Helgoland: Schwerste Stürme seit 30 Jahren: Sturmflut hinterlässt Verwüstungen
zuletzt aktualisiert: 09.11.2007 - 18:30Norden (RPO). Die Nordseeküste hat die erste schwere Sturmflut dieses Herbstes offenbar überstanden. Am schwersten getroffen wurde Helgoland. Experten sprechen dort von den schwersten Stürmen seit 30 Jahren. Der Hamburger Fischmarkt steht unter Wasser.
Orkanböen peitschen am Mittag die Wellen mit Geschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern an die Dämme. Einschätzungen über die Schäden sind derzeit unmöglich.
Am schlimmsten traf es Großbritannien und die Niederlande. Aber auch Norddeutschland bekommt etwas ab. Ein Überblick über das, was bisher geschah.
Deutschland: Metorologen haben zwischendurch Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern gemessen. An der Nordseeküste gelten Flutwarnungen, besonders in der Region um die Ems und die Elbe. Die Fluttore von Cuxhaven wurden am späten Vormittag geschlossen. In Bremerhaven übertritt das Wasser wegen der hohen Pegel bereits die Kaimauern. Der Fährverkehr wurde komplett eingestellt.
Die Lage sei aber noch unter Kontrolle, berichten Korrespondenten des Nachrichtensenders n-tv. Einheimische bewerteten den Zuständ der Dämme bei Dagebüll in Nordfriesland als gut. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg warnte vor Wasserständen an der Elbmündung sowie in Bremen von bis zu zwei Metern über dem mittleren Hochwasser.
An der niedersächsischen Küste überspülte die Flut nur Strände, Deichvorlandgebiete und Hafenflächen, die Fähren zu den ostfriesischen Inseln fuhren zeitweise nicht. Das Emssperrwerk und elf weitere Sperrwerke wurden zwischenzeitlich Geschlossen. "Das ist schon eine ungewöhnlich hohe Sturmflut", sagte Gudrun Wiebe vom Bundesamt von Seeschifffahrt und Hydrographie.
Auf der Insel Borkum sei die Flut am Vormittag 2,48 Meter höher aufgelaufen als normal, sagte eine Sprecherin des Niedersächsischen Küstenschutzes in Norden. In Emden und Cuxhaven wurden für den Mittag Wasserstände von drei Metern und mehr über dem mittleren Hochwasser erwartet, in Hamburg sagte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) für den Nachmittag bis zu dreieinhalb Meter erhöhte Wasserstände voraus.
In Hamburg erreichte das Hochwasser am Nachmittag einen Pegelstand von 5,42 über Normalnull, das waren rund 3,30 über dem mittleren Hochwasser. "Das ist der höchste Stand seit Februar 1990, als 5,53 über Normalnull gemessen wurden", sagte Wiebe. Am schlimmsten betroffen war nach Angaben des Katastrophenschutzes die Hafencity. Mehrere Baustellen wurden überflutet, außerdem standen der Fischmarkt und die große Elbstraße unter Wasser. Experten in der Hansestadt sprechen von den schlimmsten Stürmen seit acht Jahren.
Die deutsche Nordseeküste hatte sich bereits auf das Eintreffen der Sturmflut vorbereitet. So seien die Küstenschutz-Mitarbeiter auf den Inseln in Alarmbereitschaft versetzt, Deichtore und Sperrwerke - etwa das in der Ems bei Gandersum - geschlossen worden, sagte die Sprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Norden. Die Deichwachen seien alarmiert, "ansonsten können wir nur abwarten". Am Nachmittag lasse sich eine erste Einschätzung über die Flutschäden geben.
Die Flut traf Helgoland so schwer wie seit etwa 30 Jahren nicht mehr, wie Tourismusdirektor Klaus Furtmeier sagte. Vermutlich seien an der vorgelagerten Badeinsel hunderttausende Kubikmeter Sand weggerissen worden, sagte Tourismusdirektor Klaus Furtmeier am Freitag. Man befürchte einen Schaden in Millionenhöhe. Seit etwa 30 Jahren sei Helgoland nicht mehr so stark von einer Sturmflut getroffen worden. Man sei von der Intensität überrascht gewesen. Für die Bewohner von Deutschlands einziger Hochseeinsel bestehe aber keine Gefahr mehr.
