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Lütz Panorama ddp 2008
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Theologe und Autor im Interview: Was heißt Glaube, Herr Lütz?

VON PIA TERHEYDEN - zuletzt aktualisiert: 24.12.2008 - 15:28

Düsseldorf (RPO). Manfred Lütz ist Theologe, Neurologe und erfolgreicher Buchautor. Der 54-Jährige will den Menschen unter anderem das Thema Gott erklären. Wir sprachen mit ihm über Glaube, Liebe und Hoffnung.

Manfred Lütz ist Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln.  Foto: ddp
Manfred Lütz ist Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln. Foto: ddp

Wie feiert die Familie Lütz die Adventszeit?

Manfred Lütz Abends singen wir am Adventskranz mit unseren Kindern Adventslieder, beten zusammen und denken dabei auch an die Menschen, die nicht in einer so guten Situation sind wie wir hier in Deutschland.

Trotz schlechter Wirtschaftsnachrichten hat der Konsum die Menschen Weihnachten fest im Griff. Man hat den Eindruck, der christliche Gedanke spielt in der Adventszeit keine Rolle mehr...

Lütz Eigentlich bin ich ja gegen diese ewige Jammerei. Aber all die rot-weißen Weihnachtstrottel gehen einem schon gehörig auf die Nerven. Ich habe mal vorgeschlagen, die Christen sollten das Weihnachtsfest einfach in den Sommer verlegen. Das würde gar nicht besonders auffallen, und dann hätten wir endlich Ruhe vor dem ganzen Quatsch. Wahrscheinlich war die Geburt Jesu ja sowieso im Sommer, sonst wäre es im Stall zu kalt gewesen. Aber Scherz beiseite: Weihnachten wurde auf den 25. Dezember gelegt, um die auf diesem Termin liegenden heidnischen Sonnenwend- und Lichterfeste zu verdrängen. Heute hat man den Eindruck, dass sich das Heidentum das Fest zurückgeholt hat.

Bietet der christliche Glaube bei all den negativen Nachrichten ein positives Alternativprogramm?

Lütz Vielleicht nicht ein Alternativprogramm, aber möglicherweise können uns diese Krisen wieder zu Bewusstsein bringen, was eigentlich wichtig ist im Leben. In der Angst vor dem kollektiven Ende der Menschheit, die ja in den letzten Jahrzehnten immer wieder Thema war - zum Beispiel das kollektive Ende durch einen Atomkrieg oder durch eine Klimakatastrophe -, konnte sich die Angst der Menschen vor dem Tod sozusagen in einer kollektiven Angst versammeln. Aber in Wirklichkeit sterben wir alle, jeder von uns. Martin Heidegger hat gesagt, die Angst vor dem Tod bestimmt jeden Menschen existentiell. Denn wir sind die einzigen Lebewesen, die in jedem Moment um ihren Tod wissen und im Angesicht dessen leben. Man kann das verdrängen, aber ich glaube, wer den Tod verdrängt, der verpasst das Leben. Das Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments unseres Lebens, das Bewusstsein der Endlichkeit des diesseitigen Lebens, das Bewusstsein, dass wir uns jeden Tag aufs Neue entscheiden müssen, einen Menschen anzulächeln oder nicht, ihm zu helfen oder nicht - führt dazu, dass man bedachtsamer und intensiver lebt. Die Angst vor dem Tod, die auch Christus auf dem Ölberg gehabt hat, das ist etwas, was zum Menschsein gehört. Die Antwort auf diese Angst ist der Glaube, dass wir von Gott letztendlich getragen werden. Und das feiern wir Weihnachten.

Wenn Sie nicht als Chefarzt im Alexianer-Krankenhaus die Geschäfte leiten, kein Buch schreiben, wenn Sie nicht als Gesprächspartner in TV-Talkshows zu sehen sind, wenn Sie sich nicht um Ihre Familie kümmern - was tun Sie dann?

Lütz Neben Musik hören, schlafen, einem guten Essen und guten Gesprächen, einem guten Buch nehme ich mir zwischendurch immer wieder kurze Zeiten, um das Leben zu spüren.

Und wie machen Sie das?

Lütz Beim Autofahren zum Beispiel. Es kann aber auch ein sehr intensiver Moment sein, wenn man im Bahnhof auf einer Bank sitzt und auf einen Zug wartet, der einem den Kick gibt. Momente zu haben, in denen man mal eine halbe Stunde seines Lebens schmecken kann, das finde ich wichtig. In meinem „Lebenslust“-Buch gibt es ein Kapitel, das Sterben und Tod als Würze des Lebens beschreibt. Der Totenschädel beim heiligen Hieronymus in der Wüste bedeutet: Christ denk’ daran, dass du stirbst - lebe jeden Tag ganz bewusst. Für Platon wäre das unendliche Leben, das sich die Gesundheitsgläubigen heute erhoffen, die Hölle gewesen. Wenn wir alle nicht sterben, könnte man jetzt jemandem eine runterhauen und sagen: na ja, ist egal, in 500 Jahren werde ich mich dafür wieder entschuldigen. Dieses Nicht-Sterben-Können wäre die totale Langeweile. Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unwiederholbar wichtig. Heute leben wir in einer Art Video-Mentalität und meinen, wir könnten alles ständig wiederholen. Dabei ist nichts wiederholbar, kein Moment, kein Mensch.

