Der Fall Kurras: Todesschütze soll DDR-Flüchtlinge ausspioniert haben
zuletzt aktualisiert: 23.05.2009 - 10:43Berlin (RPO). Der Sohn des ehemaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback, Michael Buback, hat im Fall des Polizisten Karl-Heinz Kurras die Ermittlungsbehörden kritisiert. Er findet es seltsam, dass die Stasi-Verbindung des Ex-Polizisten jahrelang verborgen blieb. Kurras hatte 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen und damit eine Radikalisierung der Proteste ausgelöst.
Mit Blick auf Kurras' Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR sagte Buback dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Ich bin erstaunt, dass solch ein Umstand so lange verborgen bleiben konnte." Buback zog eine Parallele zur Ermordung seines Vaters 1977. Auch hierzu seien "viele Dinge mehr als 30 Jahre lang verborgen geblieben." Michael Buback zweifelt bis heute an der Darstellung der Justizbehörden über die Ermordung seines Vaters durch die RAF.
Der Todesschütze Benno Ohnesorgs, der ehemalige Polizist Kurras, will sich weder zu seiner Stasi-Tätigkeit noch zum Tod Ohnesorgs äußern. "Nach 42 Jahren, was soll denn das, können die uns nicht endlich mal in Ruhe lassen", sagte der 81-jährige Kurras dem Berliner "Tagesspiegel".
Kurras bestreitet, jemals mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) kooperiert zu haben. Seine Frau sagte der Zeitung, sie seien alte und kranke Leute. "Wir haben hier Eigentumswohnungen und halten zusammen", sagte sie in Anspielung auf die vielen Medien, die versucht hätten, Kurras an seiner Wohnung in Berlin zu sprechen. Niemand mache Fremden die Tür auf.
Auch über DDR-Flüchtlinge berichtet
Kurras hat nach einem Medienbericht auch Daten von DDR-Flüchtlingen an die Staatssicherheit weitergeleitet. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vorab schreibt, verriet der frühere Polizist geplante Durchsuchungen bei Spionageverdächtigen und informierte die Stasi über Fluchthelfer, mögliche Fluchttunnel und unterirdische Schießanlagen der Alliierten.
Den Stasi-Akten zufolge lieferte der informelle Mitarbeiter "Otto Bohl" vor dem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg über Jahre genaue Interna über Mitarbeiter, Personalveränderungen und die Arbeitsweise verschiedener Dienststellen der Westberliner Polizei, wie das Magazin berichtet. Seine Führungsoffiziere hätten ihn mit Abhörmikrofonen ausgestattet.
Auf die Stasi-Tätigkeit stießen zwei Mitarbeiter der Stasi-Akten-Behörde rein zufällig. Das ZDF und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichteten über die Erkenntnisse, die die Wissenschaftler Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs gewannen. Sie sollen am Donnerstag unter dem Titel "Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit" in der Zeitschrift "Deutschlandarchiv" veröffentlicht werden.
Wohl kein Auftrag für Tötung von Studenten
Danach war Kurras bereits seit 1955 als IM für die Stasi tätig und erhielt 1964 das SED-Parteibuch. Den Recherchen zufolge bekam er für seine Spionagetätigkeit auch Geld. In den Akten finde sich aber kein Hinweis darauf, dass Kurras von DDR-Seite mit seiner Tat vom 2. Juni 1967 beauftragt worden sei, "und es erscheint auch nicht plausibel, dass er jemanden erschießen sollte", sagte Müller-Enbergs im ZDF.
Die Enthüllungen über die Stasi- sowie SED-Zugehörigkeit des Todesschützen von Ohnesorg 1967 werfen nach Ansicht des früheren Bundesinnenministers Otto Schily (SPD) Fragen über die Fundamente der Studentenrevolte der 60er Jahre und der RAF-Vorläuferorganisation "Bewegung 2. Juni" auf. "Wenn die SED-Zugehörigkeit von Kurras bekannt gewesen wäre, hätte das insgesamt ein anderes Licht auf den Fall geworfen", sagte Schily, der als Anwalt von Ohnesorgs Vater an dem Prozess gegen Kurras teilgenommen hatte, der "Bild"-Zeitung laut Vorabbericht.
Es stelle sich auch die Frage, ob sich dann die Protestszene, angefangen mit der "Bewegung 2. Juni", anders entwickelt hätte. "Auch für mich als Nebenkläger-Vertreter hätten die jetzt bekanntgewordenen Fakten die Prozesssituation sicherlich verändert." Dass ein Westberliner Polizist für die Stasi arbeitet, habe man sich damals aber wirklich nicht vorstellen können.
Der einstige APO-Anwalt und heutige Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ist fassungslos über die Enthüllungen zu möglichen Stasi-Verstrickungen von Kurras. "Das ist abenteuerlich, das ist Wahnsinn", sagte Ströbele dem "Hamburger Abendblatt". "Es war völlig undenkbar und überhaupt nicht im Bereich unserer Vorstellungen, dass Kurras und der Tod von Ohnesorg im Zusammenhang mit der Stasi stand."
Ströbele arbeitete damals dem Untersuchungsausschuss zum Tod von Ohnesorg und dem Ermittlungsausschuss der APO in der Berliner TU zu und begleitete als junger Referendar im Rechtsanwaltsbüro von Horst Mahler den Prozess gegen Kurras. Das Büro vertrat die Familie von Ohnesorg als Nebenkläger. Nun sei zu klären, ob die Stasi auch in die Aufklärung des Falls verwickelt war, sagte Ströbele.
Nach den Enthüllungen um den Todesschützen erscheinen nach Ansicht von Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust die 68er-Protestbewegung und die Entstehung des Links-Terrorismus in neuem Licht. "Das ändert alles. Denn die Studenten sind damals davon ausgegangen, dass der Staat jetzt auf Menschen schießt, wenn auch in Form eines durchgeknallten Polizisten", sagte der RAF-Experte dem "Hamburger Abendblatt". "Und wenn sich jetzt herausstellt, dass der Schütze ein Vertreter des gegnerischen Staates gewesen ist, dann ändert das die Bewertung grundlegend."
Aust nannte die Berichte, wonach der Todesschütze Karl-Heinz Kurras eine Spitzenquelle für die DDR-Staatssicherheit gewesen war, "so ungeheuerlich wie kaum eine Enthüllung der letzten Jahre".
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