Reaktionen auf die neue Pisa-Studie: "Von der Champions League noch weit entfernt"
zuletzt aktualisiert: 07.12.2010 - 17:28Berlin (RPO). Die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie haben ein geteiltes Echo hervorgerufen. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) wertete die Ergebnisse der Studie als einen großen Schritt nach vorne. Bildungs-Experten machen erheblichen Nachbesserungsbedarf aus.
Bereits die Pisa-Ergebnnisse fielen gemischt aus. Während deutsche Schüler im internationalen Vergleich beim Lesen Mittelmaß bleiben, liegen sie in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften mittlerweile im Spitzenfeld.
"Deutschland ist aufgestiegen, aus der Zweiten in die Erste Liga", kommentierte der Leiter des OECD Berlin Centre, Heino von Meyer, die Ergebnisse. Aber von der Champions League sei man noch weit entfernt. Nach wie vor trennten das deutsche Schulwesen im Bereich der Lesefähigkeit mit 497 Pisa-Punkten drei Punkte vom OECD-Mittelwert, der auf 500 Punkte festgesetzt wurde.
Insgesamt verbessert Allerdings lasse besonders die Einordnung und Bewertung von Texten zu wünschen übrig. Außerdem hänge der Bildungserfolg nach wie vor stark vom sozialen Umfeld der Schüler ab. Insgesamt jedoch habe sich Deutschland seit der ersten Studie im Jahr 2000 kontinuierlich verbessert. An den Tests zur aktuellen Untersuchung nahmen im Frühjahr 2009 rund eine halbe Million Schüler aus 65 Ländern teil.
Debatte um die nötigen Konsequenzen Welche Schritte die Politik nun aus diesem Resultat ziehen sollte, um den Bildungsstand der deutschen Schüler weiter zu verbessern, ist der Studie nicht zu entnehmen. Die Lehren, die Politik und Fachleute ziehen, sind mindestens ebenso unterschiedlich wie die Ergebnisse selbst.
Annette Schavan zufrieden "Wir sind dem Ziel der Bildungsrepublik Deutschland ein großes Stück nähergekommen", sagte Ministerin Schavan. Dies sei in erster Linie das Verdienst der Lehrerinnen und Lehrer. Ähnlich äußerten sich der Präsident der Kultusministerkonferenz, der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), und seine rheinland-pfälzische Kollegin Doris Ahnen (SPD).
CDU spricht von Ansporn Die CDU sieht sich offenbar auf dem richtigen Weg, man habe die richtigen Schlüsse aus dem Ergebnis vor zehn Jahren gezogen. Die Verbesserungen beim PISA-Schultest beweisen nach Einschätzung von CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe allerdings, "dass wir die richtigen Schlüsse aus dem dürftigen Ergebnis vor zehn Jahren gezogen haben". Die Ergebnisse seien erfreulich, insbesondere die in Mathematik und den Naturwissenschaften", sagte Gröhe am Dienstag der in Berlin. Dass Deutschland bei der Lesekompetenz weiterhin nur Mittelmaß sei, müsse Ansporn für die kommenden Jahre sein.
FDP-General will mehr Die FDP hält die leichten Fortschritte deutscher Schüler im internationalen Vergleich für zu gering. "Die Ergebnisse der PISA-Studie können uns immer noch nicht befriedigen", sagte FDP-Generalsekretär Christian Lindner am Dienstag in Berlin. Deutschland habe das Potenzial zum "Bildungsland Nummer eins auf der Welt", betonte er, "wir können dieses Potenzial aber nur erschließen, wenn wir uns nicht länger selbst im Weg stehen."
Özdemir: eine Ohrfeige Der Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir bezeichnete die Studie hingegen als "Ohrfeige für alle, die stur am dreigliedrigen Schulsystem festhalten". Die Untersuchung zeige, dass Leistungsunterschiede bei Jugendlichen auf diese Weise zementiert würden. Die "Bildungsrepublik Deutschland" bleibe eine Illusion, solange fast jeder fünfte 15-Jährige nur auf Grundschulniveau oder schlechter lesen könne. Auch die bildungspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, Rosemarie Hein, forderte einen Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem.
Für Löhrmann nicht gut genug Auch für Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) gehen die bei der Pisa-Studie aufgezeigten Fortschritte deutscher Schüler nicht weit genug. Deutschland sei zwar inzwischen im Mittelfeld angekommen, sagte sie am Dienstag in Düsseldorf. "Für das Land der Dichter und Denker ist dies aber noch nicht gut genug." Das deutsche Schulsystem sei weiter ungerecht und lasse "eine viel zu große Gruppe an Schülerinnen und Schülern zurück".
Fachleute fordern bessere Ausbildung Vertreter von Gewerkschaften und Verbänden sprachen sich für Verbesserungen bei der Ausbildung von Lehrern aus. Außerdem müssten die Kultusminister endlich ein Konzept für Nachwuchswerbung von Lehrern auf den Tisch legen, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der "Saarbrücker Zeitung" (Mittwoch). Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft beklagte Mängel in der systematischen Leseförderung.
"Armutszeugnis" für Integration Der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meiniger, warf auf "Bild online" den Verantwortlichen eine gescheiterte Integrationspolitik vor. Dadurch schnitten vor allem Kinder aus Migrantenfamilien bei den Pisa-Tests schlecht ab. Der Paritätische Wohlfahrtverband sprach in diesem Zusammenhang von einem "integrationspolitischen Armutszeugnis". Und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) wertete es als "besonders erschreckend", dass Schulen in sozialen Brennpunkten offenbar schlechter ausgestattet seien als Einrichtungen in wohlhabenden Vierteln.
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