| 16.52 Uhr

Fall Tanja Gräff
Polizei hat keine Hinweise auf ein Verbrechen

Polizei stellt Sturz von Tanja Gräff mit Puppen nach
Polizei stellt Sturz von Tanja Gräff mit Puppen nach FOTO: dpa, ade cul
Trier. Über Tanja Gräffs Tod kennt man jetzt viele Details: Etwa wie genau ihr Körper die Felswand hinunter stürzte und welche Knochen verletzt wurden. Das Wie und Warum ihres Todes wirft aber viele Fragen auf.

Nichts deutet auf ein Verbrechen an Tanja Gräff hin. Aber ganz sicher kann man auch acht Jahre nach ihrem Tod nicht sein. Zwar liefert das Skelett der seit Juni 2007 verschwundenen Trierer Studentin Rechtsmedizinern nun eine Erkenntnis: "Es gibt keine Anhaltspunkte, dass eine Gewalteinwirkung von dritter Hand stattgefunden haben könnte", sagt der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni Mainz, Professor Reinhard Urban, am Donnerstag in Trier. Er hat die Knochen von Gräff, die Anfang Mai am Fuße einer 50 Meter hohen Felswand in Trier-Pallien entdeckt wurden, in den vergangenen Wochen genau untersucht.

Dennoch: Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter wegen eines möglichen Tötungsdelikts. Denn fehlende Spuren an Knochen bedeuten noch nicht, dass es kein Verbrechen war. Falls jemand Gräff von der Felskante in den Tod gestoßen haben sollte, könne man dies nicht an Knochen ablesen, sagte Staatsanwalt Eric Samel. Daher sei immer noch unklar, wie und warum die Studentin stürzte - "und letztlich auch die Frage, ob und in welcher Weise eine dritte Person beteiligt gewesen sein könnte", sagt Triers Leitender Oberstaatsanwalt Peter Fritzen.

Leiche der vermissten Tanja Gräff gefunden FOTO: dpa

An dem nahezu vollständig geborgenen Skelett der 21-Jährigen seien keinerlei "Werkzeugspuren" - etwa von einem Messer - nachgewiesen worden, führt Urban aus. Alle Verletzungen gingen auf ein "Sturzgeschehen" an den roten Felsen zurück, sagt er. Die Wirbelsäule von Gräff sei durchtrennt gewesen, Teile der Halswirbelsäule gebrochen und gestaucht. "Diese Verletzungen waren tödlich."

Leiche war vom Hubschrauber aus nicht zu sehen

Auch der Rechtsmediziner kann nicht ausschließen, dass Gräff in den Tod gestoßen wurde. Er hält es aber für eher unwahrscheinlich. "Wenn ich jemanden hinunter stoßen will, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er nicht mit Beinen voran nach unten fällt." Das aber hat Tanja getan - ihr Schädel blieb unverletzt. Zudem hätte sich ein Täter an der steil abfallenden Kante selbst in höchste Gefahr gebracht, meinte der Wissenschaftler.

Gräff ist allerdings nicht geradewegs in den Tod gestürzt, wie der Rechtsmediziner mit Ermittlern zudem herausgefunden hat. Bei einem Experiment warfen sie lebensgroße Puppen an der Felswand herab - und stellten fest: Gräff fiel wohl zunächst 26 Meter in die Tiefe und prallte dabei mehrfach gegen Felsvorsprünge. Dann blieb sie in einer Astgabel hängen, wo ihre Leiche verweste. Erst nach einigen Wochen oder Monaten fiel ihr Skelett weiter hinunter. Genau dorthin, wo es von Waldarbeitern unter Blättern und Erde zufällig gefunden wurde.

Neben der Toten fand die Polizei Likörfläschchen

Nein, die Leiche in dem Baum habe man damals bei Suchaktionen auch vom Hubschrauber aus nicht sehen können, sagte der Leiter der 20-köpfigen Sonderkommission, Christian Soulier. Vor den Rodungsarbeiten hätten andere Bäume den Felsvorsprung verdeckt. Ebenso sei die Fundstelle damals völlig überwuchert gewesen. Dort habe man auch etliche kleine Likörfläschchen gefunden, die Gräff wohl in ihrer Tasche getragen hatte. Ausgetrunken.

Ob man je klären kann, ob es ein Unfall oder Verbrechen war, das könne man nicht sagen, meint Oberstaatsanwalt Fritzen. Die Ermittler versuchten es aber: Noch stehe das Ergebnis der Untersuchung von Gräffs Handy aus. "Wir gehen davon aus, dass es gelingen wird, die Daten im Speicher auszulesen", sagt Staatsanwalt Samel. Auch mehr als 800 alte Spuren würden derzeit neu ausgelesen, alte und neue Zeugen gehört. 65 neue Hinweise seien seit Mai eingangen.

Auch wenn der Tod von Gräff noch viele Frage aufwirft - für ihre Mutter bedeutet der Abschluss der rechtsmedizinischen Untersuchung, dass sie ihre Tochter endlich beerdigen kann, sagt der Anwalt von Tanjas Mutter, Detlef Böhm: "Für sie ist es wichtig, dass sie einen Abschluss finden kann und einen Ort zum Hingehen und Trauern bekommt."

(dpa)
 
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