Kölner Moscheepläne: Tumulte bei Bürgerversammlung
zuletzt aktualisiert: 30.05.2007 - 10:55Köln (RPO). Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld soll eine Minarettmoschee gebaut werden. Köln gilt traditionell als weltoffen und multikulturell. Auch in Ehrenfeld wohnen viele Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Um die Moschee gibt es dennoch heftigen Streit. Bei einer öffentlichen Anhörung kam es jetzt zu Tumulten. "Die Minarette sehen aus wie Raketen", war zu hören.
Wie emotional die Auseinandersetzung um die Pläne für das muslimische Gebetshaus im Stadtteil Ehrenfeld werden kann, zeigte sich am Dienstagabend bei einer Anhörung, zu der die Stadt im Rahmen eines Bauänderungsverfahrens eingeladen hatte. Gut 600 Bürger füllten den Saal. Die Stimmung aufgeheizt, bevor Architekt Paul Böhm überhaupt beginnen konnte, seine Pläne zu erläutern. Schon bald ließ Bezirksvorsteher Josef Wirges - um wütende Worte nicht verlegen - zwei Männer von Sicherheitskräften aus dem Raum führen. Gejohle und Applaus in der Aula. Die Mitglieder der rechts-populistischen Organisation "Pro Köln" hatten Böhm ständig mit lauten Buhrufe unterbrochen und Wirges als "Nazi" beschimpft. Das verärgerte auch die Mehrheit im Saal. Erboste Reaktionen, die Böhm, einen feinsinnigen, zurückhaltenden Mann, ebenfalls von seinen Ausführungen abhielten. Schließlich beruhigte sich die bunte Menge interessierter Anwohner. Jugendliche und Rentner, Studenten und Hausfrauen, Lehrer und Geschäftsleute. Von der Moscheegemeinde darunter nur wenige, kaum Frauen mit Kopftuch.
Stimmungsmache gegen Türkisch-Islamische Union
"Pro Köln" macht Stimmung gegen die Baupläne der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), seit sie die Idee vor Jahren erstmals vortrug. Der Runde Tisch für Integration, ein breites Bündnis aus Politik, Wissenschaft, Verbänden, Kirchen, Judentum und Islam, wirft "Pro Köln" vor, das Thema zur Verbreitung ausländerfeindlicher Gesinnungen zu missbrauchen. Jusos und "Antifaschistische Aktion" bezogen vor der Tür Stellung mit Bannern "Pro Köln stoppen". "Schöner leben ohne Nazis", stand auf T-Shirts, die Mitglieder der Gewerkschaft Verdi bei der Anhörung trugen. Zahlreiche Bürger beklagten sich wiederum am Mikrofon: Wer Kritik am Moscheebau äußere, werde sofort in die rechte Ecke gestellt.
Dabei fürchten viele Anwohner nicht den Islam, sondern das Verkehrschaos durch Andrang beim Freitagsgebet. Themen der gut dreistündigen Fragerunde, bei der 50 Eingaben gemacht wurden, waren auch die neue Ampel vor der eigenen Haustür, der Verbleib der Tankstelle um die Ecke und die Zukunft des Supermarktes. Andere sorgten sich um den Platz, der den Frauen in der Moschee zugewiesen werden solle. Und so mischte sich in die Anhörung, die sich eigentlich rein baulichen Aspekten widmen sollte, immer wieder die Grundfrage nach dem friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen.
Schriftsteller Ralph Giordano mischt sich ein
Dass sich bei dem Thema nicht immer klare Fronten ziehen lassen, hatte Schriftsteller Ralph Giordano gezeigt. Er goss Öl ins Feuer der Auseinandersetzungen, als er die Errichtung solcher Moscheen in Deutschland für falsch erklärte. Sie stellen nach Auffassung des 84-Jährigen ein falsches Signal dar, da die Integration der Muslime nicht gelungen sei. Irritation auf allen Seiten, weil der Publizist selbst von den Nazis verfolgt worden war.
Die Ditib - Dachverband von bundesweit 870 Moscheevereinen, vom türkischen Staat unterstützt - hat ihren Bundessitz seit 1984 in Ehrenfeld. Wo Kölns erste Minarettmoschee entstehen soll, betreibt der Verein auch seit langem im Hinterhof eine Moschee. Doch aus schmuddeligen Hinterhöfen sollen muslimische Gläubige heraus, wurde Baudezernent Bernd Streitberger nicht müde zu sagen. Die Vertreter aller Ratsfraktionen teilen seine Meinung. Darum sehe Böhms Plan auch eine prächtige Freitreppe zur Venloer Straße vor, so Streitberger, "die sich bewusst zur Stadt öffnet". Überhaupt soll der Bau offener und transparenter werden als im Ursprungsentwurf vorgesehen, sagte Böhm, dessen renommiertes Büro schon viele katholische Kirchen gebaut hat.
Gebetsraum mit vielen Fenstern
Der muslimische Gebetsraum mit Platz für 2.000 Gläubige soll viele Fenster erhalten. Der Kuppelbau würde laut Plan gut 34 Meter hoch, die beiden Minarette 55 Meter. Um die "Replik eines osmanischen Baustils" handele es sich keineswegs, so Böhm. Der Bau werde auch keine "Machtdemonstration" von Muslimen. "Wir haben hart mit dem Bauherrn gerungen, um ein modernes, international da stehendes Bauwerk zu schaffen." Die Minarette hat der Architekt inzwischen in den Innenhof verlagert. Das habe etwas mit der Gebetsrichtung zu tun.
Anwohner fragten darauf kritisch, warum überhaupt Minarette nötig seien, wenn es keinen Muezzinruf geben werde. "Die sehen aus wie Raketen, nicht heimisch, nicht gemütlich", rief eine ältere Frau. Ein junger Mann ergänzte: "Geht das denn nicht alles eine Nummer kleiner?" Die Ängste der Kölner dürften nicht übergangen werden. Das habe doch nichts mehr "mit unserer Kultur" zu tun. Die Antwort eines jungen Mannes, engagierter Christ, wie er hervorhob, und verheiratet mit einer muslimischen Türkin: "Wir sind längst in der multikulturellen Gesellschaft angekommen. Nutzen wir diesen tollen Bau als Chance zur Integration."
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