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Stadtarchiv-Einsturz: Viele Kölner Archivschätze gerettet

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 06.04.2009 - 08:01

Köln (RP). Etwa 100 Helfer pro Schicht arbeiten sich in zwei Hallen in Köln durch Trümmer des eingestürzten Stadtarchivs. Sie suchen nach allem, was Papier ist – und hoffen auf Funde intakter Archivalien. 14 Regalkilometer konnten bereits geborgen werden. Doch die Arbeit wird noch Monate dauern.

Beschädigte Schriftstücke hat Alexandra Lutz schon öfter in der Hand gehabt. Doch dass kostbare Urkunden, Briefe, Fotografien feucht, staubig oder von Splittern zerfetzt gleich containerweise angeliefert werden, das hat die Archivarin in Köln zum ersten Mal erleben müssen. "Nach so einer Katastrophe geht es nur noch darum, zu retten, was zu retten ist. Da steht man dann und sucht im Schutt nach allem, was Papier ist."

Lutz ist Dozentin an der Archivschule Marburg und hat eine Gruppe Studierender begleitet, die in Köln bei der Archivalienbergung geholfen haben. Auch aus Düsseldorf, Bonn und natürlich aus Köln selbst sind viele Studenten im Einsatz. In zwei Hallen, die die Stadt eingerichtet hat, sortierten sie den Schutt, der von der Unglücksstelle angefahren wird. "Vor allem haben wir Archivalien von persönlichen Dingen der Menschen getrennt, die bei dem Unglück ihre Wohnungen verloren haben", sagt Alexandra Lutz. Die Betroffenen können später in dem Hausrat nach persönlichen Gegenständen suchen.

100 Helfer pro Schicht arbeiten sich durch den Schutt, der von der Unglücksstelle angefahren wird. Elf Regalkilometer haben sie bis jetzt retten können. Mit den unversehrten Dokumenten aus dem Keller und dem gegenüberliegenden Friedrich-Wilhelm-Gymnasium sind es nunmehr über 14 von 30 Kilometern. Aber es wird wohl noch Monate dauern, bis die Schuttgrube leer ist.

Alles, was eine Archivnummer trägt, sortieren die Helfer weiter: Nasse Unterlagen kommen nach Münster und werden dort schockgefroren, um Schimmelbildung zu verhindern. Alles, was nur leicht feucht geworden ist, wird vor Ort getrocknet, mit Gebläsen, wie man sie beim Hausbau einsetzt.

Angeleitet werden die Helfer von Mitarbeitern des Stadtarchivs, von Max Plassmann zum Beispiel. Bis vor kurzem hat er das Archiv der Düsseldorfer Universität geleitet. Nur wenige Tage vor dem Unglück wechselte er nach Köln und muss nun in den Trümmern seiner neuen Arbeitsstätte den Noteinsatz koordinieren. Dazu hat er sich Zweckoptimismus verordnet. "Wir schauen nicht zurück, sondern darauf, was wir retten können", sagt Plassmann. Teile der Schreinsbücher haben sie etwa aus den Trümmern gezogen, Grundbücher, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Solche Funde bauen den Archivar auf. Die Akten sähen oft besser aus als erwartet. Der Anteil des kleinteilig zerschnipselten Archivgutes liege im einstelligen Bereich.

Archivare gelten als staubtrockene Karteikartenliebhaber. Spricht man aber mit Menschen wie Eberhard Illner, der 22 Jahre im Stadtarchiv gearbeitet hat, spürt man die Leidenschaft, die in stiller Archivarbeit stecken kann. Und man ahnt, was Menschen durchmachen, die ihre gesamte Kraft in den Erhalt von Unterlagen gesteckt haben, die nun für immer ausgelöscht sind: "Als ich vom Einsturz gehört habe, war das, als erführe ich vom Unglück eines nahen Verwandten", sagt Illner. "Im Stadtarchiv lag die komplette Überlieferung einer Großstadt seit dem Jahr 912", sagt Illner. Generationen von Archivaren haben daran gearbeitet, diesen Schatz zu erhalten, und nun ist das einfach weg."

Illner gehört zu den wenigen, die vor der Katastrophe gewarnt haben. Damals war er noch Abteilungsleiter im Stadtarchiv und machte sich Sorgen über Setzrisse im Gebäude. Doch erst ein halbes Jahr, nachdem er Alarm schlug, gab es eine statische Begutachtung – ohne Konsequenzen.

Die ehemaligen Kollegen von Illner konzentrieren sich auf die traurige, aber auch tröstliche Routine, die nun in den Sortierhallen eingesetzt hat und hoffen darauf, dass auch in tieferen Schichten des Einsturzkegels, dort wo das Grundwasser eingedrungen ist, nicht alle Archivalien im Schlamm liegen. Doch weil diese Katastrophe menschengemacht ist, bleibt auch Bitterkeit. "Das Stadtarchiv hat Dokumente bewahrt, die einmal der ganze Stolz der Kölner Bürger waren", sagt Eberhard Illner. "Die liegen nun alle in einer läppischen Baugrube."

Quelle: RP

 
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