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Zeit als Luxusgut
Zehn Minuten mehr für die Familie

Studie: Zehn Minuten mehr für die Familie
Väter kümmern sich heute mehr um ihre Kinder als früher. FOTO: dpa, Frank Leonhardt
Berlin. Knapp 15 Stunden pro Woche schauen die Deutschen fern, und Väter kümmern sich heute zehn Minuten länger um ihre Kinder als noch vor zehn Jahren. Zu diesen und anderen Erkenntnissen kommt eine neue Statistik. Von Jan Drebes

Zeit ist allgegenwärtig und doch zum Luxusgut geworden. Um mehr davon für sich zu haben, verzichten manche lieber auf die Gehaltserhöhung und reduzieren die Arbeitsstunden. Diese Haltung entspricht dem Zeitgeist, vor allem bei Eltern. Das hat eine neue Studie des Statistischen Bundesamtes und des Familienministeriums ermittelt. Demnach beklagen sich viele Eltern, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu haben. Jeder zweite Vater, der berufstätig ist, würde gerne weniger arbeiten, bei den erwerbstätigen Müttern ist es jede vierte, um sich mehr um den Nachwuchs kümmern zu können.

5000 Haushalte mit rund 11 000 Personen ab zehn Jahren wurden im Zeitraum von August 2012 bis Juli 2013 für die Umfrage gebeten, in einem Tagebuch an drei vorgegebenen Tagen jeweils in Zehn-Minuten-Schritten zu dokumentieren, welche Haupt- und Nebentätigkeiten ausgeübt wurden. Das Ergebnis: Wünsche und Wirklichkeit zur verfügbaren Zeit klaffen heute stark auseinander. Und verglichen mit den Studienergebnissen von vor zehn Jahren, scheint es kaum besser zu werden.

Ein Überblick:

ARBEITSZEIT Die Deutschen arbeiten heute der Studie zufolge mehr als noch in den Jahren 2001 und 2002. Die Erwerbsarbeit von volljährigen Männern über alle Altersgruppen hinweg (auch Rentner) liegt heute pro Woche bei durchschnittlich 25 Stunden und 13 Minuten. Das ist nur eine knappe halbe Stunde mehr als vor zehn Jahren. Anders bei den Frauen: In Stunden gerechnet, erhöhte sich ihre Erwerbstätigkeit von einst gut 13 auf heute mehr als 16 Stunden pro Woche. Auch beim Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit (etwa Kinderbetreuung oder Haushaltstätigkeiten) spiegelt sich eine klassische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen wider: Ein Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen Frauen im Beruf, zwei Drittel mit unbezahlter Arbeit. Bei Männern ist es genau umgekehrt. 62 Prozent ihrer Arbeitszeit verwenden sie für den Job, 38 Prozent unbezahlt - Tendenz fallend. So ist ihr Aufwand für Tätigkeiten abseits des Büros um eine Stunde und 20 Minuten auf 19:21 Stunden pro Woche gesunken. Wer alles zusammenrechnet, kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen jede Woche eine Stunde länger arbeiten als Männer.

Auffällig ist auch, dass Elternpaare pro Woche rund zehn Stunden mehr arbeiten als Paare ohne Kinder. Zurückzuführen ist das auf den deutlich höhren Anteil an unbezahlten Tätigkeiten, die bei der Kinderbetreuung anfallen.

KINDERBETREUUNG Obwohl Väter auch schon vor zehn Jahren angegeben hatten, mehr Zeit mit ihren Kindern statt im Beruf verbringen zu wollen, hat sich seitdem erstaunlich wenig getan. Denn statistisch betreuen Männer ihre Kinder heute nur zehn Minuten länger als damals. Pro Tag schaffen sie 51 Minuten, Mütter kommen im Schnitt auf eine Stunde und 45 Minuten als Hauptaktivität. Aber die Statistiker werteten Kinderbetreuung oft auch als Nebenbeschäftigung. Etwa, wenn beim Kochen ein Gespräch über den Schultag des Kindes geführt wird.

Dass Frauen mehr Zeit mit den Kindern haben, hängt natürlich mit den unterschiedlichen Arbeitsmodellen zusammen. Und die sind nach wie vor sehr starr, wie auch aus anderen Studien hervorgeht. So hatte vor wenigen Monaten eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach ergeben, dass bei mehr als 70 Prozent der befragten Eltern der Vater auch nach der Geburt eines Kindes weiter in Vollzeit arbeitet, während die Mutter danach nur noch in Teilzeit oder gar nicht mehr berufstätig ist. Gleichzeitig hatten 52 Prozent der Väter angegeben, sie würden gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen. Aber nur 18 Prozent der Befragten tun das.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will das ändern. Nicht umsonst präsentierte sie gestern die neue Studie zur Zeitverwendung gemeinsam mit dem Chef des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. Und so gab es den erwartbaren Werbeblock für die Familienarbeitszeit der Ministerin: Damit sich Frauen und Männer die Berufs- und Familienarbeit künftig partnerschaftlicher teilen können, will Schwesig eine Familienarbeitszeit von 30 Wochenstunden für beide Elternteile samt Bonuszahlung einführen. Die Union hält jedoch strikt dagegen. Den Kritikern sagte Schwesig: Die Familienarbeitszeit sei "kein sozialromantischer Schnickschnack", sondern "eine knallharte Antwort" auf eine bestehende Lohnlücke, die für Frauen im Rentenalter Folgen habe.

FREIZEIT Mit Freizeitaktivitäten beschäftigen sich die Deutschen im Durchschnitt knapp sechs Stunden am Tag, wie aus der Studie hervorgeht. Zum Vergleich: Für bezahlte und unbezahlte Arbeit verwenden sie knapp sechseinhalb Stunden, gut eineinhalb Stunden für Essen und neuneinhalb Stunden für Schlafen und Körperpflege. In der Freizeit am beliebtesten ist der Medienkonsum. 14,5 Stunden pro Woche saßen die Befragten im Schnitt vor dem Fernseher, wobei die Altersgruppe der über 65-Jährigen sogar auf knapp 18,5 Stunden kam. Bei den 10 bis 17-Jährigen waren es immerhin noch 11,5 Stunden. Knapp vier Stunden verbrachten die Umfrageteilnehmer pro Woche mit Lesen, etwas mehr als eineinhalb Stunden mit Kino- und Theaterbesuchen oder Ausflügen und dreißig Minuten mit Radiohören. Dass aber die Menschen den Daten zufolge nur eine halbe Stunde pro Tag ihren Computer oder ihr Smartphone nutzen, dürfte täuschen. Allerdings rechneten die Statistiker über alle Altersgruppen hinweg, bezogen also ältere Menschen ohne Zugang zu dieser Technik mit ein, und erfassten nichts unter einer Nutzungsdauer von zehn Minuten. Der häufig schnelle Blick aufs Handy sehr oft am Tag kommt in der Studie nicht vor.

Quelle: RP
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