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Nach dem Sechsfachmord in Duisburg: Weitere Racheakte der Mafia befürchtet

zuletzt aktualisiert: 16.08.2007 - 07:44

Duiburg (RPO). Nach dem sechsfachen Mord von Duisburg verdichten sich die Hinweise auf eine Familienfehde verfeindeter Mafiaclans. Die Ermittler befürchten weitere Vergeltungsakte. Sie werden von zwei italienischen Mafia-Experten untersützt, die bereits in Duisburg eingetroffen sind. Die Polizeigewerkschaft warnt davor, die Bedrohung Deutschlands durch die Mafia zu unterschätzen.

"Die Mafia und andere organisierte Kriminelle sind in Deutschland auf dem Vormarsch", sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Bandenkriminelle hätten "in vielen Bereichen der Wirtschaft inzwischen einen Fuß in der Tür". Spektakuläre Morde wie die von Duisburg dürften aber "wohl Ausnahmen bleiben", sagte Freiberg. Schließlich sei die Mafia "sehr darauf bedacht, ohne großes Aufsehen zu agieren".

Eine heiße Spur hat die deutsche Polizei noch nicht, berichtete der WDR am Donnerstag Morgen. Die beiden italienischen Sonderermittler trafen am Mittwoch Abend in Duisburg ein. Sie sollen den Kollegen in Duisburg unter die Arme greifen. Unter anderem gehe es darum, die Zusammenarbeit zwischen deutscher und italienischer Polizei zu optimieren. Óffiziell schließen die Ermittler in Deutschland aber auch einen anderen Tathintergrund nicht aus.

Der italienische Innenminister Guiliano Amato zeigte sich jedoch davon überzeugt, dass es sich um ein Verbrechen der Mafia handelt. Die Bluttat sei die Folge eines Streits zwischen zwei Mafia-Familien, zeigte sich Amato im itzalienischen Fernsehen sicher. Es sei zu befürchten, dass die Morde in Duisburg weitere Gewalt nach sich zögen. Eines der Duisburger Opfer sei offenbar einer der Drahtzieher für eine Fehde der 'Ndrangheta - der kalabresischen Mafia -, die bereits im Jahr 1991 in der Stadt San Luca in Kalabrien begann und schon vor den Duisburger Ereignissen neun Menschen das Leben kostete. Der Rachefeldzug der beiden Familien ist auch unter dem Namen "Die Vendetta von San Luca" bekannt. San Luca ist ein kalabrisches Dorf. Er und die Polizei in Duisburg warnten nach der Hinrichtung der sechs Italiener vor Vergeltungsakten.

Die deutschen Fahnder wollten die Mafia-Spur zunächst nicht bestätigen. Die Ermittlungen gingen in alle Richtungen, sagte der Leiter der Mordkommission, Heinz Sprenger. Auch eine Beziehungstat sei nicht auszuschließen. Er bestätigte, dass alle Opfer aus Kalabrien stammen, fünf von ihnen aus einer Familie aus San Luca. Einer der Getöteten sei wegen Geldfälschung der Polizei bekannt. Andere seien wegen kleinerer Delikte vorbestraft.

Nach den tödlichen Schüssen befürchtet auch die Polizei in Duisburg Vergeltungsakte. Sprenger sagte, derzeit werde geprüft, ob gefährdete Personen unter Personenschutz gestellt werden müssten. Auch die italienischen Behörden rechnen mit weiteren Gewalttaten. Der italienische Mafia-Ermittler Piero Grasso sagte im Sender Sky TG24, die Opfer seien möglicherweise wegen der Gewalttaten in San Luca nach Deutschland gezogen. Der für Ermittlungen gegen die Mafia zuständige Staatsanwalt Pietro Grasso bezeichnete es in dem TV-Interview als "absolute Neuigkeit", dass sich eine solche Gewalttat im Ausland abspiele. Die Opfer seien offenbar nach Duisburg gelockt worden, weil die Täter sich den Folgen ihrer Rache entziehen wollten.

Spuren der Mafia führen nach Leipzig

Spuren der 'Ndrangheta führen angeblich auch nach Leipzig. Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" soll der sächsische Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren insgesamt sechs Angehörige der 'Ndrangheta in Leipzig identifiziert haben. Die Italiener im Alter zwischen 20 und 53 Jahren betrieben unter anderem Restaurants in der Messestadt. Sie sollen einem der beiden Clans angehören, deren blutige Fehde der mutmaßliche Hintergrund der Bluttat von Duisburg ist.

Nach Erkenntnissen des Geheimdienstes sind der Zeitung zufolge in Leipzig darüber hinaus auch Mitglieder anderer italienischer Mafiaorganisationen wie der Camorra und der Cosa Nostra aktiv. Unter Berufung auf einen Geheimbericht des Bundesnachrichtendienstes heißt es in dem Blatt weiter, dass Deutschland neben Belgien, den Niederlanden, Spanien und Frankreich als wichtigstes Zentrum der Geldwäscheaktivitäten der 'Ndrangheta gilt. Darüber hinaus steuerten die in der Bundesrepublik agierenden Clanmitglieder auch den Drogen- und Waffenschmuggel von und nach Osteuropa.

Unter Mafia-Experten gilt Deutschland als Rückzugsgebiet für Mafia-Angehörige. "Die Mitglieder sind darauf bedacht, sich ruhig zu verhalten und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen", erklärte der Mafia-Experte und ehemalige Chefreporter der ARD, Dagobert Lindlau, dem Nachrichtensender hr-Info.

Opfer wurden regelrecht hingerichtet

Der Leiter der Mordkommission, Heinz Sprenger, berichtete, alle sechs Opfer hätten in dem unmittelbar neben dem Tatort liegenden Restaurant "Da Bruno" gearbeitet. Offenbar hätten ihnen die Täter nach dem Verlassen des Lokals aufgelauert und gewartet, bis sie in ihre Autos eingestiegen seien. Die Opfer seien dann regelrecht hingerichtet worden. "Es ist wahllos in die im Wagen sitzenden Menschen hineingeschossen worden. Die Opfer weisen eine Vielzahl von Schussverletzungen auf," sagte Sprenger.

Tatverdächtig sind zwei Männer, die schnell vom Tatort flüchteten. Allerdings gibt es bislang keine genaue Personenbeschreibung von ihnen. Weitere Aufschlüsse erhoffte sich die Polizei von der Auswertung von Überwachungsvideos.

Fünf der Opfer waren nach den Schüssen sofort tot. Ein sechster Mann erlag im Rettungswagen seinen Schussverletzungen. Die Tat ereignete sich offenbar kurz nach zwei Uhr morgens direkt neben einem Bürohochhaus in der Mülheimer Straße. "Eine Fußgängerin hat die Schüsse gehört und einen Streifenwagen angehalten, der zufällig in der Gegend war", sagte Polizeisprecher Reinhard Pape. Die Beamten entdeckten daraufhin gegen 2.30 Uhr die beiden Autos mit den Toten. Eine sofort eingeleitete Ringfahndung blieb erfolglos.

Mehr als 50 Polizeibeamte waren am Mittwoch mit der Aufklärung des Falles beschäftigt. "Wir sind gerade erst am Anfang von sehr, sehr umfangreichen Ermittlungen", sagte der Leiter der Mordkommission.


 
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