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Demjanjuk  Panorama, ddp 2009-1130
  Foto: ddp, ddp
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Prozess gegen mutmaßlichen KZ-Wächter: Verteidiger macht Demjanjuk zum Opfer

zuletzt aktualisiert: 30.11.2009 - 21:02

München (RPO). Zum Auftakt des Prozesses gegen den mutmaßlichen ehemaligen KZ-Wachmann John Demjanjuk hat die Verteidigung dem Münchner Schwurgericht Willkürjustiz vorgeworfen und die sofortige Einstellung des Verfahrens gefordert. Demjanjuk sei ein Opfer, ebenso wie die Insassen des Lagers Sobibor. 

Nachdem viele im Vernichtungslager Sobibor tätige SS-Männer freigesprochen worden seien, werde heute erstmals ein ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangene als mutmaßlicher Helfer vor Gericht gezerrt, sagte Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch am Montag. Die zum Prozessauftakt angereisten Überlebenden und Familienangehörigen der Opfer forderten dagegen Gerechtigkeit.

Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern verantworten. Als Kriegsgefangener soll er ab März 1943 als bewaffneter Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Juden in Gaskammern getrieben haben. Laut SS-Dienstausweis, Verlegungslisten, Waffenbüchern und mehreren Zeugen habe er den Nazis noch bis 1945 im KZ Flossenbürg gedient.

Der 89-jährige Demjanjuk bestreitet, je ein sogenannter Trawniki gewesen zu sein. Als Trawniki werden die rund 5000 sowjetischen Kriegsgefangene bezeichnet, die die Nazis als Handlanger beim Holocaust eingesetzt haben.

Demjanjuk wurde zunächst im Rollstuhl, nach einer Pause dann auf einer Trage liegend in den Gerichtssaal gebracht und verfolgte den Prozess wortlos mit geschlossenen Augen. Weil er schließlich über Schmerzen klagte, wurde die Verlesung der Anklage auf Dienstag verschoben. Drei medizinische Gutachter erklärten ihn aber für grundsätzlich verhandlungsfähig, wenn der Prozess höchsten drei Stunden täglich dauere. "Er liegt da und macht die Augen zu, aber ich habe den Eindruck, dass er alles versteht", sagte der Arzt Albrecht Stein.

Empörung über Vergleich von KZ-Wächtern und Opfern

Empört reagierten Überlebende und Angehörige von in Sobibor Ermordeten auf die Aussage von Anwalt Busch, die ukrainischen KZ-Wächter seien ebenso Opfer gewesen wie die jüdischen Arbeitshäftlinge. Sie hätten "auf gleicher Stufe" gestanden, weil beide im Lager für die SS gearbeitet hätten, um ihr Leben zu retten. Der 87-jährige Sobibor-Überlebende Jules Schlevis sagte: "Das ist Unsinn." Der Anwalt mehrerer der anwesenden 22 Nebenkläger, Cornelius Nestler, sagte empört: "Die Trawniki mordeten, die Juden nicht!" Der Vergleich sei unsäglich.

In Sobibor waren 250.000 Juden vergast worden. Über den Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen die Richter und Anklagevertreter will das Gericht später entscheiden.

Internationale Aufmerksamkeit

Unterdessen unterstreichen viele Beteiligte und Politiker die Bedeutung des Prozesses. "Bis jetzt hat man nur über deutsche Täter prozessiert, noch nicht über Hilfswachmänner aus den anderen Ländern", sagte der Holocaust-Überlebende Thomas Blatt, der das Vernichtungslager Sobibor überlebt hat, am Montagmorgen.

Weiter sagte Blatt kurz vor Prozessbeginn: "Ein Wachmann in der Todesfabrik war ein Mörder. Man sollte sagen, wie das ausgesehen hat in Sobibor." Das Verfahren gegen Demjanjuk, der Jahrzehnte in den USA gelebt hatte und nach einem langen Rechtsstreit im Mai nach Deutschland abgeschoben worden war, sei einer der "letzten Prozesse" dieser Art. Er sei "wichtig, denn die Leute vergessen". Mit Blick auf Demjanjuk sagte Blatt: "Er hat sich so viele Jahre verstecken können."

Prozess ist wichtig

Der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, sagte in München: "Es ist richtig und wichtig, dass dieser Prozess stattfindet. Aber es ist nicht richtig, dass deutsche Schreibtischtäter nicht verurteilt oder freigesprochen wurden." Friedman verwies auf die Vorbildfunktion des Prozesses: "Man muss den Anfängen wehren. In Deutschland gibt es viele Zeichen, dass diese Anfänge wieder überschritten sind. Dieser Prozess soll zeigen, wohin das führt."

Der Demjanjuk-Kriegsverbrecherprozess ist nach Ansicht des Rechtsausschussvorsitzenden im Bundestag, Siegfried Kauder (CDU), ein Prüfstein für das weltweite Ansehen Deutschlands. "Die ganze Welt wird auf diesen Prozess ein Augenmerk richten und wird genau kontrollieren, wie Deutschland mit solchen Thematiken umgeht. Und ich finde es gut, dass Deutschland sich entschieden hat, diesen Mann vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung zu ziehen", sagte Kauder am Montag dem Radiosender SWR2.

In deutscher Kriegsgefangenschaft

Als gebürtiger Ukrainer war Demjanjuk als Kriegsgefangener zu den Wachmannschaften gekommen. Er gehört zu den sogenannten Trawniki-Männern: Dies waren Wachleute, die neben den Deutschen SS-Männern eingesetzt wurden. Sie hießen Trawniki, weil sie in dem gleichnamigen Ort zu Wachleuten ausgebildet wurden.

Demjanjuk war bereits in den 80er Jahren in Israel zum Tode verurteilt worden, weil ihn Zeugen als einen als "Iwan der Schreckliche" berüchtigten Wächter im KZ Treblinka identifiziert haben wollten. Nach mehrjähriger Haft sprach das oberste israelische Gericht Demjanjuk aber wegen erheblicher Zweifel von diesem Verdacht frei. Demjanjuk konnte nach seiner Freilassung wieder in die USA ausreisen, wo er bis zur Münchner Anklage unbehelligt lebte. Alle seine Rechtsmittel gegen die Auslieferung nach Deutschland blieben am Ende erfolglos.

Quelle: AP/ddp/ndi

 
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