100 Liter pro Quadratmeter: Unwetterkatastrophe in Hessen und NRW
zuletzt aktualisiert: 18.09.2006 - 16:21Wetzlar (rpo). Heftige Gewitter mit schweren Regenfällen haben am Sonntagabend in Hessen und NRW getobt und eine Unwetterkatastrophe verursacht. Flüsse schwollen an, Hänge rutschten ab, Straßen wurden unterspült und Autos fortgerissen, Keller standen unter Wasser. Zum Teil fielen Telefonverbindungen und Stromversorgung aus.
Regenfälle von mehr als 100 Liter pro Quadratmeter haben in Hessen und Nordrhein-Westfalen eine Unwetterkatastrophe ausgelöst. In den Landkreisen Hochsauerland und Lahn-Dill liefen in der Nacht zum Montag zahllose Keller voll. Hänge rutschten ab, Straßen wurden unterspült und Autos fortgerissen. Ganze Ortschaften wurden von den Wassermassen des Gewittertiefs "Nora II" überflutet. In Dillenburg und Haiger fielen Strom und Telefonverbindungen aus. Die Schäden liegen nach ersten Schätzungen der Behörden bei mehreren Millionen Euro.
"Die Menschen sind von den Wassermassen völlig überrascht worden", sagte der Dillenburger Bürgermeister Michael Lotz. Der Pegelstand der Dill sei innerhalb weniger Stunden von 15 Zentimeter auf 2,73 Meter geklettert: "Damit stand das Wasser höher als beim Jahrhunderthochwasser 1984." In Haiger waren am Montagvormittag noch rund 2.000 Menschen ohne Strom. Wie der Energieversorger E.On-Mitte berichtete, waren die Wassermassen in ein Umspannwerk, Trafostationen und Verteilerkästen eingedrungen. Blitzschläge lösten in Dillenburg, Eschenburg und Haiger insgesamt fünf Brände aus.
Krankenhaus überflutet
Das Dillenburger Kreiskrankenhaus und auch das Industriegebiet der Stadt wurden überflutet. Helfer evakuierten das Erdgeschoss des Krankenhauses sowie mehrere Straßenzüge im Ortsteil Oberscheld. Der Stahlkonzern ThyssenKrupp stoppte in seinem Dillenburger Edelstahlwerk die Produktion.
Bei dem Unwetter wurden mehrere Menschen leicht verletzt. Nach Polizeiangaben wurde ein 14-Jähriger mit Unterkühlung geborgen, nachdem er von einem Bach mitgerissen wurde.
Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes fiel am Sonntagabend im Sauerland und in der Region Dillenburg mehr Regen als sonst im ganzen September. So wurden in Dillenburg 103 Liter, in Meschede im Sauerland 104 Liter pro Quadratmeter gemessen. Starke Regenfälle wurden auch aus Baden-Württemberg gemeldet. So fielen in Lörrach rund 90 Liter pro Quadratmeter, in Freiburg 60 Liter. Die Wassermassen verwandelten auch kleine Bäche innerhalb kurzer Zeit in reißende Flüsse. In Freiburg stieg die Dreisam auf knapp 1,60 Meter und stand damit drei Mal so hoch wie normal.
Feuerwehr kam nicht mehr durch
"Einige Häuser standen meterhoch unter Wasser", berichtete der Bürgermeister von Haiger, Gerhard Zoubek: "Das war unglaublich." Die Flut habe Brücken und komplette Straßen weggeschwemmt: "Die Feuerwehr kam zeitweise selbst mit schweren Fahrzeugen nicht mehr durch." Die Bevölkerung habe die Katastrophe dennoch mit Fassung ertragen: "Es gab keine Hysterie, keine Panik."
In Teilen von Dillenburg wurde durch die starken Regenfälle auch das Trinkwasser verschmutzt. Die Stadtverwaltung rief die Bürger in den Ortsteilen Nanzenbach, Niederscheld und Oberscheld auf, Leitungswasser vor dem Trinken mindestens zehn Minuten abzukochen. Die Flutwelle wanderte am Montag die Dill hinab und setzte sich anschließend auf der Lahn fort.
Im Hochsauerlandkreis zählte die Feuerwehr seit Sonntagabend 140 Einsätze, die meisten davon im Stadtgebiet von Meschede. Keller liefen voll, und Straßen wurden überflutet. An einigen Stellen habe das Wasser bis zu 30 Zentimeter hoch auf Straßen gestanden, sagte ein Feuerwehrsprecher.
2100 Helfer im Einsatz
Wie der Erste Beigeordnete des Lahn-Dill-Kreises, Wolfgang Hofmann, berichtete, waren im Kreisgebiet insgesamt knapp 2100 Helfer im Einsatz, darunter 85 Feuerwehren, das Technische Hilfswerk sowie zahlreiche Sanitäter. Vielerorts seien die Schulen am Montag geschlossen geblieben. Nach Angaben der Behörden wird es Tage dauern, bis sich die Fachleute einen vollständigen Überblick über die materiellen Schäden verschafft haben.
Nach der Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes fällt am Dienstag im ganzen Bundesgebiet gelegentlich noch Regen, am meisten im Osten und Süden. In Sachsen bilden sich auch Gewitter. Im Westen wird es im Tagesverlauf bereits zunehmend sonnig und trocken. Die Höchsttemperaturen liegen zwischen 17 und 22 Grad.
Am Mittwoch übernimmt das Hoch "Jürgen" wieder das Regime. Nach Auflösung der Nebelfelder wird es heiter, teils wolkig und trocken und 18 bis 24 Grad warm. Am Donnerstag und Freitag sind sogar 26 Grad drin. Am ersten Herbstwochenende wird es aber nur im Osten heiter bis wolkig, im übrigen Bundesgebiet kann es zeitweise regnen.
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