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Sind Rechtsextreme für die Anschläge verantwortlich?
Terror in Köln und Düsseldorf

Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn
Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn FOTO: Werner Gabriel
Düsseldorf. Die Neonazis aus Zwickau könnten für die Bombenanschläge am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn (2000) und in der Kölner Keupstraße (2004) verantwortlich sein. Die Art der Attentate und der Sprengstoff weisen darauf hin. Werden die Verfahren wieder aufgenommen? Von Stefani Geilhausen und Gerhard Voogt

Seine Teilnahme an der Geburtstagsfeier eines Ex-Kollegen musste Dietmar Wixfort gestern absagen. Der letzte Leiter der "EK Acker" war nach Informationen unserer Zeitung kurzfristig ins Innenministerium bestellt worden. Es geht um einen möglichen Zusammenhang zwischen den in Thüringen tot aufgefundenen Bankräubern und potenziellen Polizistenmördern und Wixforts großem ungelösten Fall: dem Anschlag auf den Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn am 27. Juli 2000.

Der Verdacht: Das Trio aus Zwickau, das der rechtsextremen Szene angehörte, könnte den Sprengsatz gezündet haben, bei dem an jenem Julitag neun jüdische Aussiedler teils schwer verletzt wurden. Zudem wurde ein ungeborenes Baby im Mutterleib getötet.

Der Abgleich ungeklärter Fälle mit aktuellen und scheinbar ähnlichen gehöre zur Routine, hieß es gestern Abend offiziell seitens der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft. Auch der Wehrhahn-Anschlag war mit jedem Sprengstoff-Delikt seit Sommer 2000 verglichen worden. Gleichwohl dürfte man diesmal ein wenig hellhöriger geworden sein; der Optimismus der Fahnder dürfte ein wenig gewachsen sein. Denn die sächsischen Täter passen zu einer der ersten Theorien der seinerzeitigen Ermittlungskommission, die nach dem Tatort an der Düsseldorfer Ackerstraße benannt worden war.

Weil die beim Anschlag Verletzten durchweg Sprachschüler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion waren, die als sogenannte Kontingentflüchtlinge der jüdischen Gemeinde angehören, war früh der Verdacht aufgekommen, das Attentat habe fremdenfeindliche oder antisemitische Hintergründe.

Ein dieser Szene zugerechneter Militaria-Händler, der ganz in der Nähe des Tatorts wohnte und dort auch sein Geschäft betrieb, das unter anderem mit Attrappen von Handgranaten handelte, war Stunden nach der Explosion in den Blick der Ermittler geraten, wurde später als Beschuldigter vernommen. Aber letztlich war ihm die Tat nicht nachzuweisen. Auch umfangreiche Ermittlungen in der Düsseldorfer Neonazi-Szene brachten kein Ergebnis.

Nicht zuletzt deshalb hatte die Generalbundesanwaltschaft seinerzeit darauf verzichtet, das Ermittlungsverfahren zu übernehmen. Man ging in Karlsruhe damals nicht mehr unbedingt von einem politisch-ideologisch motivierten Verbrechen aus. Sollten sich jetzt die mutmaßlichen Polizistenmörder aus Sachsen als die Sprengstoffattentäter von Düsseldorf erweisen, wird diese Entscheidung revidiert. Elf Jahre danach wird dann die Generalbundesanwaltschaft die Ermittlungen in Düsseldorf neu übernehmen.

Düsseldorf im Fokus rechtsextremer Taten

Dabei war im Jahr 2000 die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt kurzzeitig in den Fokus mutmaßlich rechtsextremer Taten gerückt: Wenige Wochen nach dem Wehrhahn-Anschlag explodierte ein Brandsatz an der Synagoge. Ein Zusammenhang zwischen den Taten schien offensichtlich, Tausende Menschen demonstrierten beim "Aufstand der Anständigen" gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt.

Die rechtsextreme Gesinnung des Trios ist nicht der einzige Punkt, der zum Anschlag auf die jüdischen Sprachschüler passt, die erst seit einigen Monaten in Deutschland lebten. Zwei Jahre vor dem Düsseldorfer Anschlag waren die Rechtsextremen untergetaucht, nachdem in ihrer Wohnung in Jena Rohrbomben entdeckt worden waren. Eine Rohrbombe könnte auch der Sprengsatz gewesen sein, der am 27. Juli 2000 in Düsseldorf detonierte. Anfangs war man von einer Handgranate ausgegangen, später von einem nicht eben professionellen Eigenbau, der aus verunreinigtem Trinitrotoluol (TNT) hergestellt worden war. Den Zünder hatte die Explosion völlig zerstört.