Welche Rolle spielt der Glaube dabei, dass man jeden Tag immer wieder aufs Neue bewusst lebt?

Lütz Eine Ahnung von Gott hat jeder Mensch. Jeder ist von Gott geschaffen. Das müssen sich vor allem die Christen immer wieder vor Augen führen. Wir können nicht arrogant leben nach dem Motto: Die ganzen Heiden, die uns umgeben in unserer neu-heidnischen Gesellschaft, sind alles schlechtere Menschen. In meinem Bestseller „Gott - eine kleine Geschichte des Größten“ habe ich die These belegt, dass die Menschen an der Gottesfrage nach wie vor interessiert sind, nur haben die Theologen vielfach die Sprache verloren. Ich habe mit meinem Buch versucht, allgemeinverständlich, unterhaltsam und doch seriös über Gott zu schreiben. Im Osten Deutschlands traf ich dann auf viele so genannte Atheisten, die mit einer Ernsthaftigkeit an der Gottesfrage interessiert waren, die ich im Westen eher seltener gefunden habe. Diese Menschen haben eine Ahnung von Gott und versuchen oft überzeugend solidarisch zu leben. Als Jesus die entscheidende Frage gestellt wird, was man eigentlich tun muss, um in den Himmel zu kommen, sagt er nicht ,Frommsein oder Priesterwerden’, sondern er nennt einen Samariter als Beispiel - für fromme Juden so ziemlich das Letzte. Dieser Mensch, der die Bibel nicht achtet und nicht in den Tempel geht, hilft uneigennützig. Der Samariter ist eine ständige Mahnung an uns selbstgewisse Christenmenschen, dass das Christentum nicht bloß eine Theorie, sondern vor allem eine Praxis ist. Mancher Atheist handelt manchmal christlicher als wir mit unserem ganzen verbalen Pathos.

Gregor Gysi ist bekennender Atheist – und hat trotzdem Angst vor einer gottlosen Gesellschaft. . .

Lütz Ja. Bei der Präsentation meines Buches in Berlin sagte er, dass die Linke für die Wertefrage in unserer Gesellschaft noch für Jahrzehnte diskreditiert sei. Die einzigen Institutionen, die für die Wertefrage relevant seien, seien die christlichen Kirchen. Und wenn Atheismus bedeute, gegen die Kirche zu sein, dann sei er kein Atheist. Dann sei er Heide, zu dem der Glaube noch nicht gekommen sei. Das fand ich durchaus berührend.

Was heißt für Sie Glaube an Gott?

Lütz In meinen Gesprächen mit Menschen im Osten Deutschlands wurde ich häufig mit der Feststellung konfrontiert: Sie glauben nur an Gott, ich aber will wissen. Das hat damit zu tun, dass der deutsche Ausdruck „glauben“ missverständlich ist. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ich als Fallschirmspringer in ein Flugzeug steige, den Angestellten des Flughafens, der den Fallschirm gepackt hat, im letzten Moment frage, ob der sicher gepackt ist, und wenn der dann locker antwortet: ,Ach, ich glaube ja – dann wird mir das nicht reichen. Wenn ich aber einen sehr guten Freund bitte, diesen Fallschirm zu packen, und er mir auf meine Frage antwortet: Ich habe das persönlich gemacht, du kannst mir vertrauen – dann werde ich ihm sagen: Das glaube ich dir! Und das ist viel mehr als Wissen, das ist existentielle Gewissheit.

Also hat Glauben mit Vertrauen zu tun?

Lütz Der Glaube ist eine innere Gewissheit– wie die Liebe zu einem Menschen. Man kann das zu erklären versuchen mit irgendeinem Wissen, über Hormone zu Beispiel. Aber für jeden, der einen anderen Menschen geliebt hat, ist es absurd, Liebe auf Hormone zu reduzieren. Wenn man einen Menschen liebt und man behauptet, man kenne ihn ganz genau und hätte ihn im Griff, dann ist das das Respektloseste, was man sagen kann. Eine Person kann man verstehen, eine Person kann man lieben, man kann sich von dieser Liebe ergreifen lassen, aber man kann sie nicht begreifen, man kann eine Person nicht wissen. Wenn man das versucht, dann zerstört man die Liebe. Genauso verhält es sich mit der Liebe zu Gott.

Es heißt, Glaube versetzt Berge. Das ist ein unglaublich kraftvoller Satz. Woher kommt diese Stärke?

Lütz Es gibt viele Fragen, die uns tagtäglich beschäftigen. Aber die beiden entscheidenden Fragen sind doch: Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Ist mit dem Tod alles vorbei oder gibt es über den Tod hinaus noch etwas? Und wenn es so etwas wie ewiges Leben gibt (nicht das unendliche Leben, das wäre langweilig), wenn man das wirklich glaubt, dann hat das eine Power, die beispielsweise erheblich über all die Überlegungen zur Finanzkrise hinausgeht.

