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Sylt
Sand, Kies und gekämmte Dächer

Sylt: Sand, Kies und gekämmte Dächer
Der Leuchtturm Hörnum im äußersten Süden der Insel. FOTO: Syltmarketing
Westerland. Die Insel ist vor allem eins – ganz anders, als man denkt. Und keineswegs nur was für die Reichen und Schönen. Ein Einblick in eine andere Welt. Von Hans Onkelbach

Für Deutschlands legendären Playboy Gunter Sachs war die Sache klar. Als der stets braun gebrannte Beau seinerzeit gefragt wurde, "Was ist das Besondere an Sylt?" soll der Ex von Brigitte Bardot gesagt haben: "Ich bin überall gewesen. Aber einen Strand wie auf dieser Insel findest du nirgendwo!" Es folgten diese 1960er und 1970er Jahre, als Sachs es im Go-Gärtchen oder im Pony an der Kampener Whiskymeile krachen ließ, zusammen mit Filmgrößen und Superreichen wie Axel Springer, den Agnellis, Krupps und Flicks. Christel Heilmann, Ex-Kö-Juwelierin, erinnert sich gut an das Gespräch. Sie lebt heute immer noch mehrere Monate im Jahr auf der Insel.

Nur – was ist das Spezielle Sylts, dem so viele verfallen? Für Gordon Debus, Chef des Arosa-Hotels in List ist es die Vielfalt zwischen Kultur und Licht, Party und Ruhe, pfiffigen Kneipen und Restaurants mit Meerblick. Peter Douven, Boss des Mini-Airports in Westerland und Geschäftsführer von Sylt-Touristik, sieht es ähnlich: Der Mix macht es. Und das Wetter. Und das Meer.

Häuser für zweistellige Millionenbeträge

Sicher ist: Die Insel im höchsten Norden Deutschlands hat ein Imageproblem. Allerdings nur bei denen, die nie da waren. Die denken, Sylt ist Schicki und Schampus, Rolls und Rolex, Klunker und Kaviar, Prunk und Protz. Und sie haben recht damit. Aber nur zum Teil.

Die Nordsee von oben FOTO: vidicom

Tatsächlich lebt Sylt mit einigen Superlativen. Sein Städtchen List im Norden ist die nördlichste Kommune Deutschlands. Und die Insel hat – kein Scherz! – den nördlichsten Weinberg Deutschlands. Der liegt direkt neben der Kirche St. Severin in Keitum, nicht weit vom Grab Rudolf Augsteins, und hat zuletzt 950 Liter Weißwein gebracht. Ein Weinkenner beschrieb das Getränk der windigen Lage fröstelnd als arg nordisch, trink- aber verzichtbar.

Apropos Lage: Deutschlandweit sind die Grundstückspreise in Kampen ungeschlagen. Am Hobookenweg wechseln Häuser für zweistellige Millionenbeträge die Eigentümer. Oft reißen die Käufer ab und bauen für ein paar Millionen neu. Um die Ecke, sozusagen in 1-B-Lage, kosten die hübschen Domizile (noch) unter zehn Millionen.

1&1-Gründer hat eine Villa in 1-A-Lage

Egal, was es kostet – jedes Haus in Kampen hat ein Reetdach. Das schreibt die Kommune vor, weil man keine optischen Ausreißer will. Multimilliardäre neigen nämlich zu so was, heißt es. Wer nun denkt, das Reet für die Dächer werde nebenan am Wattenmeer geschnitten, der irrt – die besten Rohre kommt aus Österreich, genauer: vom Neusiedler See. Neuerdings drängen auch die Chinesen auf den Markt mit Billig-Reet, das aber, so warnen Fachleute, schon bald zu faulen beginnt, während das andere bis zu 30 Jahre hält, wenn man es regelmäßig kämmt. Kämmt? Ja – das Zeug neigt zum Vermoosen, und das muss man rauskämmen. Woraus wir lernen: Wer Moos hat, lebt nicht sorgenfrei – Millionäre schon gar nicht.

Inselträume mit Landzugang FOTO: NGZ

Derzeit leidet die exklusive Kommune Kampen unter einer Um-Baustelle besonderer Art: 1&1-Gründer Ralf Dommermuth (52), von Insidern auf ein paar Milliarden geschätzt, hat sich eine Villa direkt am Watt (1-A-Lage, ergo: zweistellig!) gegönnt. Weil das Haus jedoch unter Denkmalschutz steht, darf er es weder abreißen noch ausbauen. Aber der Mann – seine schöne Frau Judith war einst das Werbe-Gesicht von Air Berlin! – hat nicht nur viel Geld, sondern auch Ideen: Er lässt die Villa unterbauen. Dazu haben seine Techniker das alte Gemäuer aufgebockt und höhlen den Untergrund aus – ein paar Etagen in die Tiefe. Seit zwei Jahren geht die Buddelei in Hanglage nun schon so, tuscheln die betuchten Nachbarn. Und darüber ist man gar nicht amused, zumal ein riesiger Kran wie ein Mahnmal auf die Baustelle hinweist. Einst gehörte das Haus übrigens dem Verleger Axel Springer.

