Amokläufer von Winnenden: Tim K. spielte am Abend vor der Tat offenbar "Ego-Shooter"
zuletzt aktualisiert: 14.03.2009 - 13:07München (RPO). Eine Untersuchung des PCs des Amoktäters von Winnenden hat offenbar ergeben, dass Tim K. am Abend vor der verheerenden Tat sogenannte "Ego-Shooter" spielte. Unterdessen haben die Eltern des 17-Jährigen über ihren Anwalt mitteilen lassen, dass ihr Sohn nie in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei. Der Ärztliche Direktor des Klinikums am Weißenhof in Weinsberg hat allerdings ausgesagt, dass Tim K. 2008 fünf Mal ambulant behandelt worden sei. Die Polizeidirektion Waiblingen hat dies bestätigt.
Die Auswertung des Computers ergab dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Spiegel" zufolge, dass Tim K. um 19.30 Uhr das Killerspiel "Far Cry 2" startete und den PC gegen 21.40 Uhr ausschaltete. Der Junge habe auch die Schießspiele "Counterstrike" und "Tactical Ops" installiert. Zudem seien etwa 200 Pornobilder gefunden worden, davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen. Von der zuständigen Polizei Waiblingen war auf AP-Anfrage für den späteren Vormittag eine Stellungnahme angekündigt.
Im Internet hatte sich der Jugendliche offenbar schon vor Monaten mit Massakern an Schulen auseinandergesetzt. Nach Erkenntnissen der Ermittler sei Tim K. unter mehreren Pseudonymen wie "JawsPredator1" im Internet aktiv gewesen und hatte unter anderem bei der Plattform "MyVideo" ein entsprechendes Profil.
In einem der Diskussionsforen zu den Schulmassakern von Erfurt und Emsdetten meldete sich am 23. August vergangenen Jahres "JawsPredator1" zum Thema Amokläufer zu Wort: "Das witzige ist ja selbst wenn diejenigen es ankündigen glaubt es ihnen niemand." Als Autor vermute die Polizei den späteren Täter.
Unklarheit über Psychotherapie
Trotz gegensätzlicher Aussagen der Eltern des Amokläufers Tim K. haben die Ermittler erneut bestätigt, dass der Täter psychologisch behandelt worden ist. Der Tatverdächtige sei von April 2008 bis September 2008 im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg mehrmals "vorstellig" geworden, teilten die Polizeidirektion Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart am Samstag mit.
Der SWR zitierte den Ärztlichen Direktor des Klinikums am Weißenhof in Weinsberg, Matthias Michel, wonach Tim K. 2008 fünf Mal ambulant in der Klinik gewesen sei. Ersten Informationen zufolge soll der 17-Jährige seine Therapie dann aber nicht fortgesetzt haben.
Doch der Rechtsanwalt der Eltern, Achim Bächle, widersprach im Nachrichtenmagazin "Focus", Tim K. sei deswegen in keiner Klinik behandelt worden. Aus einer in Tim K.'s Zimmer gefundenen Bescheinigung der Bundeswehr war hervorgegangen, dass der Amokläufer wegen Depressionen seit 2008 behandelt worden sei.
Außerdem dementierte Bächle im Namen seiner Mandanten auch, dass sich im Keller des Familienhauses in Leutenbach ein Schießstand befinde, die das Nachrichtenmagazin "Focus" weiter berichtet. Zuvor war aus dem Umfeld der Täters verlautet worden, der Amoktäter habe in der Vergangenheit regelmäßig in einem Schießstand mit Luftdruckgewehren geübt.
Obduktionsergebnisse erwartet
Die Obduktion der Leiche wird ergeben, ob Tim K. möglicherweise Psychopharmaka oder Drogen nahm. Die Schule hatte offenbar keine Chance, hinter die Fassaden-Welt der Familie K. zu gucken, in der nicht einmal die kleine Schwester Jasmin von den Psychiatrie-Aufenthalten des Bruders wissen dürfte.
Indes kritisierte der Inhaber des privaten Berufskollegs in Waiblingen, Karl Heinz Donner, das Tim K. seit September 2008 besuchte, dass es an seiner Schule keine Informationen über die depressive Erkrankung des Schülers und seine psychiatrische Behandlung gab.
Donner beschreibt Tim K., wie viele andere, als "ruhigen, introvertierten Schüler". Er habe mit seinen Mitschülern öfter Poker gespielt. Am Tag vor dem Amoklauf hatte Donner Tim K. noch gesehen. Er hatte sich bei einer Lehrerin über ein BWL-Referat, was er diesen Donnerstag halten sollte, informiert. Donner ist sich deshalb sicher, dass die Tat nicht geplant war. "Tim muss an dem Tag einen fürchterlichen Aussetzer gehabt haben, anders kann ich mir das nicht erklären."
Referat zum Thema Waffen
Der Schulinhaber berichtet auch, dass der 17-Jährige offenbar immer sein "Schulgesicht" wahrte. Im Januar sei etwa in den Klassen eine Diskussionsrunde zu den Themen Waffen und Waffengesetz geführt worden. "Tim hat sich in dieser Diskussion sehr engagiert", sagt Donner. Dabei habe der 17-Jährige in einer schriftlichen Ausarbeitung geschrieben, dass niemals auf Menschen geschossen werden dürfe, nur auf Zielscheiben und, dass Waffen weggeschlossen werden müssten.
Genau diese Tatsachen machen es für Lehrer und Schüler des Berufskollegs so schwierig, zu begreifen, was passiert ist und warum. "Heute setzt sich hier erstmal alles bei den Kollegen und sie realisieren so langsam", sagt Donner. Mehrere Lehrerinnen hätten am Freitag wegen der psychischen Belastung einen Zusammenbruch erlitten. "Wir sind jetzt in der Phase, wo alle am Kippen sind und so langsam wieder aufgebaut werden", sagt auch die Schulleiterin Elke Domaschke. Auch sie beschreibt Tim K. als ruhigen, unauffälligen, sogar charmanten Schüler. "Tim war kein Monster", sagt sie.
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