Wintereinbruch: Wer ist Schuld am Salz-Desaster?
zuletzt aktualisiert: 08.01.2010 - 16:25Düsseldorf (RPO). Kommunen in ganz Deutschland sind auf einer ungewöhnlichen Jagd: Sie fahnden nach Streusalz. Das frostige Wetter hat die Vorräte der Städte und Gemeinden schnell aufgezehrt. Teils greifen Kommunen schon zu kurios anmutenden Maßnahmen, wie dem Einsatz von Ein-Euro-Jobbern zum Salz holen. Doch wer hat eigentlich Schuld an den Engpässen? Kommunen, Lieferanten und Interessenverbände streiten um die Verantwortlichkeit.
Der Auto Club Europa hat mit Unverständnis auf Engpässe bei der Versorgung von Räumfahrzeugen mit Streusalz reagiert. ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner sagte am Freitag in Stuttgart: "Die Versorgungslücke ist hausgemacht." Er warf den für die Verkehrssicherung verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden vor, die Kapazitäten der Streusalzlager in den vergangenen Jahren aus Kostengründen massiv heruntergefahren zu haben. Bei etwas länger anhaltenden Schneefällen seien diese Halden nicht selten schon binnen 48 Stunden geräumt, während früher der Vorrat bis zu 14 Tagen gereicht habe. Weiter kritisierte der ACE-Sprecher, dass die Versorgung mit Nachschub alleine auf dem Just-in-time-Prinzip beruhe und dies eine aufwendige Beschaffungslogistik erforderlich mache.
Salzlieferanten würden mitunter mit Ausschreibungen konfrontiert, die dazu verpflichteten, innerhalb weniger Stunden zu liefern. Das lege die Vermutung nahe, dass der Vorrat vor Ort häufig zu knapp bemessen werde oder sogar schon aufgebraucht sei. Die Nachlieferungen erfolgten erst dann, wenn die Straßen glatt seien, ohne dass dem durch Streueinsätze hätte vorgebeugt werden können.
Kommunen sehen Schuld bei Salzlieferanten
Für Heinz van Gemmeren, kaufmännischer Leiter der Wirtschaftsbetrieb von Oberhausen, ist der Schuldige auch schon gefunden: Die European Salt Company, größter Salzlieferant Europas, sei Schuld im Falle Oberhausens, weil sie nicht wie vereinbart binnen 48 Stunden liefern könne. Schon seit dem 30. Dezember sei der Salzlieferant in Verzug, sagte er der "Süddeuschen Zeitung" ("SZ"). Genau so sieht sehen auch die Wirtschaftsbetriebe von Duisburg. Sie erwägen sogar eine Klage, weil der Salzlieferant nicht wie vereinbart binnen 48 Stunden liefern konnte.
Der Salzlieferant Esco bei Hannover ist da anderer Meinung. "Verantwortlich ist die außergewöhnliche Witterung", zitiert die "SZ" einen Unternehmenssprecher. "Wir haben seit Wochen einen Wintereinbruch". Selbst bei einer Arbeit in Drei-Schichten-Betrieb rund um die Uhr sei die Nachfrage da nicht zu erfüllen. Auch zwischen Kommunen und Bund sorgen die frostigen Temperaturen für Spannungen: Dass Autobahnen beim Streuen bevorzugt werden, bringt Städte und Gemeinden auf die Palme.
Der Heilbronner Streusalzhersteller Südwestdeutsche Salzwerke (SWS) produziert wegen der strengen Kälte ebenfalls auf Hochtouren. "Wir arbeiten rund um die Uhr, um unsere Kunden zu bedienen", sagte Vorstandschef Ekkehard Schneider am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Beim SWS-Konzern herrscht Schneider zufolge aber keine Salzknappheit. "Wir sind für unsere Kunden voll lieferfähig, keiner sollte im Schnee stecken bleiben", sagte Schneider. Die Situation sähe natürlich anders aus, sollte es mehrere Wochen lang zu Dauerschneefällen kommen, fügte er hinzu. Das Heilbronner Unternehmen hat seine Stammkundschaft in Bayern und Baden-Württemberg, wo traditionell stärker für Schneefall-Verhältnisse im Winter geplant wird.
Der Kasseler Düngemittel- und Salzhersteller K+S weitet angesichts der starken Nachfrage seine Streusalzproduktion ab der kommenden Woche um rund ein Fünftel aus. Auch K+S produzierte zuletzt in seinen drei Salzbergwerken in Bernburg in Sachsen-Anhalt, in Borth am Niederrhein sowie in Grasleben bei Helmstedt im Drei-Schicht-Betrieb sieben Tage die Woche. "Seit zwei Wochen produzieren wir unter Vollast an der Kapazitätsgrenze - auch über die Feiertage hinweg", sagte ein Sprecher.
Unterdessen versorgen sich immer mehr Kommunen über Baumärkte mit dem begehrten Streusalz, sodass auch dort die Vorräte zunehmend knapp werden. Die Stadt Duisburg schickte dazu Ein-Euro-Jobber in die Baumärkte. Sämtliches Streugut, das noch in den Baumärkten in Duisburg lagerte, ist so kurzerhand von der Stadt eingekauft worden.
Warten auf Salz aus Afrika
Eine Linderung der Situation verspricht derzeit ein Schiff aus Marokko. Es soll laut Medienberichten 5.000 Tonnen Steusalz an Bord haben. "Das Land tut alles, um die Straßen sicher zu machen, auch wenn wir dafür Salz aus Afrika holen müssen", sagte Niedersachsens Verkehrsminister Jörg Bode der "Nordwest Zeitung".
Auch Eigentümer von Häusern sind verpflichtet zu streuen. Als Streumittel sollte Granulat wie Splitt oder Lava-Asche verwendet werden. Das ist umweltfreundlich, muss aber nach Ende der Frostperiode wieder weggekehrt werden. An besonders gefährdeten Stellen wie Treppen ist laut der Versicherung "DEVK" jedoch auch Salz erlaubt.
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