Von Henkel und Porsche bis Klopp und Jauch

Öffentlich äußern mag man sich jedoch nicht, man will unter sich bleiben – und das Vermögen genießen, das man mit Billigsupermärkten, Zeitschriften, Autos, beim Versandhandel, mit Waschmitteln und Fußball oder sonstigen Dingen des täglichen Bedarfs erwirtschaftet hat. Soll ein Haus verkauft werden, regelt man das gern intern.

Eine Fernseh-Berühmtheit scheiterte daher einst beim Versuch, Mitglied dieses feinen Clubs zu werden. Unter der Hand hieß es, wer dort wohne, arbeite nicht für TV-Sender, sondern besitze welche. Eine ganze Reihe berühmter Familien der deutschen Wirtschaft haben jedenfalls in der Siedlung unweit der Whiskymeile eine Bleibe. Henkel, Albrecht (Aldi), Otto, Miele, Porsche – alle da. Außerdem Tennisstar Michael Stich, Fußballlegende Jürgen Klopp, RTL-Moderator Günther Jauch.

Rømø - Sylts dänische Schwester FOTO: dpa-tmn

Womit wir beim Thema Wirtschaft und Deutschlands berühmtester Kneipe wären: der Sansibar. Begonnen hat sie Ende der 1970er Jahre als Büdchen in den Dünen. Seit geraumer Zeit ist sie eine Art Wallfahrtsort für zigtausende von Menschen mit dem Wunsch, dabei zu sein, dazu zu gehören – oder zumindest denen nah zu sein, die dabei sind und dazu gehören. Die Sansibar ist wie Sylt: anders als man denkt, charmant und schwer zu erklären. Zur Zeit stellt Udo Lindenberg in dieser Holzbaracke mit abgewetztem Boden seine Bilder aus. Draußen gibt es eine Terrasse und einen Kinderspielplatz – fertig. Die Lage in der Düne ist hübsch, aber (im Gegensatz zu anderen ähnlichen Restaurants auf der Insel, z.B. dem Grande Plage bei Kampen) gibt es keinen Meerblick.

Die Sansibar – eine Art Düsseldorfer Kö mit viel Sand

Der Parkplatz unten (drei Euro pro Auto und Tag) ist voller Pkw, auf denen hinten das Sansibar-Logo, ein gekreuztes Säbelpaar, pappt – es adelt sogar die Familienkutsche mit Arnsberger Kennzeichen! Der Weg hinauf ist mit einem versenkbaren Poller versperrt, nur wirklich wichtige Gäste und ein eigener Shuttle dürfen durch. Der Rest geht zu Fuß. Und so sieht man – wie auf dem Jacobsweg – stets eine Reihe von Leuten Richtung Gipfel stapfen, die Augen aufwärts gerichtet, ihrem persönlichen Heil offenbar bald nah.

Im Grunde ist die Sansibar eine Art Düsseldorfer Kö mit viel Sand: Man guckt und wird beguckt. Taucht ein Promi auf ("Schau mal, der Kerner!"), recken alle die Hälse und kriegen, was sie erhofften: Ein bisschen vom Glamour, vielleicht sogar ein heimliches Selfie. Essen und Service sind freilich das Pilgern wert. Man speist preiswert Currywurst mit Pommes (zwölf Euro) oder monströs teuer und ordert eine Fünf-Liter-Flasche 2012er Diamond Creek "Lake" aus dem Napa Valley für 21.000 Euro – der Weinkeller der Sansibar (nachträglich unter die Hütte gegraben) hat den Ruf einer sagenhaften Schatzkammer. Zu der 21.000-Euro-Flasche gibt es eine 0,75-l-Flasche des gleichen Weins gratis als Draufgabe.

Das alles ist das Reich von Herbert Seckler. Meist sitzt der am Eingang, raucht Gauloises, trinkt Cola light (aus Weißweingläsern) und schaut zufrieden auf jene, die auf dem geschotterten Weg herauf kommen und ihren Kies loswerden wollen. Seckler ist ein freundlich-kluger Mensch, plaudert hier, kümmert sich dort – ein Kumpel halt. Wie viele Currywürste pro Tag? Wie viel Bier, wie viel was-auch-immer? Treuherzig seufzt er, zieht an der Filterlosen und meint: Ich weiß es nicht. Für seine Gäste jedenfalls ist die Kneipe absolutes Kultobjekt. Aber wie viele andere dieser Objekte leidet sie unter ihrer Attraktivität: Weil die Masse der Dabei-sein-Wollenden oft den Reiz erstickt.

Quelle: RP
 
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