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Diskussionskultur in Deutschland
Weniger Ausrufezeichen wagen

Diskussionskultur in Deutschland: Weniger Ausrufezeichen wagen
FOTO: Ferl
Düsseldorf. Das "!" ist schwer in Mode in Deutschland. Denn unsere Art, miteinander zu reden, ist unduldsamer geworden. Das Rufzeichen passt ideal zu dieser gereizten Kommunikation. Es tut uns aber nicht gut. Von Frank Vollmer

Siebzehn Ausrufezeichen - das ist für Til Schweiger das höchste der Gefühle. Genau so, mit "17 Ausrufezeichen!", kommentierte der Schauspieler nämlich vor wenigen Tagen im sozialen Netzwerk Facebook eine Kritik seines neuesten "Tatorts". Den mittellangen Text kann er nicht gemeint haben; der kommt nur (nur?) auf sieben Ausrufezeichen. Nein, 17 Rufzeichen sind für Schweiger offenbar Ausdruck größter Wertschätzung - Schachspieler kennzeichnen sehr gute Züge im Protokoll mit "!!", Schweiger aus seiner Sicht sehr gute, also wohlwollende Texte eben mit "!!!!!!!!!!!!!!!!!".

17 Ausrufezeichen! :-)

Posted by Til Schweiger on  Dienstag, 5. Januar 2016

Das Ausrufezeichen ist gerade schwer in Mode in Deutschland, nicht nur bei Til Schweiger und leider nicht nur in Sachen "Tatort". Das Land ist aufgewühlt, seit mehr als eine Million Flüchtlinge gekommen sind, und an Silvester sind nicht wenige offenbar übergriffig geworden gegen deutsche Frauen. Die Flüchtlingskrise strapaziert unsere Weltoffenheit. Der öffentliche Diskurs bildet diese Strapazen getreulich ab.

Der Wille zu wirklichem Austausch auch über fundamental verschiedene Meinungen schwindet. Deutschland ist unduldsamer geworden, gereizter. Das Ausrufezeichen symbolisiert diese Malaise. Schweiger selbst postete bei Facebook, als er Gegenwind bei seinem Vorhaben bekam, auf eigene Faust ein Flüchtlingsheim zu bauen, den denkwürdigen Satz: "Ich scheiss auf euch und zieh mein Ding durch!!!!" - 42 der 678 Zeichen des Posts, zu dem dieser Satz gehörte, waren Rufzeichen.

"Ihr mit euern vertuschten Nachrichten!!!"

Ein weiterer Blick ins Internet abseits von Schweiger verfestigt den Eindruck. Ein willkürlich herausgegriffener Text: der RP-Online-Post bei Facebook zu den Angriffen auf Ausländer in der Kölner Innenstadt. Die Leserkommentare sind ein Festival der Rufzeichen. "Ihr mit euern vertuschten Nachrichten!!!", schreibt einer. "Möchte in der Stadt mal Deutsch sprechen hören und nicht 53! andere Sprachen!!!", ein anderer.

Ein Ausrufezeichen am Satzende signalisiert Emphase, Engagement. Beides ist nichts Schlechtes - eine Demokratie braucht nicht nur Abwäger, sondern auch Zuspitzer, Polemiker. Das Ausrufezeichen signalisiert aber auch eine Endgültigkeit, die dem Punkt abgeht. Es wünscht keine weitere Debatte. Ausrufezeichen sind Punkte, die sich radikalisiert haben: Schluss! Basta! Ruhe im Karton! In Mengen sind sie daher unbekömmlich.

Es gibt auch eine Merkel-Variante

Ausrufezeichen können sich sogar unsichtbar machen. Es gibt Sätze, die in ihrer Unbedingtheit Ausrufe sind, ohne ein "!" am Ende zu tragen. Auf ihre Art hat auch die Bundeskanzlerin ein solches Ausrufezeichen gesetzt. Angela Merkels Satz des Jahres, "Wir schaffen das", fiel zwar nur mündlich, am 31. August 2015 bei ihrer Jahrespressekonferenz; daher musste sich die Urheberin über Satzzeichen keine Gedanken machen. In der Dokumentation auf der Website der Bundesregierung trägt der Satz allerdings folgerichtig ein Ausrufezeichen.

