Jugendgewalt: "Stubenarrest" hinter Gittern
zuletzt aktualisiert: 21.01.2008 - 14:56Berlin (RPO). Jugendarrest als Denkzettel: In einer zehn Quadratmeter großen Zelle bekommen straffällige Jugendliche in Berlin einen Vorgeschmack, was es heißt, im Gefängnis zu sein. Ein Augenzeugenbericht.
Zehn Quadratmeter, PVC-Boden, Bett, Tisch, Stuhl - Marcs (Namen von der Redaktion geändet) Bleibe für die kommenden zwei Wochen ist karg. Die Metallgitter am Fenster und das dicke Schloss an der Tür verraten, dass er nicht freiwillig hier ist. Dem 18-Jährigen wurde Arrest verordnet - wegen Körperverletzung. Bestürzt ist er nicht darüber, er war schon einmal in der Jugendarrestanstalt im Berliner Süden. "Es ist nicht besonders abschreckend hier, eher wie Stubenarrest", sagt er und merkt an: "Eigentlich ist es wie eine Jugendherberge - nur dass du deine Tür nicht selbst abschließt."
Marc lebt im Märkischen Viertel, einem Problemgebiet im Stadtteil Reinickendorf. "Da wird man als minderwertig betrachtet, wenn man keine Anzeigen hat", erzählt er. "Du musst dich da behaupten, sonst gehst du unter." Alle seine Freunde sind schon straffällig geworden. Die erste Anzeige kam bei ihm mit 13 Jahren. Zuerst waren es Graffiti-Schmierereien und Fahrraddiebstähle, später Drogendealereien und Einbrüche. 36 Anzeigen hat er mittlerweile angehäuft - genug, um sich nicht mehr täglich behaupten zu müssen, wie er sagt. Zuletzt kam Körperverletzung dazu. Drei junge Männer hat er zusammengeschlagen, einem hat er die Nase, dem Zweiten eine Rippe gebrochen.
"Das war Horror"
16 Tage lang saß Marc dafür in Untersuchungshaft im Jugendknast. An eine Herberge erinnerte ihn dort nichts. "Das war Horror", sagt Marc. Drohungen, Schikanen, Disziplin und Angriffe von Mithäftlingen - die Zeit dort hat ihn so geschockt, dass er anschließend keine Anzeigen mehr kassiert hat. Weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat, musste er noch einmal in den Arrest. Das Knasterlebnis ist nicht der einzige Grund für seinen Sinneswandel: Marc hat sich verliebt. Seiner Freundin zuliebe lässt er seine Kumpels mittlerweile alleine zu Einbrüchen losziehen.
Auch Toni* hat gerade jemanden kennengelernt. Seine neue Freundin weiß nicht, dass er im Moment ein Flurnachbar von Marc ist. Damit er sie nicht noch einmal anlügen muss, will er mit dem Zuschlagen aufhören. Auch er sitzt wegen gefährlicher Körperverletzung zwei Wochen lang hinter den vergitterten Fenstern der Arrestanstalt. In ein paar Monaten fängt Toni eine Ausbildung zum Physiotherapeuten an, in seiner Zelle stapeln sich die aufgeschlagenen Lehrbücher. Wer während der Ausbildung bei einer Straftat erwischt wird, fliegt raus. "Für mich ist das ein Riesenanreiz, mit dem Mist aufzuhören", sagt der 21-Jährige. "Und das hat mir keiner ins Hirn gepredigt, das sage ich mir selbst."
Ein kurzer Freiheitsentzug
Toni kommt aus geordneten Verhältnissen, aus einem "guten Elternhaus". Irgendwann bekam er Probleme wegen Drogen, hat sich ein paarmal geschlagen. Ein knappes Dutzend Anzeigen hat ihm das bislang eingebracht, dreimal stand er vor Gericht. "Ich bin mit den schlimmsten Erwartungen hier reingegangen", sagt Toni. Strenge und Drill hatte er erwartet - und wurde "enttäuscht".
Für die Jugendlichen soll der kurze Freiheitsentzug in der Arrestanstalt ein Denkanstoß sein, sagt Leiter Thomas Hirsch. Für manchen sei es ein Scheideweg - der letzte Abzweig vor dem Gefängnis. Auf Knastatmosphäre wird bewusst verzichtet. "Vielleicht wäre es für die Jugendlichen besser, wenn sie es hier härter hätten", meint Toni.
Die aktuellen Vorschläge, das Jugendstrafrecht grundsätzlich zu verschärfen, gehen ihm trotzdem zu weit. "Ein Elfjähriger würde im Arrest nur an die falschen Leute geraten", meint er. 14- oder 15-Jährige ins Jugendgefängnis zu stecken, ist auch für Marc nicht der richtige Weg. "Die gehen daran kaputt", sagt er. "Man kann die Leute nicht einfach wegsperren oder abschieben und meinen, damit sei alles geregelt."
Hirsch hält die Debatte um Jugendgewalt für "verheerend". Er arbeitet auch als Jugendrichter am Amtsgericht Tiergarten. Alle kriminologischen Untersuchungen hätten gezeigt, dass härtere Strafen nicht zu weniger Kriminalität führten. "Vor allem nicht bei Jugendlichen", sagt er, "die handeln oft spontan."
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