Nur Kumpel oder mehr: Wahre Freundschaft muss man pflegen
zuletzt aktualisiert: 11.04.2006 - 12:16Berlin/Dresden (rpo). Für viele Menschen sind sie wichtiger als die eigene Familie und ersetzen manchmal gar den Partner: Gute Freunde, die sich über den gesamten Lebensweg begleiten und in allen Lebenslagen zur Seite stehen. Meist stellen erst die Trennung über Hunderte von Kilometern durch Jobwechsel und Umzüge die Freundschaft vor eine Zerreißprobe. Erst dann zeigt sich, wie wichtig wahre Freunde wirklich sind.
"Es gibt zwei Arten von Freunden", erklärt Franz J. Neyer, Persönlichkeitspsychologe an der Humboldt-Universität in Berlin. Das eine sei der gute Kumpel, den man auf ein Bier oder im Sportverein trifft. Auf der anderen Seite gebe es "Freunde fürs Leben". "Die Qualitäten von Freundschaften reichen von der bloßen Geselligkeit bis hin zur Person, die das innere Erleben teilt und unterschiedliche Formen der Unterstützung leistet", ergänzt Prof. Karl Lenz, Mikrosoziologe an der Universität Dresden. Möglich sei auch, dass Menschen mehrere Freunde für verschiedene Freizeitaktivitäten haben.
Wenn Freunde nicht in der gleichen Stadt wohnen, ersetzen Telefon oder E-Mail den persönlichen Kontakt: "Wir sind zwar freier in der Kommunikation, aber dadurch verflacht auch die Möglichkeit, Freundschaften einzugehen", sagt Matthias Probandt, Psychotherapeut und Psychologe aus Oldenburg. Von Zeit zu Zeit sollten deshalb auch langjährige Freunde ihren Kontakt bei einem Treffen auffrischen. Denn gerade in schwierigen Situationen zeigt sich, auf wen Verlass ist.
Schließlich spielt auch bei Freundschaften nicht die Menge, sondern die Qualität die größere Rolle. Hat jemand besonders viele Kontakte, bleiben diese häufig nur sehr oberflächlich, sagt Probandt. Eine Freundschaft sei aber ohne ein gewisses Maß an emotionalem Engagement überhaupt nicht möglich. "Gute Freundschaften fangen da an, wo es in anderen Beziehungen kompliziert wird", sagt Probandt.
Das zeigt sich schon im täglichen Miteinander: Ehrlichkeit sei für eine gute Freundschaft essenziell, sagt Probandt. "Freundschaft definiert sich über Offenheit." Unter Freunden müsse alles ausgesprochen werden können. Wichtig seien auch Toleranz und Konfliktbereitschaft, ergänzt Neyer. Außerdem zeichnen sich Freundschaften durch ein Maß an Verbundenheit und Sicherheit aus.
Freundschaften beruhen aber auch immer auf Gegenseitigkeit, sagt Lenz. Wer zum Beispiel einem Freund mitten in der Nacht am Telefon Trost spendet, wolle das auch von ihm erwarten können. Wenn das Geben und Nehmen bei Freunden nicht ausgeglichen ist, werde an der Beziehung gezweifelt. "Freundschaften müssen ständig aufrechterhalten werden", sagt Lenz. Dann seien sie aber auch stabil und von Dauer.
Und schließlich ersetzen sie tatsächlich manchmal die Familie - und bei Singles sogar den Partner: "Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße durch instabile Paarbeziehungen geprägt, in dieser Hinsicht werden Freunde immer wichtiger", sagt Lenz. Besonders bei Jugendlichen seien diese sogar ein Vorbild für spätere Paarbeziehungen, sagt Neyer. Sie helfen aber auch, sich von der Familie abzunabeln.
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