Das Lageführungszentrum Schleswig-Holstein meldete, im Nord-Ostsee-Kanal habe einige Stunden nicht geschleust werden können. Der Fährverkehr zu den nordfriesischen Inseln und Halligen sowie zwischen Sylt und der dänischen Insel Röm sei am Morgen eingestellt worden. Die Fähre nach Föhr fuhr am Abend wieder. An der Wetterstation Station Leuchtturm Alte Weser wurde laut DWD um 14.00 Uhr eine Spitzenböe von 130 Stundenkilometern gemessen.
Großbritannien: Im Osten Englands entspannt sich die Lage; die Auswirkungen des Sturms sind offenbar geringer als befürchtet. Zuvor waren hunderte Menschen im Osten Englands evakuiert worden. "Es gibt bislang keine Berichte von überschwemmten Häusern", sagte der Sprecher der britischen Umweltbehörde, Stewart Brennan, nachdem die Pegelstände um 08 Uhr Ortszeit ihren Höchststand erreicht hatten.
Am Donnerstagabend hatte die Behörde für die Küstenregionen in den Grafschaften Norfolk, Suffolk, Kent und Essex Flutwarnungen ausgegeben. Etwa 500 Menschen in der Region hatten die Nacht zum Freitag in Notunterkünften verbracht, viele andere waren in die oberen Stockwerke ihrer Häuser gezogen.
Premierminister Gordon Brown kündigte nach einer Sitzung des Krisenstabs Cobra am Freitagmorgen in London Hilfe für die betroffenen Gemeinden an. Als am stärksten betroffen galt die Stadt Great Yarmouth in Norfolk, wo mehrere Straßen überflutet waren.
An der englischen Küste konnten 500 Menschen in ihre vorübergehend evakuierten Häuser zurückkehren. Sie hatten die Nacht in Notunterkünften verbracht. Die Behörden meldeten lokale Überschwemmungen, in der am stärksten betroffenen Stadt Great Yarmouth in Norfolk standen mehrere Straßen unter Wasser. Berichte von überschwemmten Häusern gab es jedoch zunächst nicht.
Niederlande: In den Niederlanden verursachten die Stürme über der Nordsee in der Nacht keine Schäden. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur ANP wurden zum ersten Mal im ganzen Land alle Sperrwerke geschlossen, darunter das neue Sperrwerk vor dem Hafen von Rotterdam. Gigantische Stahltore von je 210 Metern Länge schützen den Hafen. Der Schiffsverkehr ist lahmgelegt.
Erstmals waren auch alle Deichüberwachungsdienste an der gesamten Küste gleichzeitig in Alarmbereitschaft. Die Zufahrt zum Hafen von Rotterdam, dem größten Hafen Europas, sollte laut ANP noch bis Freitagmittag gesperrt bleiben. Dort erreichte der Pegel der Nordsee einen Stand von 2,84 Meter über Normalnull. Im Norden der Niederlande wurde mit 3,43 der Höchststand erreicht. Ein Drittel des niederländischen Staatsgebietes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Auf dieser Fläche leben zwei Drittel der Bevölkerung.
In Rotterdam wurde das Maeslant-Schutzwehr am Donnerstagabend erstmals seit seiner Fertigstellung 1997 unter Sturmbedingungen geschlossen. In Lowestoft, dem östlichsten Punkt Englands, schlugen bis zu sechs Meter hohe Wellen gegen die Flutbarrieren. Doch im Laufe des Vormittags wurde Entwarnung gegeben, und mehrere hundert Evakuierte Bewohner konnten in ihre Häuser zurückkehren. "Wir waren alle sehr in Sorge, weil es die größte Sturmflut seit 1953 war, in der mehrere hundert Menschen umkamen", sagte Jill Bird, eine 47-jährige Hotelköchin in Great Yarmouth. "Wir sind heute morgen sehr, sehr froh."
Belgien: In Belgien löste der Sturm über der Nordsee einen Stau vor dem Hafen von Antwerpen aus. Zehn Schiffe drängten sich am Freitagmorgen an der Zufahrt zum Hafen, um hinein- oder hinauszufahren, wie ein Sprecher der Hafenbehörde mitteilte. Der Grund sei, dass die Lotsen seit Donnerstagabend wegen des Sturms nicht mit Booten zu den Schiffen gebracht werden könnten, sondern nur per Hubschrauber. Dies verzögere den Verkehr.
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