben. Müller-Enbergs bezeichnete Kurras als hochrangigen Top-Spion. 1962 habe Kurras dann einen Antrag auf Mitgliedschaft in der SED gestellt, in die er nach einer zweijährigen Kandidatenzeit 1964 endgültig aufgenommen wurde.
Die beiden Mitarbeiter der Stasi-Behörde gewannen ihre Erkenntnis aus insgesamt 17 Aktenbänden zum Fall Kurras. Ihr Bericht darüber erscheint am kommenden Donnerstag mit der Fach-Zeitschrift "Deutschlandarchiv".
Kurras lebt heute 81-jährig in Berlin. Vom ZDF mit dem Dokument über seine Verpflichtungserklärung konfrontiert und gefragt "Sind Sie das?", antwortete er: "Kann sein." Seine Frau erklärte indes, derartige Dokumente könnten auch gefälscht sein. Der Berliner Tagesspiegel meldete, Kurras bestreite, jemals mit der Stasi kooperiert zu haben.
Beauftragte die Stasi Kurras mit einem Mord?
Ließ die Stasi gezielt morden, um die Studentenproteste in der Bundesrepublik anzufachen? Das ist nach Einschätzung der Historiker wenig wahrscheinlich. Dagegen spricht, dass die Spitzeltätigkeit des Polizisten nach dem Tod des Studenten deutlich abnahm. Seit dem Frühjahr 1967 sei die Akte des Polizisten "erkennbar ausgedünnt", so die Autoren.
Unmittelbar nach dem Attentat funkte die Stasi dem Bericht zufolge an ihren Mitarbeiter: "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall". Kurras hatte hier also offenbar auf eigene Faust gehandelt.
Im "heute journal" sagte Müller-Enbergs, es gebe keine Hinweise darauf, dass Kurras von der Stasi mit dem Schuss auf den Studenten beauftragt worden sei, "und es erscheint auch nicht plausibel, dass er jemanden erschießen sollte". Nach dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg war die DDR dem Bericht zufolge vielmehr besorgt, dass die Stasi-Mitarbeit auffliegen könnte.
Dennoch sind die nun bekannten Fakten brisant. Wäre 1967 bekannt geworden, dass Ohnesorg von einem Stasi-Spitzel erschossen wurde, wäre das Ereignis in einem anderen Licht erschienen. Die Tötung des Studenten sorgte damals für eine Radikalisierung der westdeutschen Studentenbewegung, aus dem sich ein kleiner Teil letztlich dem bewaffneten Kampf gegen das System verschrieb.
Die Folgen der Tat
Bis 1967 waren die Proteste auf wenige große Universitätsstädte beschränkt und noch keine Massenbewegung. Im Zentrum der Forderungen der Studenten standen eine Reform des Bildungssystem, viele waren noch wenig politisiert. Benno Ohnesorg selbst war kein radikaler Systemgegner, sondern Pazifist und aktives Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde.
Nach dem Tod des Studenten erhielt die Bewegung jedoch starken Zulauf und breitete sich auf sämtliche Universitätsstädte aus. Die außerparlamentarischen oppositionelle Bewegung APO radikalisierte sich. Standen bis zu der Tötung Ohnesorgs noch Forderungen nach Bildungsreformen im Mittelpunkt der Protestbewegung, nahmen nun zunehmend mehr Studenten eine explizit systemfeindliche Haltung ein. Viele bekannten sich nun zu einer sozialistischen Gesellschaftsordnung und sahen im Kapitalismus der BRD eine Fortsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft.
Die Studenten, die sich kritisch mit der Vergangenheit ihrer Eltern auseinandersetzten, sahen sich aus ihrer Perspektive nun einem Staat gegenüber, der mordet. Schon zuvor beschäftigten sich viele Jugendliche in der noch jungen Bundesrepublik mit der Vergangenheit ihrer Eltern. In Folge der Tötung Ohnesorgs schlug die Kritik an der mangelnden Entnazifizierung bei vielen in eine pauschale Gleichsetzung der BRD mit dem Nazi-Regime um.
Bei der linksterroristischen "Bewegung 2. Juni" macht schon der Name der Gruppe deutlich, welches Ereignis die Mitglieder zum bewaffneten Kampf trieb. Die Gruppe schloss sich später der Roten Armee Fraktion (RAF), die selbst vor Bombenschlägen und der Ermordung entführter Geiseln nicht zurückschreckte.
Mit Material von AP









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