Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21": Tausende Demonstranten trotzen dem Regen
zuletzt aktualisiert: 27.08.2010 - 20:50Stuttgart (RPO). Trotz strömenden Regens haben am Freitagabend erneut mehrere tausend Menschen gegen das umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21" demonstriert. Die Veranstalter sprachen von rund 25.000 Menschen, die Polizei gab mehrere tausend Teilnehmer an. Bei einer friedlichen Kundgebung vor dem Hauptbahnhof forderten die Demonstranten einen sofortigen Baustopp.
Zuvor hatten sie um Punkt 19 Uhr beim allabendlichen "Schwabenstreich" mit Trillerpfeifen, Drucklufttröten und Rasseln gelärmt. Im Anschluss zogen sie durch die Innenstadt zum Landtag, um diesen von beiden Seiten zu "umzingeln".
Die bislang größte Demonstration hatte am vergangenen Freitag stattgefunden, als nach Angaben der Organisatoren rund 30.000 Teilnehmer bei einem Schweigemarsch protestierten. Die Protestbewegung verzeichnete in der vergangenen Woche großen Zulauf, nachdem die Projektträger am Mittwoch mit dem Abriss der Fassade des Nordflügels begonnen hatten.
Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer, betonte: "Die Abrissarbeiten zwingen den Widerstand nicht in die Knie." Die Gegner kündigten an, ihre Aktionen gegen das Milliardenprojekt fortzusetzen. Herrmann sagte, dass man solange weitermachen werde, bis die Seitenflügel des Bahnhofs und der Park weg wären und die Tunnelbaumaschinen ihre Arbeit begännen.
Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) hatte sich zuvor mit einem offenen Brief an die Bevölkerung der Stadt gewandt und die Proteste gegen "Stuttgart 21" zu entschärfen versucht. "Ich habe Verständnis, dass Bürger das Projekt 'Stuttgart 21' kritisch beurteilen und ihr Recht zu demonstrieren wahrnehmen", schrieb Schuster. Allerdings sei es auch seine Aufgabe, die Interessen derjenigen Bürger zu vertreten, die nicht demonstrierten und unbelästigt in der Stadt leben wollten.
Schuster forderte die Organisatoren der Proteste, allen voran die Grünen auf, einer Radikalisierung der Proteste entgegenzuwirken. Obwohl "Stuttgart 21" für ihn "viel Arbeit, viel Ärger und derzeit wenig Popularität" bedeute, werde er sich weiterhin dafür einsetzen. Es sei aus ökologischen und ökonomischen Gründen wichtig, zudem entstehe ein neues Stadtviertel.
Er stellte klar, dass das umstrittene Bahnprojekt über 15 Jahre diskutiert und demokratisch beschlossen worden sei. Das langwierige Verfahren habe zu einer zehnjährigen Verspätung und zu erheblichen Kostensteigerungen beigetragen.
Angesichts der massiven Proteste gegen das Bahnprojekt kündigte der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Peter Hauk eine Kommunikationsoffensive an. Hauk sagte am Freitag: "Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten noch einmal verstärkt deutlich machen, dass es nicht nur ein Thema in Stuttgart ist, sondern dass dieses Projekt ein Zukunftsthema, ein ökologisches Jahrhundertprojekt für das gesamte Land ist."
Der stellvertretende Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Ulrich Maurer, warnte CDU und SPD davor, sich der Illusion hinzugeben, "Stuttgart 21" "mit der Arroganz der Macht" durchdrücken zu können. Die Landtagswahl im März 2011 werde auch eine Volksabstimmung über "Stuttgart 21" sein.
Der Schauspieler Walter Sittler als einer der prominentesten Gegner des Bahnprojekts kritisierte den Umgang der Projektträger mit den Demonstrationen: "Die Verantwortlichen tun sich im konkreten Fall mit der Demokratie schwer." Sittler betonte: "Die Demonstranten sind nicht gegen etwas, sondern für eine verantwortliche Politik."
Bei dem Bahnprojekt "Stuttgart 21" wird der Stuttgarter Hauptbahnhof für 4,1 Milliarden Euro vom oberirdischen Kopfbahnhof zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof umgestaltet. Parallel dazu soll die Hochgeschwindigkeitsstrecke Wendlingen-Ulm entstehen.
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