Denn in der Sache duldet er keinen Widerspruch; das hat Merkel durch vielfache Wiederholung und Auslegung klargemacht. An diesem Satz gegen die Mehrheit im Volk und praktisch ganz Osteuropas festzuhalten, ist keine kleine Leistung; "Wir schaffen das" hat die Deutschen außerdem zu einer humanitären Jahrhundertanstrengung inspiriert. Aber der Satz wird eben auch als ein Dogma verstanden, durch das sich viele Skeptiker als Ausländerfeinde abgestempelt fühlen, auch wenn sie keine Ausländerfeinde sind.

Manche Begriffe würgen alles ab

Angela Merkel steht für die konstruktive Variante des Ausrufezeichens: das Motivations-Ausrufezeichen. Zwei destruktive pflegen enge Nachbarschaft: das Klage- und das Wut-Ausrufezeichen. "Armes Deutschland!", eine beliebte Schlussformel in Leserbriefen, ist ein sehr fernes Echo von Ciceros "O tempora, o mores!", einer Art Ursatz des besorgten Bürgers - damals übrigens als Polemik gedacht; der Satz steht am Anfang der ersten Senatsrede gegen den Staatsverräter Catilina. Zum heiligen, leider auch oft unheiligen Zorn ist es da nicht weit, gern in Kombination mit durchgehender Großschreibung, dem schriftlichen Schrei-Modus. Bei Facebook werfen Nutzer mit Ausdrücken wie "geistige Inkontinenz" um sich, bezeichnen einander als "Hobbynazis" und als "Gutmenschenschwachkopf". Solche Injurien ebenso wie Anwürfe aus dem Pegida-Wörterbuch, "Lügenpresse" und "Meinungsdiktatur" etwa, würgen zuverlässig jede Debatte ab, mit oder ohne "!".

Und wenn das nicht reicht, wird halt gehäuft - das haben die Ausländerfeinde unter den Wutbürgern mit dem dauerwütenden, aber für Flüchtlinge engagierten Til Schweiger gemeinsam. Pegida teilt bei Facebook einen Beitrag des österreichischen Rechtsaußen Heinz-Christian Strache mit dem lakonischen Kommentar "!!!"; Strache selbst setzt ausgiebig Rufzeichen ("Europa ist verkauft!"), vor allem am Anfang und Ende des Textes, wo die Wirkung am größten ist. Insofern passt es, dass von den größeren deutschen Parteien nur die AfD dem Leser auf der Homepage ihr Motto ("Mut zur Wahrheit!") inklusive Rufzeichen präsentiert.

Diesmal ist selbst das Internet nicht schuld

Die These liegt nahe, dass die unbesonnene Internet-Kommunikation einer Rufzeichen-Schwemme Vorschub leistet. Das Online-Lexikon Wikipedia behauptet gar (ohne Beleg), die Verwendung des Ausrufezeichens zur bloßen Bekräftigung sei erst mit dem Internet aufgekommen. Stimmt nicht, sagt Ursula Bredel, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Hildesheim und so etwas wie die führende deutsche Rufzeichenexpertin: "Dieses Phänomen ist seit Langem bekannt." Sei's drum - auch wenn das Internet gar nicht schuld ist (Bredel spricht von einer "gefühlten Vermehrung", weil es keine wissenschaftlichen Untersuchungen gebe): Kein anderes Satzzeichen passt so gut zur Kommunikation im digitalen Zeitalter - in der Flüchtlingskrise erst recht.

Ausrufezeichen sind aufrechte, aber auch starre Gesellen. Dabei würde ein bisschen mehr geistige Beweglichkeit reichen, um dieses unbeugsame Zeichen geschmeidiger zu machen. Ein Ausrufezeichen, das sich Flexibilität zutraut, wird zum Fragezeichen. Auf Fragen gibt es Antworten. Ohne Dialog kein Diskurs, ohne Diskurs keine Demokratie. Ein bisschen mehr geistige Gelenkigkeit - das wäre doch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

Quelle: RP
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