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Seltsame Sehnsucht
War die Welt in 80er Jahren echt besser?

Seltsame Sehnsucht: War die Welt in 80er Jahren echt besser?
Ikonen der 1980er Jahre. FOTO: rp
Düsseldorf. Weit mehr Deutsche als noch vor einem Jahr glauben, dass früher alles besser war - vor allem in den 1980er Jahren. Dabei hatte auch diese Dekade ihre Krisen. Dennoch schien die Welt überschaubarer und verlässlicher. Von Jörg Isringhaus

Je düsterer die Gegenwart, desto heller die Vergangenheit. Da verwundert es kaum, dass in Zeiten allgemeiner Verunsicherung die "Früher-war-alles-besser"-Fraktion an Boden gewinnt. Während im vergangenen Jahr noch jeder Vierte (26 Prozent) der Aussage zustimmte, ist es inzwischen jeder Zweite bis Dritte (41 Prozent). Zu diesem Ergebnis gelangt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Am besten kommen in der Rückschau die 80er weg: Fast jeder zweite Deutsche (47 Prozent) verbindet mit diesem Jahrzehnt besonders positive Erinnerungen. Die 80er - eine Dekade der Glückskinder, Frohnaturen und Sinnstifter?

Tschernobyl und Super-Gau

Wohl kaum. In den 80ern brannte Tschernobyl den Begriff "Super-Gau" ins kollektive Bewusstsein, eine neue Krankheit namens Aids schockierte die Welt, und der deutsche Wald drohte, dem sauren Regen zum Opfer zu fallen. In NRW kämpften die Kumpel in Rheinhausen vergeblich gegen den Strukturwandel, bundesweit protestierten Hunderttausende gegen atomare Aufrüstung. Nur kuschelig waren diese Jahre also nicht, sondern durchaus bewegt, oft sogar beunruhigend. Historiker wissen jedoch: Im Rückblick werden Ereignisse gerne positiv umkonstruiert, und das dauert eben - kurioserweise oft die Zeitspanne einer Generation, rund 30 Jahre. Dann erscheinen das persönliche Erleben, aber auch die Zeitläufte, Musik, Film und Mode in neuem Licht. So sind die 80er schon länger wieder popkulturell en vogue - mit Schnauzbärten und Schlaghosen, aber auch TV-Serien wie "The Americans" und "Strange Things", die das Lebensgefühl der Zeit kondensieren. Um so wohlige nostalgische Schauder auszulösen.

Denn gemessen an der heutigen Gemengelage von islamistischem Terror, schwer kontrollierbaren Flüchtlingsströmen und dem allmählichen Zerfall der europäischen Idee wirken die 80er wie eine gemütliche Kaffeefahrt. In der "Schwarzwaldklinik" gelang jede Operation, Schimanski löste alle Fälle, Boris Becker erklärte Wimbledon zu seinem Wohnzimmer, Nicole gewann den Schlager-Grand-Prix und Nenas "99 Luftballons" schafften es selbst in den USA in die Charts. Die Welt schien berechenbar, harmlos, verlässlich. Amerika lieferte uns Madonna und Michael Jackson, aber auch TV-Serien wie "Dallas", "Denver-Clan" und "Magnum", in seiner schludrigen Ehrgeizlosigkeit auch ein prototypischer Vertreter der 80er. Im Kino wurde getanzt, in die Sterne geschaut oder über olle Kalauer gelacht - am erfolgreichsten waren "Dirty Dancing", "E.T. - der Außerirdische" und zwei Otto-Filme.

Der Siegeszug des C64er

All das waren dazu mehr oder weniger kollektive und damit verbindende Erlebnisse. Internet und Handy gab es nicht und damit nicht die Qual unendlicher Wahlmöglichkeiten, das Privatfernsehen öffnete erst Mitte der 80er seine Büchse der Pandora. Das mag Jüngeren heute sterbenslangweilig und wenig lebenswert erscheinen, Ältere sehnen sich aber angesichts einer komplett digitalisierten Welt inklusive Pokémon-Irrsinn offenbar zurück ins Zeitalter der Überschaubarkeit. Laut Umfrage glauben 51 Prozent der 50- bis 59-Jährigen, dass früher alles besser war, aber nur 30 Prozent der 18- bis 29-Jährigen.

Gerne vergessen wird, dass 1982 mit dem Commodore C 64 der Personal Computer seinen Siegeszug antrat. Ohnehin wurden in den 80ern Fundamente gelegt - so gründeten sich die Grünen als Alternative zur etablierten Politik. Deren Symbol war CDU-Dauerkanzler Helmut Kohl. Andere Fundamente lösten sich auf - mit der Mauer zerfiel 1989 eine totalitäre Ideologie. Überhaupt, und das ist oft der Haken an solchen Umfragen, lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen kaum in das Korsett einer Dekade zwängen, ist das Denken in Jahrzehnten nur eine Konstruktion, ein plakativer Kunstgriff, um Erinnerung zu sortieren. Und am liebsten erinnert man sich eben an das Positive. Die Zukunft gerät da schnell ins Hintertreffen. So glaubt jeder Zweite, dass das Leben in 50 Jahren schlechter sein wird als heute.

Quelle: RP
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