Deutsche Tunesien-Heimkehrer: "Unser Bus wurde mit Steinen beworfen"
zuletzt aktualisiert: 16.01.2011 - 11:57Düsseldorf (RPO). Die deutschen Reiseveranstalter haben den größten Teil der deutschen Urlauber aus Tunesien wieder in die Heimat geflogen. Am Abend landeten in Düsseldorf mehrere Maschinen. Die Touristen sind unversehrt. Aber man sieht ihnen die Sorge und den Stress der vergangenen Stunden an. Sie berichten von Schüssen auf den Straßen und Attacken gegen Reisebusse.
Drei Monate wollte Annemarie Klosa in Tunesien bleiben, dem kalten Winter in Deutschland entfliehen. Doch am Samstagabend war der Urlaub für die 69-Jährige aus Mönchengladbach schon wieder vorbei. Nach nicht einmal einer Woche. Dabei hat Annemarie Klosa von den Unruhen, die seit Tagen in Tunesien herrschen, in ihrem Feriendomizil in Sousse kaum etwas mitbekommen.
"Es müssen alle raus"
"Doch heute Morgen hieß es auf einmal, es müssen alle raus", sagt die ältere Dame nach ihrer Ankunft am Samstagabend am Düsseldorfer Flughafen, während sie nach Kleingeld sucht. Sie will ihren Sohn anrufen, in der Hoffnung, dass er sie abholen kann. Schließlich war niemand auf die abrupte Rückreise der Langzeiturlauberin vorbereitet.
Insgesamt vier Maschinen aus Tunesien sind nach Angaben von Flughafen-Sprecher Thomas Kötter an diesem Abend in Düsseldorf gelandet, darunter zwei Sondermaschinen von Air Berlin, um die deutschen Urlauber aus der Krisenregion wieder in die Heimat zu bringen.
Alle großen Reiseveranstalter hatten ihren Gästen dazu geraten, nachdem sich die Situation in Tunesien in den vergangenen Tagen zugespitzt hatte. Seit Wochen herrschen in dem nordafrikanischen Land blutige Unruhen, liefern sich Demonstranten immer wieder Schlachten mit der Armee. Erst am Freitag war Präsident Ben Ali aus dem Land geflohen und hatte eine Regierungskrise ausgelöst.
In der Nacht Schüsse gehört
"Heute Nacht habe ich das erste Mal Schüsse gehört", berichtet Ernst Hünerbein aus dem münsterländischen Gescher. Er und seine Frau Annemarie sind mit einer Sondermaschine aus Enfidha zurück nach Deutschland geflogen. Viel Zeit zum Packen blieb dem Ehepaar nicht. "Heute Morgen beim Frühstück wussten wir noch nichts davon", sagt Annemarie Hünerbein. Dann plötzlich hatten sie gut eine halbe Stunde, um ihre Koffer zu packen.
Dabei wären sie eigentlich gern in Tunesien geblieben. Nicht nur wegen des schönen Wetters. Von über dreißig Grad schwärmen die beiden. Und doch sind sie froh, jetzt wieder im ungemütlichen Deutschland zu sein. "Unser Bus zum Flughafen wurde immer wieder attackiert, mit Steinen beworfen", berichtet Annemarie Hünerbein, noch sichtlich beeindruckt von den Ereignissen in Tunesien. "Ganz junge Leute waren das", sagt sie und dass sie "erstmal wieder zur Besinnung kommen muss". "Das ging alles so schnell."
Bis zum Morgen sicher gefühlt
Von brennenden Tankstellen, geplünderten Supermärkten und gewaltsamen Schlägereien berichten auch Karmen und Joachim Mottel. "Gestern lief alles noch ganz normal, doch heute waren alle Geschäfte in der Stadt verbarrikadiert", sagt Karmen Mottel nach ihrer sicheren Landung am Samstagabend in Düsseldorf.
Das Ehepaar aus Wolfsburg war gemeinsam mit seinen Freunden Ilja und Birgit Bachmann sowie der Fußball-Mannschaft von Eintracht Braunschweig im Trainingslager in Port El Kantaoui nahe Sousse, als sie am Samstagmorgen plötzlich von ihrem Reiseveranstalter FTI aufgefordert wurden, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.
"Da lagen wir noch am Strand", berichtet Ilja Bachmann. Doch von da an ging alles ganz schnell. Von Monastir über Stuttgart nach Düsseldorf wurden die Vier ausgeflogen. Und als hätten sie es geahnt, hatten sie bereits am Freitag provisorisch ihre Koffer gepackt, "auch wenn wir uns bis heute Morgen eigentlich sicher gefühlt haben", so Ilja Bachmann. "Vor einigen Tagen haben wir sogar noch eine Safari-Tour gemacht", sagt er.
"Da knallt es noch mal richtig"
Natürlich hätten sie vor Ort etwas von den Unruhen mitbekommen, erklärt Joachim Mottel. "Doch dass das schon seit Mitte Dezember geht, das hat uns vorher niemand gesagt", beklagt sich der 56-Jährige. Seine und Ilja Bachmanns Sorge gilt nun vor allem der Mannschaft von Eintracht Braunschweig, "dass die dort heil rauskommen". Denn Joachim Mottel befürchtet, dass es in Tunesien noch "richtig knallt".
Wo sie selbst die Nacht verbringen, das wissen die beiden Paare noch nicht. Denn ihr Auto steht in Berlin-Tegel, wo sie vor knapp zwei Wochen ihre Reise nach Tunesien angetreten haben. "Hauptsache, erstmal raus", habe man ihnen in Tunesien gesagt, so Joachim Mottel. Alles Weitere werde sich finden, und die Kosten werde der Reiseveranstalter übernehmen.
Einen Mietwagen nach Berlin, den sie dort abgeben könnten, um wieder nach Wolfsburg zu kommen, bekommt der 56-Jährige an diesem Abend am Düsseldorfer Flughafen jedoch nach eigener Aussage nicht mehr. "Auch die Bahn fährt nicht mehr." Die befreundeten Paare werden also vorerst in Düsseldorf bleiben.
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