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Interview
Was macht ein Moslem eigentlich an Weihnachten?

Was macht ein Moslem eigentlich an Weihnachten?
Für Cihan Süğür war der 24. Dezember immer ein ganz normaler Tag. Heute nutzt er die Tage danach für seine Steuererklärung. FOTO: Florian Jäger
Düsseldorf. Nicht überall in Deutschland ist der 24. Dezember ein besonderer Tag. Der Moslem Cihan Süğür (25) ist in Dortmund aufgewachsen – und hat noch nie Weihnachten gefeiert. Ist das nicht blöd? Von Sebastian Dalkowski

Am 24. Dezember versammelt sich Deutschland vorm Tannenbaum – wo werden Sie sein?

Cihan Süğür Ich werde meine Eltern in meiner Heimatstadt Dortmund besuchen und mit den Freunden, die sonst auch nicht in Dortmund sind, in meiner Stamm-Shisha-Bar sitzen, Pfeife rauchen und Backgammon spielen.

Muslimische Freunde?

Muslimische Schrägstrich christliche Freunde, die an Weihnachten nicht vorm Tannenbaum stehen.

Fühlen Sie sich da nicht so ausgeschlossen wie jemand am Abend des WM-Finales 2014, der sich nicht für Fußball interessiert? Ich stelle mir das ziemlich öde vor.

Nein, weil ich meine Freunde um mich habe. Und um 22 Uhr sind dann auch die dabei, die erst mal Weihnachten mit der Familie feiern mussten. Außerdem ist Weihnachten für mich ein Prozess von Anfang bis Ende Dezember, ohne ein Finale an Heiligabend.

Aber dann kommen ja noch zwei Weihnachtsfeiertage.

Das ist eine gute Zeit für meine Steuererklärung, weil mich niemand nervt.

Kinder erzählen die Weihnachtsgeschichte

Erreicht Sie die weihnachtliche Stimmung denn?

Ich liebe Weihnachtsmärkte.

Ernsthaft?

Ja, ich bin mit meiner muslimischen Verlobten dort sehr gerne unterwegs. Es ist kalt, man geht Arm in Arm daher, holt sich seine Champignons mit Pommes und seine gebrannten Mandeln. Und ich mag den Kitsch.

Sind Sie nicht nach zehn Minuten von den ewig gleichen Liedern genervt?

Ich kenne die meisten ja nicht.

Was ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?

Ich kenne "O Tannenbaum" und den Weihnachtssong von Coca-Cola.

Gibt es noch etwas, das Sie an Weihnachten begeistert?

Ich finde es erstaunlich, wie das Land zur Ruhe kommt. Ich empfinde es als Zeit der Besinnung, selbst für Politiker. Ich habe aber auch gehört, dass es die Zeit der Familienfehden ist. Eine Klassenkameradin hat mir früher Geschichten erzählt. Von wegen alle hassen sich, sitzen aber bei der Oma zusammen.

Weihnachten ist voller Rituale. Dazu gehören auch bestimmte Fernsehsendungen. Kennen Sie "Weihnachten bei den Hoppenstedts" von Loriot?

Loriot habe ich schon mal gehört, aber von den Hoppenstedts noch nie. Ist das eine Bildungslücke?

Es ist jedenfalls DER Weihnachtsklassiker neben "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel".

Bin ich jetzt nach Julia Klöckner weniger integriert? Die Frage muss ich mir jetzt stellen.

Die CSU wird jedenfalls nicht begeistert sein. Was ist für Sie das Befremdlichste an Weihnachten?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Großteil der Bevölkerung denkt, der Weihnachtsmann komme in der Bibel vor.

Wollen Sie damit etwa andeuten, dass Weihnachten sich von seinem religiösen Kern entfernt hat?

Es scheint mir jedenfalls alles etwas neblig zu sein. Ist Weihnachten ein christliches Fest? Oder ist es schon atheistisch? Oder typisch deutsch?

Irritiert es Sie nicht, dass mehr als einen Monat lang überall nur weihnachtliche Werbung zu sehen ist?

Ich bin damit ja auch aufgewachsen, deshalb ist es auch für mich das Normalste der Welt. Ich wundere mich auch nicht mehr über Lebkuchenherzen im Oktober.

September. August.

Vor Weihnachten ist nach Weihnachten. Flüchtlinge dürften das allerdings eher befremdlich finden. Die könnten denken: Sind hier jetzt Mottowochen oder was?

Warum feiern Sie nicht einfach auch Weihnachten? Der christliche Kern ist ja doch stellenweise verloren gegangen.

Ich weiß vermehrt von Türken in der Türkei, die auch Tannenbäume aufstellen und sich beschenken. Allerdings nicht an Weihnachten, sondern am 31. Dezember. Das ist so wahnsinnig vom deutschen Weihnachten abgeguckt.

Was ist, wenn Sie mal Kinder haben – wollen Sie dann nicht Weihnachten feiern?

