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Ostern
Wenn Auferstehung auf dem Stundenplan steht

Kaarst. Wie begreifen Schulkinder das biblische Geschehen von Jesu Auferstehung? Wir haben die vierte Klasse iner Grundschule in Kaarst besucht und uns das angesehen. Von Philipp Holstein

Das ist tatsächlich eine unfassbare Geschichte: Ein Mann wird am Kreuz getötet, zu Grabe getragen, und drei Tage später liegt er nicht mehr da. Das Grab ist leer. Zwei Männer in leuchtenden Gewändern stehen da. Jesus sei auferstanden, sagen sie, aufgefahren in den Himmel. So steht es im Lukas-Evangelium, und dort gibt es auch eine schöne Formulierung, die die ganze Unbegreiflichkeit des zentralen christlichen Glaubensinhalts ins Bild bringt: "Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden dort liegen. Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war." Wenn selbst Petrus irritiert war, wie soll man selbst begreifen, was wir an Ostern feiern? Und vor allem: Wie soll man es begreifen, wenn man erst neun Jahre alt ist?

Die Klasse 4B der Katholischen Grundschule Kaarst nimmt gerade die Auferstehungsgeschichte durch. Die letzte Religionsstunde vor Ostern hat soeben begonnen, und nun kann man dabei zusehen, wie 27 Kinder den sicheren Bereich des Nachvollziehbaren verlassen und übertreten in eine ziemlich unübersichtliche Landschaft, die gemeinhin Glaube genannt wird. Auf den Tischen liegen Sachen, die einen durch bloße Namensnennung wehmütig machen: Geodreieck, Pritt-Stift, Tintenkiller. Im Federmäppchen eines Jungen klebt ein handgeschriebener Zettel: "Nicht vergessen: Hausaufgaben aufschreiben! Hab dich lieb, Mama". Die Kinder tragen Hausschuhe, und als man fragt, warum, antwortet Tobias: "Das ist gemütlicher."

In den Raum fällt wenig Licht, es ist warm, die Luft dick, und vor der Tafel steht Regina Kampermann. Sie ist die Klassenlehrerin, eine große Frau, die viel schmunzelt, seit 26 Jahren in diesem Beruf arbeitet und ihn anscheinend ziemlich genießt. Sie lässt die Kinder erst mal basteln. Ruhe reinbringen: Eben noch wurde eine Arbeit geschrieben, in Deutsch, eine Zusammenfassung. Das war anstrengend, da kann man den Kindern nicht direkt mit diesem harten Tobak kommen. Also schneiden sie Ohrenlöffel aus Kaffeefiltern, kleben Schnurrhaare auf Pappe und malen alles mit Buntstiften an. Dazu reden sie, sie reden viel, "bis Samstag kriegen wie keine elf Spieler zusammen", heißt es hier, "dann findet das Spiel nicht statt", heißt es dort. Es gibt einiges zu besprechen.

"Kommando Brezel", ruft Frau Kampermann plötzlich, und dann verschränken die Kinder die Arme vor der Brust, legen die Ellbogen auf den Tisch und drücken die Rücken durch. Es ist still. Warum diese Woche eigentlich "heilige Woche" genannt werde, möchte Frau Kampermann wissen. Die Hälfte der Schüler meldet sich. "Weil sich die Christen auf das Osterfest vorbereiten", antwortet Leo. Das Gespräch kommt auf den Palmsonntag. Welche Farbe dieser Tag habe? "Grün", ruft Tobias in die Klasse. Frau Kampermann ruft Lotte auf, die sagt "grün", und Tobias ruft: "Hab ich doch gesagt."

An der Tafel stehen die Hausaufgaben in schöner Schreibschrift. "Verkehrsschilder lernen", steht da. Und: "eine Seite ,Willibald' lesen". Alexander liest die Bibelstelle über das letzte Abendmahl vor. Was denn da nun eigentlich passiere, fragt Frau Kampermann. Die treffendste Zusammenfassung kommt von Darius: "Gott hat den Jüngern gesagt, die sollen jetzt Wein trinken und Brot essen. Und Jesus hat er gesagt, er muss sein Kreuz gleich selber tragen."

