Dritte Location an der deutschen Grenze geplant: Streit um weiteren Shop für Drogentouristen
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 24.07.2006 - 20:31Straelen/Venlo (RP). Venlo plant, einen weiteren „Coffeeshop“ aus der City an die deutsche Grenze zu verlagern. Die Nachbarstädte Straelen und Nettetal sind ebenso überrascht wie verärgert. Sie fürchten, dass sich immer mehr Grenzgänger in Venlo mit Drogen eindecken. Der niederländische Staat verdient daran.
Heinrich Wienen, Ordnungsamtsleiter in der Kleinstadt Straelen nahe dem niederländischen Venlo, bringt so leicht nichts aus der Ruhe. „Aber bei dem Telefonat ist mir bald der Hörer aus der Hand gefallen“, sagt Wienen. Auf zufällige Nachfrage in der Venloer Stadtverwaltung erfuhr er vergangene Woche, dass Venlo einen dritten „Coffeeshop“ offenbar direkt an den Grenzübergang Niederdorf verlegen will, keinen Steinwurf von Straelen entfernt. Wienen: „Das kam völlig überraschend für uns.“ Inzwischen ist der Frieden zwischen Venlo und seinen deutschen Nachbarstädten Straelen und Nettetal dahin.
Die sind der Ansicht, dass Venlo nicht noch mehr Coffeeshops an die Grenze verlagern, sondern die bestehenden schließen sollte. Auf dass es Drogentouristen nicht noch leichter gemacht werde, an den Stoff zu kommen. Dieser Drogentourismus ist heute schon täglich in den Coffeeshops „Oase“ und „Roots“ am Venloer Befrijdingsweg nahe des Grenzübergangs Schwanenhaus an der A 61 zu besichtigen. Die „Mobile Kontrollgruppe Kaldenkirchen“ des Krefelder Zolls geht von monatlich 27.000 Drogenkonsumenten aus - pro Shop.
Vor knapp zwei Jahren verlegte Venlo die beiden Coffeeshops aus dem Drogensumpf seines Stadtviertels „Q4“ an die deutsche Grenze, drei weitere Shops werden in der Venloer City geduldet. Einer davon soll nun Richtung Straelen umziehen. Die Verlegungen sind Teil des Projektes „Hektor“, mit dem Venlo seit fünf Jahren gegen die Drogenkriminalität vorgeht. Im Frühjahr musste der Venloer Bürgermeister Hubert Bruls einräumen, dass die Zahl der Drogentouristen durch die Verlagerung der Shops weiter gestiegen ist. Dass Bruls nun dennoch über die Verlagerung eines dritten Shops nachdenkt, bringt die deutschen Nachbarn in Rage.
"Die meisten Konsumenten sind Deutsche"
Aus niederländischer Sicht sind die Drogen-Touristen jedoch vor allem ein deutsches Problem: 70 bis 80 Prozent der Konsumenten sind Deutsche - an denen der niederländische Staat und die Stadt Venlo viel Geld verdienen. „Wir gehen von erheblichen Steuereinnahmen aus“, so Zoll-Sprecher Alwin Bogan. Geschätzter Umsatz pro Shop und Jahr: 11,34 Millionen Euro.
Während die Stadt das geduldete Drogengeschäft - daneben gibt es mindestens 60 illegale Coffeeshops in Venlo - offiziell strengen Kontrollen und Beschränkungen unterwirft, wird deren Einhaltung nach Erkenntnissen der Kaldenkirchener Zöllner nicht kontrolliert, ihr Bruch sogar geduldet. So werde die Videoüberwachung der Shops nicht ausgewertet, die Höchstabgabe von fünf Gramm Haschisch oder Marihuana pro Tag und Person sei nicht kontrollierbar, nicht einmal die Ausweiskontrolle klappe.
In den Shops dürfen nicht mehr als 500 Gramm weiche Drogen gelagert werden. Zöllner Wanzke: „Bei dem exorbitant hohen Verbrauch, mindestens vier bis fünf Kilo täglich, ist eine permanente Anlieferung nicht möglich. Somit wird wissentlich geduldet, dass mehr als die genehmigten 500 Gramm weicher Drogen in den Shops vorrätig gehalten werden.“
Laut Vorschrift müssen die im Shop gekauften Drogen auch dort konsumiert werden. Ganz öffentlich würden dort jedoch auch 40 Gramm für den Transport in Folie gepackt - die Folie stehe sogar auf den Verkaufstresen. Neben diesen Eindrücken liefert der Zoll sprechende Zahlen: Seit der Verlegung der Venloer Shops in 2002 ist die Zahl der Strafanzeigen gegen Drogentouristen wegen Delikten im Bereich bis zu fünf Gramm um 38 Prozent gestiegen; 1400 Anzeigen sind es nun jährlich. Im gleichen Zeitraum wuchs die Menge der an der Grenze beschlagnahmten harten Drogen um 359 Prozent.
Dicke Luft beiderseits der Grenze: Die Deutschen ärgern sich über Venlos Bürgermeister Bruls. Der beklagt seinerseits in einem Beschwerdebrief, dass Nettetals Erster Beigeordneter Marc Lahmann, öffentlich erklärt habe, Venlo werde weltweit das Image der Drogenstadt Nummer 1 behalten, solange die Shops nicht geschlossen würden. Bruls: „Diese Aussage erwartet man von einem guten Nachbarn nicht.“
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







