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Große Unterschiede zwischen Bundesländern
Studie: Warum viele Vergewaltiger ohne Strafe davonkommen
Große Unterschiede zwischen Bundesländern: Studie: Warum viele Vergewaltiger ohne Strafe davonkommen
Die Erfolgschancen auf eine Verurteilung von Vergewaltigern unterscheiden sich von einem Bundesland zum anderen um das Sechsfache. FOTO: dpa, Jan-Philipp Strobel
Düsseldorf. Ob ein Vergewaltiger verurteilt wird, hängt auch davon ab, in welchem Bundesland das Verbrechen begangen wurde. Dies besagt eine neue Studie. Von großer Bedeutung sei, ob die Polizei die Aussage des Opfers nur schriftlich festhält oder ein Video aufnimmt. In NRW wird die Aussage nur selten mitgeschnitten. Von Inga Methling

Die am Donnerstag präsentierte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt, dass immer weniger Vergewaltigungen in Deutschland aufgeklärt werden. Vor 20 Jahren hätten 21,6 Prozent der Frauen, die eine Anzeige erstattet hatten, die Verurteilung des Täters erlebt. 2012 seien es nur noch 8,4 Prozent gewesen, sagte Institutsleiter Christian Pfeiffer.

Die Erfolgschancen der Frauen unterscheiden sich demnach von einem Bundesland zum anderen um das Sechsfache. "Entscheidend sei der Ablauf der Vernehmung der Frau durch die Polizei", erklärte Pfeiffer auf Anfrage unserer Redaktion. Häufig dauert die Aufnahme der Anzeige mehrere Stunden.

Durch fehlendes Geld und personelle Engpässe bei der Polizei kommt dabei am Ende aber nur ein nüchternes Protokoll über zwei oder drei Seiten heraus. Reichere Bundesländer können sich einen Videomitschnitt des Gesprächs mit einem Vergewaltigungsopfer leisten. Die Staatsanwaltschaft kann sich so ein besseres Bild über den Missbrauch machen. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Fall aufgeklärt wird.

Keine Ton- und Filmmitschnitte in NRW

In Nordrhein-Westfalen wird generell auf ein Ton- oder Filmmitschnitt einer Anzeige von Vergewaltigungsopfern verzichtet, erklärte ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei NRW. Ausnahmen sind möglich. Die Bundesländer seien bei diesem Thema unterschiedlich weit. Im bevölkerungsreichsten Bundesland wird das Mitfilmen des Gesprächs aber auch kritisch gesehen.

"Wenn eine Frau vor der Entscheidung steht, ob ihre Schilderungen als Beweisgrundlage mitgeschnitten werden, verzichtet sie vielleicht komplett auf eine Anzeige”, erklärte der Sprecher.

Pfeiffer vergleicht die Filmaufnahme mit einem Besuch der Frau. "Wenn das Opfer zu mir nach Hause kommt und mir die Vergewaltigung bis ins kleinste Detail schildert, habe ich am Ende null Zweifel, dass sie die Wahrheit sagt", so der Gewaltforscher. "Ein kurzes Protokoll lässt Fragen offen und ist leichter vom Tisch", fügte er hinzu. Die Emotion ist entscheidend – auch weil immer noch zehn Prozent der Missbrauchsanschuldigungen erfunden sind.

Sechs Gruppen von Bundesländern

Pfeiffer unterscheidet die Bundesländer in sechs Gruppen. Drei gehören zur Spitze, drei bilden das Schlusslicht. In den sogenannten armen Ländern liegt die Verurteilungsrate von Vergewaltigern bei vier Prozent, in den reichen Ländern kommt es in 24 Prozent der Anklagen zum Verfahren. Gleichzeitig haben die Vergewaltigungen in den finanziell besser ausgestatteten Bundesländern seit 1994/95 auch um 30 Prozent abgenommen. Bei den Schlusslichtern ist es genau anders herum. Hier sind die Fälle um über 40 Prozent gestiegen. Ein Teufelskreis. "Und für Deutschland nicht akzeptabel", sagte Pfeiffer.

Genauere Angaben zu den einzelnen Bundesländern machte er jedoch nicht, da sonst, so Pfeiffers Begründung, die Anzeigebereitschaft betroffener Frauen in Bundesländern mit geringer Erfolgsquote weiter sinken könne. Vielmehr soll die Studie Anstoß sein für eine länderübergreifende Untersuchung, wie die Polizei mit Vergewaltigungsopfern umgeht.

Befragt würden zum gleichen Teil Frauen, bei denen es zu einer Anklage gekommen ist, und solche, bei denen das Verfahren eingestellt wurde. Pfeiffer erhofft sich dadurch ein klareres Bild von den gravierenden Unterschieden zwischen den Bundesländern. Und fordert Justiz- und Frauenministerium zum Handeln auf.

Quelle: met
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