Ich kenne das natürlich aus meiner eigenen Jugend, als ich mich gefragt habe, warum die anderen Kinder Geschenke bekommen und ich nicht. Wir haben kein Weihnachten gefeiert. Und wenn ich Kinder haben sollte, werde ich tendenziell auch kein Weihnachten feiern. Ich würde die allerdings aufklären, was da gerade passiert. So wie es meine Eltern gemacht haben. Wir haben dafür andere Feste, leiden also keinen Mangel.

Als Kind dürften die Erklärungen Ihrer Eltern Sie trotzdem nicht getröstet haben. Haben sie Ihnen nicht vielleicht doch was geschenkt?

Nein, ich bin an Weihnachten immer ohne Geschenke ins Bett gegangen. Ist das bemitleidenswert?

In dem Moment schon.

Mir war aber schon als Kind bewusst: Das ist etwas, was die Christen haben und wir nicht. Punkt. Für mich war Weihnachten ein Tag wie jeder andere auch. Allerdings: Die Werte hinter Weihnachten, also Besinnung, Familie oder Mitgefühl haben durchaus Schnittmengen mit unseren Festen.

Sie haben auch so eine Art Weihnachten – das Zuckerfest, die Tage nach Ramadan.

Das kommt darauf, was Sie mit Weihnachten meinen.

Die ganze Beschenkerei, das Essen – also den nichtreligiösen Teil.

Dann ist es tatsächlich am ehesten mit Weihnachten vergleichbar. Man isst sehr viel, vor allem Süßes. Man beschenkt sich. Allerdings bekommen nur die Kinder Geschenke. Als Belohnung dafür, dass sie den Ramadan geschafft haben. In der Regel Geld.

Das ist ein bisschen unromantisch.

Ich muss Sie da tatsächlich enttäuschen. Es wird nichts verpackt, es gibt keinen Tannenbaum, wir singen keine Ramadan-Lieder. Aber finanziell war das als Kind eine Kompensation für Weihnachten. Nun bin ich in dem Alter, wo ich selbst Geld verschenken muss.

Kommt das Geld wenigstens in einen Umschlag?

Ich stecke den Kids das Geld immer in die Hosentasche.

Wir essen an Weihnachten Kartoffelsalat mit Würstchen oder Braten. Was ist das traditionelle Zuckerfest-Essen?

Baklava ist Pflicht.

Ich meine richtiges Essen.

Wir schieben jedenfalls keine Gans in den Ofen. Meine Mutter macht zum Beispiel gefüllte Auberginen. Wortwörtlich übersetzt heißt das Gericht "Aufgeschnittener Bauch".

Haben die Muslime denn auch ein "Weihnachten bei den Hoppenstedts?"

Türkische Bollywood-Filme sind da der Klassiker. Arabeske Liebesgeschichten von Kadir Inanir oder lustige Geschichten vom Comedy-Helden Kemal Sunal werden gerne geschaut.

Sie haben jetzt die einmalige Gelegenheit, mir Fragen zu Weihnachten zu stellen, die Sie schon immer einem deutschen Christen stellen wollten.

Ich habe sehr viele Fragen.

Bitte.

Warum ist es der 24. Dezember?

Mein Halbwissen sagt: Die Germanen haben zu dieser Zeit früher Winterwende gefeiert, also dass die Tage wieder länger werden. Und daran haben die Christen dann angeknüpft. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Vielleicht ist die Erklärung auch völliger Quatsch.

Und gibt es Weihnachten schon länger oder erst seit 50 Jahren?

Seit Jahrhunderten.

Wann fing das mit dem Weihnachtsmann an?

Ich glaube, das geht auf den Heiligen Nikolaus zurück. Aber eigentlich bringt das Christkind, also Jesus, die Geschenke. Nur hat der böse amerikanische Weihnachtsmann mittlerweile das Christkind fast verdrängt.

Der Weihnachtsmann taucht wirklich nicht in der Bibel auf, oder?

Nein.

Und woher kommt das mit den Geschenken?

Jesus wurde von den Heiligen drei Königen beschenkt. Als Zeichen ihrer Verehrung.

Aber warum beschenkt das Christkind nun andere?

Das ist eine Frage, die ich Ihnen ehrlicherweise nicht beantworten kann. Das ist eben so.

Und woher kommt der Tannenbaum?

Keine Ahnung. Er wächst hier einfach. Ich blamiere mich gerade sehr.

Es ist so, dass ich mich sehr häufig erklären muss. Jedes Jahr im Ramadan werde ich gefragt: Wie – fasten? Wie – auch kein Wasser? Wie – den ganzen Tag? Wie – den ganzen Monat? Jedes Jahr. Und im Jahr darauf fragen sie wieder, weil sie die Antworten vergessen haben. Deshalb war ich schon früh gezwungen zu recherchieren, um akkurate Antworten auf all diese Fragen zu haben. Sie werden relativ selten Weihnachten erklären müssen, weil das hier selbstverständlich ist. Wenn Sie einen Türken in der Türkei zum Zuckerfest befragen, wird der vermutlich genau so ahnungslos sein wie Sie beim Thema Weihnachten.

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