Aufzeigen ist Arbeit, die Kinder sitzen nicht einfach da und heben den Arm, sie knien sich auf die Stühle, mancher geht gar ein paar Schritte mit ausgestrecktem Finger auf die Lehrerin zu und ruft ihren Namen. "Wie war wohl die Stimmung beim letzten Abendmahl?", fragt Frau Kampermann. "Nicht so prickelnd", heißt es. "Und in Farben übersetzt? Wie würde man das Abendmahl malen?" "Rot", sagt Tobias, weil: "Gleich kommt Blut." Frau Kampermann schmunzelt. "Holzbraun", sagt jemand, und Leticia sagt: "Schwarz und weiß." Frau Kampermann nickt. "Aha." Und warum? "Schwarz, weil Jesus traurig darüber ist, dass er jetzt sterben muss. Und weiß, weil er sich schon auf die Auferstehung freut."

Frau Kampermann ist zufrieden, sie hat das Thema lange vorbereitet, jetzt fährt sie die Ernte ein. Je schwieriger die Geschichte indes wird, desto unruhiger wirken die Kinder. Wie die Kinder Jesu Kreuzestod malen würden, fragt Frau Kampermann. "Schwarz, weil er ja tot ist", antwortet jemand. Ein anderer ruft: "Nee, Jesus war gar nicht tot!" Es beginnt eine Diskussion: "Doch, er war tot." - "Ja, aber nur halb." - "Nein. Der war echt tot."

Emilia darf das Auferstehungskapitel aus der Kinderbibel vorlesen. "Ich werde nach drei Tagen von den Toten auferstehen", sagt Jesus da. "Was heißt das?", fragt Frau Kampermann. Stille. Frau Kampermann legt eine Folie auf die Glasplatte des Tageslicht-Projektors. An der Wand erscheint das Bild eines Höhlengrabes, vor dessen Eingang ein Stein gerollt wurde. "Jesus wird zum Geist", sagt Leo.

Frau Kampermann versucht, die Abstraktion begreifbar zu machen, sie erklärt den Begriff "Gotteskraft". "Jesus geht ein in unsere Seelen. Er gibt uns Kraft und Mut. Er ist in unseren Herzen." Genau das bedeute auch die Emmaus-Geschichte, in der Jesus den Jüngern erscheint. Die meisten Mädchen hören aufmerksam zu.

Einige Jungs klären Detailfragen, die wichtig sind, aber vom Thema wegführen. "Da war ein Gewitter, sonst hätte der Blitz den Vorhang nicht zerschneiden können." - "Jesus hat einen Schwamm mit Essig bekommen. Essig!" - "Ponnantias Pilatus hatte bestimmt Angst, dass er selbst ans Kreuz gehauen wird." - "Der heißt Pontius Pilatus." Frau Kampermann legt den Zeigefinger an die Lippen: "Schschsch!"

Die Stunde ist fast um, es ist stickig im Raum, und man merkt, dass die Auferstehung eine knifflige Angelegenheit ist - vor allem morgens, kurz vor elf. Frau Kampermann bittet die Schüler, ein Bild zu malen: Wie könnte die Auferstehung wohl aussehen?

Die meisten schraffieren das Papier großzügig in Rot oder Orange, manche lassen in der Mitte etwas Platz und füllen ihn dann mit gelber Farbe. Das passt, das kommt hin, die Auferstehung sieht gut aus und fühlt sich warm an.

Man muss wieder an das Lukasevangelium denken und an die geheimnisvolle Stelle, in der der auferstandene Jesus unter den Jüngern in Jerusalem erscheint: "Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift", heißt es da.

Als endlich die Pause beginnt, sagt Tobias, was er persönlich über die Auferstehung denkt: "Es ist schwierig, aber danach lebt Jesus ewig weiter. Und das ist gut."

Quelle: RP
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