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Als Kitz im Wald gerettet
Tacoma - so lebt ein blindes Reh als Haustier

Das blinde Reh Tacoma lebt als Haustier
Das blinde Reh Tacoma lebt als Haustier FOTO: dpa, tfr rho
Grafschaft-Nierendorf . Das Reh Tacoma lebt mit Hunden, Katzen und Menschen unter einem Dach. Als wäre das nicht schon ungewöhnlich genug: Zusätzlich haben die Bauern und Jäger der Umgebung ein besonderes Auge auf Tacomas Ausflüge - denn das Tier ist blind.

Seelenruhig frisst ein Reh im Wohnzimmer Apfelstücke. Für die Bauernfamilie Nelles in Rheinland-Pfalz ist das nichts Ungewöhnliches. Seit rund einem Jahr lebt das Reh namens Tacoma schon bei ihr - und fühlt sich augenscheinlich wohl. In freier Natur wäre das Tier verloren: Es ist blind.

Als zwei Wochen altes Rehkitz wurde das weibliche Tier verletzt aus einer Erdgrube befreit. Über einen privaten Kontakt zu einer Tierklinik fand es bei Familie Nelles ein Zuhause. Das Muttertier hätte es nach dem direkten Menschenkontakt nicht mehr angenommen.

Schnell merkte Familie Nelles, dass ihr neuer Hausgenosse nicht sehen konnte. Tacoma stieß anfangs immer wieder an Wände und Gegenstände. Nur über Nase, Ohren und Tastsinn orientierte sich das Rehkitz. Rasch habe es sich die Lage der Hindernisse gemerkt, sagt Margret Nelles.

"Anfangs war das kleine Kitz sehr scheu." Am liebsten habe es sich hinter dem Klavier versteckt. Doch dann habe es Vertrauen zu der tierliebenden Familie gefasst. Deren Katzen und Hunde boten sich als Spielgefährten an.

Dass ein Wohnhaus kein idealer Lebensraum für ein Wildtier ist, war der Familie klar. Vor allem spürte sie Tacomas Bewegungsdrang. So begannen die gemeinsamen Spaziergänge - erst nur im Garten, dann auf einer nahen Wiese. Bald waren längere Ausflüge möglich.

Tacoma geht mittlerweile allein auf Entdeckungsreise

Mittlerweile darf Tacoma auch alleine auf Entdeckungsreise gehen. Meist bleibt das Reh jedoch in Sichtweite zum Haus. Einmal hatte sich das Tier verlaufen und schlief über Nacht an einem fremden Ort ein. Ein befreundeter Bauer brachte das blinde Reh am nächsten Tag wieder zurück. Es sei im weiteren Umkreis bekannt und werde von Jägern und Landwirten beschützt, versichert Nelles.

"Artgerecht ist eine solche Haltung natürlich nicht", sagt Dieter Kronenberg von der Unteren Jagdbehörde. Man bewege sich in einer rechtlichen Grauzone - für ein nicht behindertes und gesundes Tier wäre eine solche Haltung definitiv nicht artgerecht. "Aber im Sinne eines Gnadenerweises für ein schwer behindertes Tier wird hier wohl keine Behörde einschreiten." Den offensichtlich pragmatischen Umgang der Familie mit Tieren sieht die Behörde als akzeptabel an. "Wenn es gut und liebevoll behandelt wird, kann man allen Beteiligten nur eine gute gemeinsame Zeit wünschen."

Nach einem Jahr bei der Familie hat das Wildtier auch tierische Freunde gefunden. "Unser Rind lutscht ihm manchmal im wahren Sinne des Wortes das Ohr ab", erzählt die Tochter, Caroline Nelles. Der Rottweiler Alaska kopiere Tacomas Verhalten sogar manchmal: "Oft sieht man draußen auf der Weide beide genüsslich nebeneinander grasen."

(felt/dpa)
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