In der Bibel steht „Wohl dem, ... der seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott setzt“. Wundert es Sie, dass manch einer, der vom Schicksal hart geprüft ist, der nicht auf der Sonnenseite steht, an der Gerechtigkeit Gottes zweifelt?

Lütz Ich begegne manchmal Menschen, gerade unter psychisch Kranken, die ihr schwieriges Leben mit einer so eindrucksvollen Selbstverständlichkeit leben, die man als Psychiater nur bewundern kann. Insofern kann ich sagen, Hoffnung erlebe ich bei psychisch Kranken stärker als bei Gesunden. Auch bei Behinderten ist das oft so. Der Grund ist wohl, dass beide Gruppen mehr an der Grenze ihrer Existenz leben. Sie leben in der stets gegenwärtigen Gefahr des Todes, der Verwirrung, der Hilflosigkeit; sie leben echter und sind dadurch weniger erschütterbar als mancher, der immer nur in einer scheinbar heilen Welt gelebt hat.

Trotzdem. Es gibt ja den Satz, die Hoffnung stirbt zuletzt. Warum hofft der Mensch bis zum Schluss?

Lütz Wir haben ja die aktuelle Diskussion um die Patientenverfügung. Wenn Menschen sagen, „Ich möchte niemals an Schläuchen hängen und künstlich beatmet werden“, sagen sie das in einem völlig gesunden Leben. Wenn dieser Mensch tatsächlich krank wird, beobachten wir oft etwas Merkwürdiges. Plötzlich ist Hoffnung da. Plötzlich möchte dieser Mensch doch weiter leben, auch an Schläuchen. Der Philosoph Josef Pieper hat unterschieden zwischen der Hoffnung im Singular und den Hoffnungen. Die Hoffnungen im Plural sind all die alltäglichen Hoffnungen, dass man die Prüfung besteht, den Job bekommt, die Kinder wohl geraten werden. Aber viele dieser Hoffnungen werden nicht erfüllt Doch das betrifft nicht die Hoffnung im Singular. Diese ursprüngliche Hoffnung, die jeder Mensch als Geschöpf Gottes hegt, ist das, was nach dem Scheitern aller einzelnen Hoffnungen bleibt und trägt. Diese Hoffnung ist eng verknüpft mit dem Glauben und mit dem Vertrauen auf Gott.

Ich kenne eine Familie, die nur ein Kind hatte – und dieses durch einen tragischen Unfall im Alter von 18 Jahren verloren hat. Das liegt 25 Jahre zurück. Seitdem geht der Vater nahezu täglich zum Friedhof und in die Kirche. Er hat trotz dieses Schicksals den Glauben an Gott nicht verloren...

Lütz Das berührt natürlich die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt. Besonders überzeugend und berührend war für mich die Antwort des Philosophen Robert Spaemann auf die drängende Frage: Wo war Gott in Auschwitz? Seine Antwort: Am Kreuz. Ich könnte einem Gott nicht glauben, der nicht ein mitleidender Gott ist. Der Publizist Henryk M. Broder hat angesichts des Holocaust Gott einen Zyniker genannt. Und in der Tat, wenn Gott von göttlicher Warte aus kühl auf das ganze leidvolle Weltgetümmel herabschauen würde, dann wäre er wohl eher ein Dämon. Ich glaube an einen Gott, der, weil er die Liebe ist, den Menschen als freies Gegenüber geschaffen hat, das aber dann nicht nur gut, sondern auch entsetzlich böse sein kann. Nur ein Gott, der das am Kreuz dann selbst erduldet, ist für mich glaubwürdig. Übrigens wurde das Mitleid von den Christen erfunden. Die Heiden verachteten die Schwachen und setzten behinderte Kinder im Gebirge aus.

Stützt die Aussicht auf das Paradies die Hoffnung?

Lütz Ja. Der Tsunami im Jahr 2004 hatte nichts mit dem Bösen der Menschen zu tun. Er war eine Naturkatstrophe, die Tausende das Leben gekostet hat. Und die Antwort auf die Frage nach Gottes Gerechtigkeit kann man da aus meiner Sicht nur finden in der lebendigen Hoffnung auf den Himmel. Aber die Ahnung, dass es über den Tod eines geliebten Menschen hinaus etwas gibt, hat viel mit dem existentiellen Erleben von Liebe zu tun. Wer am Grab eines geliebten Menschen ruhig sagen könnte, da ist jetzt nur noch Materie, Fraß für Würmer, mit dem ist es für immer aus, der könnte cool Atheist sein. Aber wer da wirkliche Zweifel hat und dann die eigentümliche Gewissheit erlebt, dass es etwas über die bloße Materie hinaus gibt, der hat Hoffnung. Und ich glaube, dass das die Antwort auf den Tod eines vierjährigen Kindes beim Tsunami ist. Wenn dieses Kind wirklich im Himmel ist, und wenn es dort herrlich ist für das Kind, dann ist der Tod nicht mehr eine Anfrage an den gerechten Gott, sondern eine Anfrage an unsere Hoffnung.

Quelle: RP

 
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