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Tierschutz
Länder wollen Verbot von Zirkus-Wildtieren durchsetzen

Tierschutz: Länder wollen Verbot von Zirkus-Wildtieren durchsetzen
Für Braunbär Ben war die Zeit im Zirkus nach 22 Jahren endlich vorbei - ein Münchener Amt befreite ihn aus seiner Box. FOTO: dpa, sja cul
Berlin . Mehr als die Hälfte der Deutschen hat kein gutes Gefühl dabei, wenn sie Großtiere in Zirkussen sehen. Nun wollen die Bundesländer ein generelles Verbot von Wildtieren in diesen Betrieben erreichen.

Ein Elefant balanciert, Vorderbeine in der Luft, auf seinen Hinterbeinen. Tiger springen durch brennende Reifen, Bären lassen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften kreisen. Seit Jahrzehnten sind Kunststücke mit Wildtieren vom Zirkus kaum wegzudenken - und neben ihnen stets der Mensch, Trainer und Kompagnon. Vom Kinderliebling "Dumbo", dem fliegenden Elefanten, bis zum Kinofilm "Wasser für die Elefanten": In der Literatur und auf der Leinwand wurden Zirkustiere oft gefeiert, auch als Menschenfreund. Zwar greift immer mal ein Bösewicht zur Peitsche - meist aber eilt jemand dem Tier zu Hilfe.

Doch müssen Wildtiere in Zirkussen nicht gerade vor dem Menschen gerettet werden? Die Länder wollen auf Initiative von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen einen neuen Anlauf dafür nehmen. Ihre Position: Die Haltung vor allem von Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörnern, Nilpferden und Affen (nicht-menschlichen Primaten) in Betrieben, die die Tiere an wechselnden Orten zur Schau stellen, müsse verboten werden. Mit einem Entschließungsantrag, der an diesem Freitag beschlossen werden soll, will der Bundesrat die Bundesregierung zum Handeln auffordern.

Denn die Länder und Tierschützer sind sich einig: Eine artgerechte Haltung von Wildtieren ist in Zirkussen nicht möglich. Einer Umfrage von YouGov zufolge finden 65 Prozent der Deutschen die Haltung exotischer Tiere im Zirkus moralisch nicht in Ordnung. Weiblichen Elefanten etwa, normalerweise Herdentiere, fehle in Zirkussen meist sehr wichtiger Sozialkontakt, erklärt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. Tiger wiederum seien oft, entgegen ihres natürlichen Verhaltens, in ihrer Bewegung stark eingeschränkt. Die Tiere leiden in Zirkussen, so die Länder. Das führe auch vermehrt zu Zwischenfällen wie dem in Baden-Württemberg vergangenen Sommer, als Elefantenkuh "Baby" aus einem Zirkus ausriss und einen Spaziergänger tötete.

Die Überwachung klappt nicht

Auch die Überwachung der Tierhaltung klappt aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes nicht. Zwar gäben Zirkusleitlinien vor, wie jedes Tier zu behandeln sei, sagt Schmitz. Diese Leitlinien seien aber nicht rechtlich bindend. Bei 895 Kontrollen von Veterinärämtern wurden nach einer Anfrage der Grünen Fraktion von 2014 im Jahr 2011 bei der Tierhaltung in Zirkussen 409 Verstöße festgestellt. Zu selten kommt es aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes zu Konsequenzen - wie vergangene Woche, als in Bayern der Braunbär Ben, einer der letzten Zirkusbären Deutschlands, beschlagnahmt wurde.

Ob ein erfolgreicher Entschließungsantrag in der Bundesregierung auf Gehör trifft, ist fraglich. Bereits 2003 und 2011 gab es ähnliche Vorstöße. Das Landwirtschaftsministerium sieht seine Hände aber gebunden: Ein Verbot sei nach dem Tierschutzgesetz nur dann möglich, wenn die Tiere an wechselnden Orten nur unter erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden gehalten oder transportiert werden könnten, so eine Sprecherin. Von den Ländern gebe es dazu keine ausreichenden Erkenntnisse. "Der Einführung eines solchen Verbots sind verfassungsrechtlich hohe Hürden gesetzt."

Die Hürden, von denen die Rede ist, sind Eingriffe vor allem in die Berufsfreiheit. Ein Tierlehrer, der auf Elefanten spezialisiert sei, könne nicht plötzlich ein anderes Tier trainieren, erklärt Frank Keller vom Berufsverband der Tierlehrer. Er könne auch nicht einfach in einem Zoo arbeiten.

Widerstand von seiten der Zirkusbetreiber

Ein Verbot wäre aus Sicht der Gesellschaft der Circusfreunde, der rund 2000 Mitglieder aus der Zirkus-Szene angehören, völlig überflüssig. Viele Zirkusse gingen inzwischen längst von sich aus über die Anforderungen der Leitlinien weit hinaus, sagt Präsident Helmut Grosscurth. Und für viele Betriebe seien die Tiere überlebenswichtig: "Ein Verbot bestimmter Tierarten im Zirkus würde die Existenz zahlreicher Zirkusunternehmen in Frage stellen."

Außerdem: Wildtiere seien nicht mehr "wild", sagt Keller. Die meisten seien in menschlicher Obhut geboren und hätten andere Anforderungen als ihre wilden Artgenossen. Dem stimmt Tierarzt Jörg Pfeiffer zum Teil zu. Er arbeitet für ein Veterinäramt, das unter anderem Zirkusse kontrolliert. "Wenn man Funktionen ersetzt, braucht das Wildtier nicht all das, was es in der wilden Freibahn macht." Affen und Bären kann man aus seiner Sicht nicht artgerecht halten, auch die Haltung von Elefanten sieht er kritisch. Bei Löwen dagegen wäre das unter bestimmten Umständen möglich.

Voraussetzung aber sei, dass der Zirkus Sachkunde hat, sagt Pfeiffer.
"Hier hapert es." Einige Zirkusbetriebe seien auf dem Stand von vor 20 Jahren, und es gebe nur wenige Fortbildungsmöglichkeiten für die Tierlehrer. Deswegen fordert Pfeiffer Kurse, die eigens für Zirkusse entwickelt werden. Aber: "Ein Verbot für Wildtiere jeglicher Art halte ich nicht für gerechtfertigt", sagt Pfeiffer.

(felt/dpa)
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