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Hubert Wolf im Interview
"Unpolitisch zu sein, wäre nicht katholisch"

Leipzig . Kirchenhistoriker Hubert Wolf spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Haltung der Katholischen Kirche zur Flüchtlingsfrage, das Engagement von Laien und das Diakonat der Frau.  Von Lothar Schröder

Der Münsteraner Hubert Wolf (56) gehört zu den bekanntesten Kirchenhistorikern hierzulande, der unter anderem die in Rom gelagerten Archivbestände der Inquisition und der päpstlichen Indexkongregation erschloss. gemeinsam mit dem Kommunikationswissenschaftler Holger Arning veröffentlichte er nun die Geschichte der "Hundert Katholikentage" seit 1848 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 256 Seiten mit 131 Abbildungen, 24,95 Euro).

Der starke Laien-Katholizismus ist im wahrsten Sinne einmalig in der Welt. Weckt das bisweilen die Skepsis in anderen Ländern, besonders im Vatikan?

Wolf Nirgendwo sind die Folgen der Säkularisation von 1803 so schwerwiegend gewesen wie in Deutschland. Und dann kommt 1848 plötzlich die Revolution und mit ihr die Freiheit. Und das nützen die Laien und treffen sich. Für den Papst war diese Freiheit eigentlich Teufelswerk. Schließlich sollen Laien genau das tun, was ihnen die Hirten vorgeben, sie sollen Schafe sein. Diese Schafe werden jetzt aber selbstbewusst. So etwas gibt es in keinem anderen Land. Dabei gelingt ihnen ein unglaublicher Spagat. Sie nützen die vom Papst verdammte Revolution und bleiben trotzdem papsttreu. Alles, was die Lehre angeht, überlassen sie ja weiter Rom und den Bischöfen. Doch was die Rolle der Kirche in der Gesellschaft angeht, da mischen sie sich ein. Das römische Konzept sieht anders aus: Der Bischof sagt, was Sache ist, und die Laien führen das als Transmissionsriemen aus.

Was ist daraus heute geworden?

Wolf Das Entscheidende ist die Zuwendung zur Welt. Dem Katholikentag ist es immer wieder gelungen, sich an neue Situationen anzupassen. Jetzt müsste man es schaffen, sich der veränderten Situation von Religiosität und Kirche zu stellen. Wenn ich also nach Leipzig gehe - in eine Umgebung mit vier Prozent Katholiken -, dann kann ich doch eigentlich nur lernen, was Entchristlichung wirklich bedeutet. Erstmals gibt es hier ein Forum, auf dem man mit Nicht-Glaubenden redet. Das finde ich relativ spät.

Welche Chancen hat der Diakonat der Frau? Eine alte Forderung, die schon auf der Würzburger Synode 1975 von Bischöfen und Laien gestellt wurde.

Wolf Schon 1849 haben die Laien darüber nachgedacht, ob man den Diakonat der Frau braucht. Dann glaubte man, das Thema sei tot, beerdigt von Johannes Paul II.; nun fragt Franziskus, wie es damit in der alten Kirche eigentlich war. Damit macht er das Thema wieder auf. Jetzt sollte man wieder darüber reden. Jetzt sollte innerkirchlich ein klares Signal dazu gesendet werden, wie außerkirchlich zum Thema Flüchtlinge.

Ist der Katholikentag zu zurückhaltend?

Wolf Er war zuletzt zumindest zu unpolitisch. Wenn der Laien-Katholizismus Durchschlagskraft bewahren will, darf er nicht 25 Botschaften senden, sondern eine inner- und eine außerkirchliche. Für die muss man aber auch eintreten und muss dafür sorgen, dass es dann auch weitergeht. Wenn man für den Diakonat der Frau eintritt, muss man dem Papst auch sagen, dass man ihm bei der Beantwortung seiner Frage gerne weiterhilft.

Wie politisch darf Kirche sein, ohne kirchliches Profil zu verlieren?

Wolf Entweder man betreibt Politik aus dem Glauben oder man lässt es sein. Das wird ja gegeneinander ausgespielt: Wenn du fromm bist, darfst du nicht politisch sein, und wenn du politisch bist, darfst du nicht fromm sein. Ein Katholik muss fromm sein und er muss aus der Kraft seines Glaubens Politik treiben. Denn dabei geht es um Werte. Unpolitisch zu sein, wäre nicht katholisch. Katholisch-sein heißt, ich bin in der Welt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Aufgabe eines Christenmenschen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten. Wer unpolitisch ist, entspricht demnach nicht dem Geist des Konzils.

Wird es der katholischen Kirche leichter fallen, Position zu beziehen, wenn sie kleiner geworden ist und weniger Rücksicht nehmen muss?

Wolf Von der Vision des heiligen Rests halte ich gar nichts. Ich bin auch kein Freund der Idee, dass die Gemeindekirche mit ein paar Aktiven das Ideal und die Volkskirche schlecht sei. Im Gegenteil. Es muss unterschiedliche Formen der Bindung an die Kirche geben dürfen, und auch die Leute, die schon ganz weit weg sind und vielleicht auch ausgetreten sind oder nie drin waren, müssen in den Blick kommen. Wer hofft, in einer kleineren Kirche sich um seine Themen besser kümmern zu können, stellt sich nur selbst auf den Altar. Dort steht aber Christus, nicht die Kirche.

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