Zentralstelle für die Ermittlung von NS-Verbrechen: "Weitere Nazi-Prozesse möglich"
zuletzt aktualisiert: 16.04.2009 - 16:05München (RPO). Der Leiter der Zentralstelle für die Ermittlung von NS-Verbrechen, Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, hält noch weitere Prozesse für möglich. "Ich halte durchaus für möglich, dass es solche Entdeckungen wie John Demjanjuk auch in Zukunft noch geben wird", sagte Schrimm in einem Interview.
Seine Mitarbeiter in Ludwigsburg werteten gerade Ergebnisse ihrer US-Kollegen aus, "die in ähnlichen Fällen noch ermitteln". Außerdem flögen Staatsanwälte der Zentralstelle dieses Jahr noch nach Chile und Brasilien, sagte Schrimm der AP.
Eher zufällig sei die Zentralstelle vor einem Jahr auf Demjanjuk aufmerksam geworden, so Schrimm. Nachdem Israel ihn 1993 freigelassen habe, weil er doch nicht der berüchtigte KZ-Aufseher "Iwan dem Schreckliche" in Treblinka war, sei er in die USA zurückgekehrt und aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden.
Aber im Februar 2008 habe eine deutsche Zeitung berichtet, dass die USA ihn wegen neuer Erkenntnisse zu seiner Verstrickung in NS-Verbrechen ausbürgern und abschieben wollten. Daraufhin reisten Ludwigsburger Staatsanwälte nach Israel sowie in die USA und eröffneten die Ermittlungen gegen Demjanjuk.
Ein zentrales Beweismittel sei sein Dienstausweis mit dem Eintrag über seinen Einsatz im Vernichtungslager Sobibor 1943. Nach zwei Sachverständigengutachten in den USA und einem Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamtes "gibt es nicht den geringsten Zweifel an der Echtheit", sagte Schrimm. Dass es darüber hinaus auch noch einen ehemaligen anderen Wachmann als Zeugen gibt, wollte der Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle nicht bestätigen.
Auslieferung ausgesetzt
Die Auslieferung des mutmaßlichen NS-Verbrechers John Demjanjuk an Deutschland wird in den USA nicht wieder aufgerollt, wie am Donnerstag ein Berufungsausschuss für Einwanderungsfragen in Virginia entschied. In Kraft bleibt aber einer weiter die Anordnung eines Berufungsgerichts, dass die Auslieferung vorläufig ausgesetzt hatte. Die endgültige Entscheidung des US-Bezirksgerichts in Cincinnati steht noch aus. Der mutmaßliche ehemalige KZ-Aufseher soll in München wegen Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vor Gericht gestellt werden.
Demjanjuks Sohn erhob dabei Vorwürfe gegen die deutsche Justiz. Im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" sagte John Demjanjuk junior, die Strafverfolger in der Bundesrepublik betrieben den Prozess gegen den 89-Jährigen in voller Kenntnis der Möglichkeit, dass seinen Vater allein der Flug nach Deutschland das Leben kosten könnte. Ein Berufungsgericht in den USA hatte am Dienstag die Auslieferung Demjanjuks nach Deutschland in letzter Minute gestoppt, nachdem er bereits im Rollstuhl aus seinem Haus ins Flugzeug gebracht worden war.
Sein Vater sei "nicht nur nicht fit, er würde wahrscheinlich schon den Flug nach Deutschland nicht überleben", sagte sein Sohn laut Zeitungsmeldung. Dies müsse den deutschen Behörden bewusst sein. Demjanjuk sei prozessunfähig. "Wir haben alle Informationen rübergeschickt, Gutachten von vier Fachärzten, inklusive der Blutwerte", wird Demjanjuk junior weiter zitiert.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







