Hudson-Unglück weckt Ängste: Vogelschlag auch in Deutschland
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 17.01.2009 - 20:16Weeze (RP). Bis zu 1000 mal pro Jahr kollidieren in Deutschland Vögel mit Flugzeugen. Am größten ist die Wahrscheinlichkeit eines folgenschweren Zusammenstoßes zwischen Tier und Maschine auf Flughäfen in Küstennähe. Hierzulande gelten die Airports in Bremen und Hamburg als kritisch.
Christoph Reichelt ist Vogelschlagbeauftragter am Flughafen Niederrhein in Weeze. Der hauptberufliche Feuerwehrmann hat dafür zu sorgen, dass die Jets auf dem Airport sicher starten und landen können, ohne mit dem Federvieh auf dem Gelände in Kontakt zu kommen. Wie gefährlich Vögel Flugzeugen werden können, hat nicht erst der Absturz des Airbus A 320 in New York gezeigt. Im November 2008 war eine Boeing 737 der Fluggesellschaft Ryanair beim Landeanflug auf den Flughafen Ciampino in Rom in einen Vogelschwarm geraten. Bei der Notlandung knickte das linke Hauptfahrwerk ein. Zehn der 172 Insassen verletzten sich leicht. Fotos zeigten damals einen mit Vogelblut verschmierten Flugzeugrumpf.
In Deutschland wachen auf allen Flughäfen Männer wie Christian Reichelt als Vogelschlagbeauftragte darüber, dass Mensch und Vogel sich in Landebahn-Nähe möglichst erst gar nicht nahe kommen. Die Weezer Flughafenfeuerwehr zum Beispiel besitzt ein Megaphon. Darüber kann sie Warnschreie bestimmter Vogelarten einspielen und so Schwärme verscheuchen. "Hilft das nicht, verwenden wir eine Signalpistole", berichtet Reichelt. "Die verschießt Geschosse, die mit einer Lautstärke von 178 Dezibel explodieren."
Wildgänse auf den Rheinwiesen
Wildgänse, die zu Hunderttausenden auf den nahen Rheinwiesen überwintern, waren für die Jets bislang noch kein Problem. "Die Gänse überfliegen den Flughafen nur während des Vogelzugs im Spätherbst oder Frühjahr – meist in großer Höhe. Wir werden dann rechtzeitig durch die Radarbilder des Deutschens Ausschusses zur Verhütung von Vogelschlägen im Luftverkehr (DAVVL) gewarnt."
Dessen stellvertretender Vorsitzender ist Hans-Peter Schmid. Der Stuttgarter Vogelschutzbeauftragte war erst vor kurzem zu Gast bei seinem Kollegen in Weeze. Sein Eindruck: "Reichelt macht einen guten Job, aber ihm fehlen die finanziellen Mittel." Die Lage der Start- und Landebahn in unmittelbarer Waldnähe sei kein Nachteil : "Dort halten sich viele Füchse auf. Manche Flughäfen legen sogar künstliche Fuchsbauten an, um die Feinde der Vögel anzulocken."
Gefahr in der Nähe von Gewässern
Die größte gefiederte Gefahr drohe Flugzeugen in der Nähe großer Gewässer, dort, wo sich schwere und in Schwärmen auftretende Wasservögel aufhalten. "Deshalb ist New York auch besonders kritisch. In Deutschland haben wegen der Küstennähe die Flughäfen in Bremen und Hamburg Nachteile. Der Flughafen Köln-Bonn dagegen profitiert von der Lage in der Wahner Heide, die für viele Vogelarten uninteressant ist."
Laut einer Untersuchung des DVVL von 2002 bis 2004 ist das Vogelschlagrisiko in Düsseldorf zwar niedriger als in Hamburg oder Bremen, aber deutlich höher als etwa in Frankfurt oder München. Trotzdem erhält der Düsseldorfer Airport wegen seines vorbildlichen Biotop-Managements vom DAVVL gute Noten.
Hohes Gras als Abwehrmittel
Die Düsseldorfer lassen auf dem Airport-Gelände das Gras lang wachsen. Für Vögel wird es so schwieriger, Beute auf dem Boden zu finden, und das hohe Gras bietet Fraßfeinden Deckung. Außerdem hat der Airport einen Jäger als Vogelschlagbeauftragten angestellt. Der schießt die Piepmätze zwar nicht ab, lässt aber abgerichtete Falken zur Abschreckung aufsteigen. "Notfalls setzen wir auch Übungsmunition ein", erläutert Flughafensprecher Walter Römer.
Laut DAVVL hat sich die vogelfeindliche Flughafenpolitik in Deutschland bezahlt gemacht. Während weltweit zwischen 1990 und 2005 15 durch Vögel verursachte schwere Flugunglücke registriert wurden, gab es vergleichbare Zwischenfälle in Deutschland nicht. "Dennoch bleibt auch bei uns ein Restrisiko", warnt DAVVL-Sprecher Schmid. So musste 2006 in Weeze eine Ryanair-Maschine den Start abbrechen, weil eine Stockente ins Triebwerk geraten war. "Bis zu diesem Zeitpunkt war uns gar nicht bekannt, dass das Tier sich auf dem Gelände aufhielt", sagt Christoph Reichelt. "Es war die erste und hoffentlich auch die letzte Ente auf dem Flughafen."
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