| 17.42 Uhr

Radiosender fragt Hörer
Statt "coolen Polizeierfahrungen" Berichte von Gewalt

SWR3 löst Shitstorm gegen Polizei aus
Der Polizei-Einsatz im September 2010 gegen "Stuttgart 21"-Demonstranten wurde später als rechtswidrig eingestuft. FOTO: dapd
Stuttgart. Der SWR3 fragte seine Hörer nach "coolen Erfahrungen" mit der Polizei. Aber stattdessen berichteten zahlreiche Menschen von Gewalt, Beleidigungen und Amtsmissbrauch durch Beamte. Für den Sender ist das Thema damit erledigt.

Es war ein ungewöhnlicher Einsatz auf der anderen Seite der Erde: In Tasmanien brachten zwei Polizei-Beamte einen betrunkenen Mann nach Hause, legten ihn in sein Bett und machten ein Selfie mit seinem Smartphone. Falls er sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnte, sollte ihm das Foto erklären, wie er nach Hause gekommen war. 

Der Mann veröffentlichte dieses Selfie auf seiner Facebookseite, die Polizei der australischen Insel teilte den Beitrag, das Foto wurde weltweit bekannt. Auch der SWR3, die Popwelle des Südwestrundfunks, berichtete darüber. Zusätzlich fragte der Radiosender seine Follower auf Twitter, ob sie auch schon so "coole Erfahrungen" mit der Polizei gemacht hätten.

Viele Anschuldigungen, wenig Lob

Was daraufhin folgte, war aber nicht so cool: Auf Twitter erinnerten Nutzer an den rechtswidrigen Einsatz der Polizei bei Demonstrationen gegen Stuttgart 21. Andere berichteten, sie seien selbst schon von Beamten beleidigt oder auf Demonstrationen auch geschlagen worden. Einige wollen auch schon erlebt haben, dass Polizisten eine Anzeige nicht aufnahmen, weil sich die Ermittlungen angeblich nicht gelohnt hätten. Ein Nutzer behauptete sogar, sein psychisch kranker Bruder sei niedergeschossen worden, gegen die Beamten sei aber kaum ermittelt worden.

Unter den vielen Antworten auf Twitter waren dagegen nur wenige positive Erfahrungen wie diese: "Mit Mitte 20 retteten mir zwei Mainzer Polizisten das Leben, als ein Besoffener meine Tür einschlagen wollte, und mich bedrohte", schrieb eine Nutzerin.

SWR3 will Berichten nicht nachgehen

Mit dieser Resonanz hatte der öffentlich-rechtliche Radiosender nicht gerechnet. "SWR3 wollte explizit positive Geschichten von Hörern über Erfahrungen mit der Polizei haben", teilte ein Sprecher am Mittwoch auf Anfrage unserer Redaktion mit. "Die negativen Berichte haben uns daher schon etwas überrascht. Allerdings passt es auch in die Zeit, in der vermehrt Angriffe auf die Polizei registriert werden." 

Aus Sicht des Senders ist das Thema trotzdem abgeschlossen. "Aus unserer Sicht besteht aktuell kein Anlass, den Geschichten hinter den Posts nachzugehen, da die Schilderungen sich nicht auf aktuelle, sondern sich vielmehr auf bereits abgeschlossene Ereignisse zu beziehen scheinen", teilte der Sprecher weiter mit. Auf Twitter hatten Nutzer gefragt, wie der Sender mit den Berichten umgehe. Sein Sendegebiet erstreckt sich über Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

"Es sind bedauerliche Einzelfälle"

Die Deutsche Polizeigewerkschaft reagierte weniger überrascht: "Bei solchen Umfragen melden sich erfahrungsgemäß Menschen, die eher negative Erfahrungen gesammelt haben", sagte ihr Bundesvorsitzender Rainer Wendt. In Studien werde der Polizei dagegen regelmäßig bescheinigt, dass sie in der Bevölkerung insgesamt ein großes Vertrauen genieße. "Das zeigt, dass solche geschilderten Erlebnisse mit der Polizei – wie jetzt gegenüber SWR3 – ernst genommen werden müssen, aber nicht überbewertet werden sollten."

Wenn sich Polizisten aber falsch verhalten hätten, "sollten wir auf unsere Justiz vertrauen",sagte Wendt weiter. Staatsanwaltschaften und Gerichte würden die Vorwürfe sorgfältig aufklären und bestrafen, wenn sich die Anschuldigen bestätigten. "Die geringe Zahl von Verurteilungen zeigt übrigens, dass Deutschland es eben nicht mit einem Problem struktureller Polizeigewalt zu tun hat. Es sind bedauerliche Einzelfälle."

Die andere Polizei-Gewerkschaft wollte sich dagegen zu den Berichten auf Twitter nicht äußern. Anonyme Vorwürfe würden nicht kommentiert, teilte die Gewerkschaft der Polizei auf Anfrage unserer Redaktion mit. 

(wer)
 
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