Aber – und dies ist ein weiteres Mosaiksteinchen, das bei den Ermittlern zu einem Hauch von Optimismus führen könnte – das TNT stammte aus einem ehemaligen Ostblockstaat. Eine Sorte Sprengstoff, wie sie Mitte der 90er Jahre in den damals noch neuen Bundesländern relativ problemlos auf dem Schwarzmarkt zu bekommen war.

Die "EK Acker" ist nicht die einzige Ermittlungskommission aus NRW, die nach den Ermittlungsergebnissen aus Sachsen mit ihrer Wiedereinsetzung rechen kann. Wilfried Albishausen, Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter in NRW, sagte, auch weitere Fälle mit einem möglicherweise fremdenfeindlichen Motiv müssten jetzt neu aufgerollt werden. Dazu gehöre auch das Attentat in der Kölner Keupstraße im Sommer 2004. Die Straße wird auch als "Klein-Istanbul" bezeichnet, weil es dort fast ausschließlich Geschäfte gibt, die von türkischen Händlern betrieben werden.

Nagelbombe in Köln

Bei dem Attentat waren 22 Menschen durch eine selbst gebaute Nagelbombe zum Teil schwer verletzt worden. Der Sprengsatz war in einem Fahrrad deponiert worden, das der Täter an einer Hauswand vor einem Friseurladen abgestellt hatte. Videoaufnahmen zeigten zwei Männer zwischen 25 und 35 Jahren, die kurz vor dem Anschlag mit dem Fahrrad unterwegs waren. Die Männer konnten damals trotz einer intensiven Fahndung nicht ermittelt werden.

Auch nach dem Wehrhahn-Anschlag hatte die Kripo Phantombilder erstellen lassen. 1300 Passanten waren damals in Düsseldorf befragt worden. Und am Ende konnten die Ermittler genau sagen, wer zur Tatzeit wo genau in der Nähe des Tatortes was gemacht und wen dabei gesehen hatte. Zwei Männer aber, die von mehreren Leuten bemerkt worden waren, hatten sich nie bei der Polizei gemeldet. Als "wichtige Zeugen" ließ die "EK Acker" nach ihnen suchen, die Phantombilder, die auf den Beschreibungen der Passanten basierten, sogar in der Moskauer U-Bahn aushängen. Die Gesuchten wurden nie gefunden. Ob die damals beschriebenen Gesichter denen der toten Mörder aus Sachsen ähneln, wird an diesem Wochenende ebenso geprüft werden wie Übereinstimmungen mit den Bildern der Kölner Nagelbomben-Täter.

Im Landeskriminalamt in Düsseldorf wird "der Informationsfluss zwischen allen beteiligten Sicherheitsbehörden hergestellt", sagte gestern Abend ein Sprecher. Die Wiederaufnahme der beiden Ermittlungsverfahren wollte er allerdings nicht bestätigen.

Die käme in Düsseldorf für viele überraschend. Denn an einen rechtsextremen Hintergrund des Verbrechens hat im Grunde kaum noch ein Ermittler geglaubt. Nicht nur, weil sich Monate später zwei arabischstämmige Jugendliche zum Brandanschlag auf die Synagoge bekannten – sie hatten damit gegen Israel demonstrieren wollen. Auch die dilettantische Bauweise des Sprengsatzes ließ die Fahnder zweifeln, ebenso sprach das Fehlen eines Bekennerschreibens gegen politisch motivierte Täter.

Intern kritisierten die Ermittler die frühe Festlegung vor allem aus der Politik auf einen rechtsextremen Hintergrund und warnten vor voreiligen Schlüssen. Das könne die Öffentlichkeit beeinflussen, die Fahndungsmöglichkeiten einschränken und mögliche Zeugen abhalten, wichtige – wenn auch unpolitische – Beobachtungen mitzuteilen.

Als der Sprengsatz am S-Bahnhof Wehrhahn explodierte, waren die Täter seit zwei Jahren von der Bildfläche verschwunden. Wenn Beate Z. weiß, was neben der Bombe in der Plastiktüte steckte, dann müssen sie an jenem Tag in Düsseldorf gewesen sein.

(RP/felt/csr)
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