Der Amoklauf von Winnenden: Trauer und Ratlosigkeit am Tag danach
zuletzt aktualisiert: 12.03.2009 - 18:36Winnenden (RPO). Kinder drücken sich fest an ihre Eltern. Jugendliche fallen sich schluchzend in die Arme. Eltern und Schüler entzünden unzählige Kerzen, bringen Blumen. Dutzende Fernsehteams sind auf der Jagd nach Interviews und stoßen meist nur auf Sprachlosigkeit und Tränen. Auch die Lehrer der Realschule haben keine Antworten. Die Rektorin sah kein Anzeichen für Mobbing.
Die Schulleiterin der Albertville-Realschule in Winnenden, Astrid Hahn, hat nach eigenen Angaben nichts über ein Mobbing an dem späteren Täter Tim K. gewusst. Ihr sei nicht bekannt, dass der damalige Schüler "in irgendeiner Form gemobbt wurde oder dass er gewalttätig war", erklärte sie auf einer Pressekonferenz.
Deswegen sei es "unsagbar schwer zu verstehen", dass er zu dieser Tat fähig gewesen sei, zumal er aus "ordentlichen Familienverhältnissen" stamme und auch eine Lehrstelle gehabt habe. Die Rektorin sprach von einem "schwarzen Mittwoch".
Viele Winnender scheinen am Tag danach Anteilnahme nehmen zu wollen. Vor der Schule entzünden Eltern, Schüler und Einwohner der Stadt ein Meer von Kerzen und legen Blumen nieder. Auf Plakaten und Zetteln fragen sie nach dem "Warum" der Tat oder erinnern an die Getöteten. Es herrscht tiefe Trauer und Bestürzung. Immer wieder fallen sich Jugendliche schluchzend in die Arme. Viele werden von ihren Eltern oder Freunden begleitet und gestützt.
Blumen in der Hand, Tränen in den Augen
Auch Irmgard Sommer sucht mit einem Strauß Blumen in der Hand den Weg an die Albertville-Realschule, an der am Mittwoch Tim K. seine grausige Tat begann. In der Schule erschoss der 17-Jährige, der offenbar seine Tat zuvor in einem Chatroom im Internet angekündigt hat, insgesamt neun Schüler, davon acht Schülerinnen, sowie drei Lehrerinnen, bevor er auf seiner Flucht weitere drei Menschen und schließlich sich selbst tötete. In der Schule feuerte K. 60 Schüsse ab. Bislang stellten die Ermittler insgesamt 112 abgegebene Schüsse fest.
Die Motivlage von K. ist auch am Donnerstag noch unklar. Zu Frauen habe der 17-Jährige ein "normales Verhältnis" gehabt, sagte Siegfrid Mahler von der Staatsanwaltschaft Stuttgart und wies damit Spekulationen über ein mögliches Motiv wegen Hass gegenüber Frauen zurück. Ermittlungen ergaben allerdings, dass K. sich in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen befunden hatte. Die Behandlung hatte er abgebrochen. Im Internet schrieb er, dass er Waffen besitze und am Morgen an seine frühere Schule gehen werde, und dort, so wörtlich, "mal so richtig gepflegt grillen".
Auch am Tag nach dem "Massaker von Winnenden", wie die Tat in den Medien bezeichnet wird, ist Sommer noch sprachlos. "Ich kann das alles nicht begreifen. Das ist einfach nur furchtbar", sagt sie unter Tränen. Hass auf den Amokläufer habe sie aber nicht. Das sagen auch viele andere. "Mir tun die Eltern von ihm nur so leid", fügt Sommer hinzu. Ihr 14-jähriger Enkel ist Schüler des benachbarten Gymnasiums. Lange habe sie am Mittwoch nach der Tat nicht gewusst, was mit ihm sei, berichtet Sommer.
Gespräche mit Lehrern und Psychologen
Die Schüler des Lessing-Gymnasiums sind am Donnerstag zur zweiten Stunde in die Schule bestellt worden. Dort fanden Gespräche mit Lehrern und Psychologen statt. Der Unterricht an allen Schulen des Schulkomplexes wurde für die restliche Woche abgesagt. Wann der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden kann, ist noch ungewiss. Die Schüler der Albertville-Realschule, an welcher der Amoklauf stattfand, wurden am Donnerstag von insgesamt 50 Psychologen in der angrenzenden Hermann-Schwab-Halle betreut. Bis nächste Woche sollen Schulpsychologen noch betreuend an der Schule tätig sein.
Teilweise wurden die Schüler zu den Gesprächen am Donnerstag von ihren Eltern begleitet. Viele wollen oder können jedoch noch nicht über das Erlebte sprechen. Viele berichten, dass ihnen die Lehrer verboten hätten, gegenüber der Presse etwas zu sagen.
Einer, der redet, ist der 15-jährige Daniel, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen will. Er berichtet von einer "entspannten Atmosphäre" bei den Gesprächen mit den Psychologen. Es habe ihm gut getan. Er selber war in einem der Klassenzimmer, in der Tim K. Mitschüler erschossen hat. Als er versucht, über das Erlebte zu sprechen, versagt Daniel die Stimme. "Das ist alles noch ein wenig, wie in einem Film. Man realisiert das noch gar nicht", erklärt er schließlich mit dünner Stimme. Mehr kann er nicht mehr zu der Tat sagen. Sein Vater hatte ihn zu dem Gespräch begleitet. Der macht klar, dass es nun auch darum gehe, wieder zu einem "normalen Tagesablauf zurückzufinden."
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