Kälte trifft Obdachlose besonders hart: Überleben in der Eiseskälte
VON A. LIEB, S. MÖCKL UND C. SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 03.02.2012 - 08:07Düsseldorf (RP). In Nordrhein-Westfalen leben rund 20.000 Obdachlose. Sie trifft die extreme Kältewelle besonders hart. Städte und soziale Einrichtungen bieten den Bedürftigen Notschlafplätze an. In Düsseldorf können Schutzsuchende in einer Kirche übernachten. Doch nicht alle nehmen das Angebot an.
Freddy hat kein Zuhause. Er lebt auf der Straße. In einem verlassenen Hinterhof am Essener Hauptbahnhof wohnt er in einer Hütte aus Pappkartons, die er mit altem Zeitungspapier ausgestopft hat. Zusammengerollt in einem Schlafsack und einigen Decken liegt der 42-Jährige in seiner Behausung auf dem gefrorenen Boden. Ohne Handschuhe und Schal. Er zittert, sein Blick ist glasig. Das Thermometer zeigt an diesem Abend minus neun Grad an.
Trotzdem will er nicht in einer Notunterkunft übernachten, staatliche Hilfe lehnt er ab. "Ich schaffe es auch so irgendwie", sagt er. Die Eiseskälte, behauptet er, mache ihm auch nicht viel aus. "Entweder wache ich am nächsten Morgen wieder auf oder eben nicht, mir egal."
Durch die extreme Kälte starben bis Donnerstag europaweit mehr als 120 Menschen. Besonders schwierig war die Lage in der Ukraine, wo binnen 24 Stunden erneut 20 Kältetote registriert wurden. Auch aus Deutschland wurde ein weiterer Toter gemeldet. Hierzulande wurden in der Nacht auf Freitag stellenweise minus 20 Grad Celsius erwartet.
Die extreme Kältewelle trifft Menschen wie Freddy besonders hart. In Magdeburg ist am Donnerstag bereits ein 55-jähriger Obdachloser auf der Straße erfroren. In Nordrhein-Westfalen gibt es rund 20.000 Bedürftige, die kein festes Dach über dem Kopf haben. Etwa die Hälfte kommt nach Angaben des nordrhein-westfälischen Sozialministeriums nachts in Notunterkünften unter.
"Dennoch gibt es viele, die lieber auf der Straße bleiben wollen und unsere Angebote ablehnen", berichtet der Leiter der Essener Bahnhofsmission Markus Siebert. Deswegen fordert Sozialminister Guntram Schneider (SPD) die Städte und Kommunen auf, schützende Räume wie etwa U-Bahn-Schächte und Einkaufszentren nachts für Obdachlose zu öffnen. "Auch wenn Vorschriften dagegen sprechen, brauchen wir unkonventionelle Lösungen", fordert der Minister.
Besonders viele Obdachlose in Köln
Besonders viele Menschen leben in Köln auf der Straße – wie etwa Rudi (24) und Detlef (45). Die beiden Freunde übernachten wegen der klirrenden Kälte derzeit im "Notel", einer Notschlafstelle für drogenabhängige Obdachlose am Hauptbahnhof. Zehn Schlafplätze gibt es dort. Die Unterkunft öffnet täglich um 20 Uhr. "Wer zuerst da ist, bekommt ein Bett", erklärt Detlef.
Tagsüber ist er mit der U-Bahn gefahren, um nicht draußen im Kalten sitzen zu müssen. Er ist froh, im Notel übernachten zu können. "Hier ist es warm, und man bekommt etwas zu essen", sagt Detlef. Sein Kumpel Rudi lebt seit sieben Jahren immer mal wieder auf der Straße. Er sagt: "Viele Obdachlose gehen lieber in den Knast und sitzen eine Haftstrafe ab, als draußen in der Kälte zu übernachten."
Trotz der Not ist das "Notel" in den eisigsten Nächten oft nicht voll belegt. Bärbel Ackerschott, seit 22 Jahren Leiterin der Einrichtung an der Victoriastraße, erklärt: "Die Leute wollen das Risiko nicht eingehen, abends doch kein Bett zu bekommen. Viele suchen sich lieber schon nachmittags einen Platz in einer Unterführung oder in einem Abrisshaus. Den haben sie dann wenigstens sicher." Ganz nach dem Motto: lieber was Schlechtes, als gar nichts. Diejenigen, die eine Nacht im "Notel" verbracht haben, werden morgens – wenn nötig – noch ausstaffiert mit Skiunterwäsche und Winterschuhen, bevor sie die Notschlafstelle wieder verlassen müssen.
Düsseldorf: Kirche als Notschlafstelle
Dass es in dieser Woche wirklich kalt geworden ist, erkennt man in Düsseldorf daran, dass die Bergerkirche geöffnet ist. Nur bei Temperaturen, bei denen es draußen um Leben und Tod geht, verwandelt sich die Kirche in der Altstadt zur Notschlafstelle. Seit Sonntag ist sie wieder offen, 15 bis 20 Menschen übernachten hier jede Nacht.
Es sind Menschen, die nicht in eine herkömmliche Schlafstelle wollen. Weil sie dort schlechte Erfahrungen gemacht haben oder weil mal wieder Gerüchte kursieren, dass man dort bestohlen wird. Oder weil sie schon so lange auf der Straße leben, dass sie die Enge der Räume nicht mehr aushalten. Die Gäste müssen nicht viele Fragen beantworten. "Die Alternative für sie ist nicht eine andere Schlafstelle, sondern eine Nacht draußen", sagt Sozialarbeiter Oliver Targas von der Diakonie, die das Projekt gemeinsam mit der Stadt Düsseldorf betreibt.
Die ersten Gäste haben sich schon gegen sieben Uhr hingelegt, in Schlafsäcken auf dem Fußboden des Kirchenraums. Die Kälte macht müde. Ein paar Männer rauchen noch eine Zigarette vor der hohen Pforte und unterhalten sich leise. Der Altarbereich ist durch eine rund zwei Meter hohe Zwischenwand abgeteilt. Dahinter leuchtet eine Lampe und taucht die hohe Kirchendecke in warmes Licht, es wirkt fast, als würden Kerzen brennen. Die Atmosphäre der Kirche wirke beruhigend, meint der Sozialarbeiter. Um 22 Uhr lehnt eine Sanitäterin, die die ganze Nacht in der Kirche Dienst macht, die Kirchenpforte an und löscht das Licht. Schlafenszeit.
Um sieben Uhr wird es noch Kaffee geben, dann müssen die Übernachtungsgäste wieder nach draußen. Ein neuer Tag in der Kälte beginnt – auch für den Obdachlosen Freddy in Essen, der sagt: "Nicht die Nacht ist schlimm, sondern der Morgen, weil dann wieder alles von vorne beginnt."
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