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Annette Kurschus
"Mit dem IS kann man nicht verhandeln"

Westfälische Präses der EKD Annette Kurschus: Mit dem IS kann man nicht verhandeln
Die erste Frau an der Spitze der westfälischen Kirche: Annette Kurschus (52). FOTO: Hans-Juergen Bauer
Exklusiv | Bielefeld. Die westfälische Präses und Vize-Ratsvorsitzende der EKD über Krieg und Frieden, über Angst vor den Flüchtlingen und eigene Zögerlichkeit.

Es ist einfach, mit Annette Kurschus ins Gespräch zu kommen. Der Kaffee in ihrer Tasse wird kalt - sie kommt kaum zum Trinken, weil der Dialog nie ins Stocken kommt. Wir treffen die Präses der westfälischen Landeskirche, die seit sechs Wochen auch stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, im Bielefelder Landeskirchenamt. Kurschus, 52 Jahre alt, hat sich um das EKD-Amt nicht gedrängt, wie sie freimütig zugibt. Trotzdem oder gerade deswegen: In der evangelischen Kirche gilt sie als Hoffnungsträgerin - die Synode hat sie jedenfalls mit einem fulminanten Ergebnis zur Stellvertreterin von Heinrich Bedford-Strohm gewählt.

Präses Kurschus, welche Themen will der neue Rat angehen?

Kurschus Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass Kirche immer weniger eine selbstverständliche und alle angehende Größe unserer Gesellschaft ist. Auch wenn es natürlich stimmt, dass nach wie vor zwei von drei Deutschen einer christlichen Kirche angehören. Also werden wir versuchen, Kirche als eine wesentliche gesellschaftliche Akteurin darzustellen. Wir sind in den existenziellen Fragen des Lebens auskunftsfähig.

Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Evangelikaler im Rat. Erwarten Sie Auseinandersetzungen?

Kurschus Ich gehe davon aus, dass die Synode Herrn Diener bewusst deswegen in den Rat gewählt hat, damit wir auch dieses Spektrum des Protestantismus abbilden. Es gibt viele Menschen, die hier beheimatet sind. Da wird es sicher hier und dort auch einmal Kontroversen geben. Und wenn sich Herr Diener da als Brückenbauer engagiert, dann stärkt das den Protestantismus insgesamt.

Ihre Lehrer haben mal zu Ihnen gesagt, dass sie sich regere Beteiligung im Unterricht von Ihnen gewünscht hätten. Sind Sie ein stiller Mensch?

Kurschus Tatsächlich zögere ich lange und wäge ab, ehe ich mich in Gremien - früher war es der Schulunterricht - zu Wort melde mit meiner Meinung. Manchmal zögere ich vielleicht zu lange. Das ist ein Phänomen, dem ich selber auf der Spur bin. Ich vermute, diese Zurückhaltung ist einer starken inneren Zensur geschuldet.

Nun sind Sie Vize-Ratsvorsitzende. Haben Sie da auch gezögert?

Kurschus Das ist so, aber nicht in dem Sinn, dass man mich jetzt überredet und gedrängt hätte. Ich übernehme diese Aufgabe nicht als Privatmensch, sondern als Vertreterin einer großen Landeskirche.

Was hat Sie überzeugt?

Kurschus Mir wurde deutlich, wie stark die Erwartung meiner eigenen Kirche ist. Auch vonseiten der Kirchenkonferenz und der EKD wurde ich zur Kandidatur ermutigt. Als mir dann nach meiner Vorstellungsrede eine sehr warme Herzlichkeit in der Synode entgegenschlug, habe ich mich schon gefreut.

Die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen kippt gerade ...

Kurschus Wir sind als Christen dafür verantwortlich, dass auch die Menschen, die angesichts der großen Herausforderungen Befürchtungen und Besorgnisse äußern, nicht sofort in eine bestimmte Ecke gestellt werden. Diese Menschen verdienen auch Respekt. Es darf keine Tabuisierung von Ängsten geben.

Wie würden Sie diesen Menschen begegnen?

Kurschus Ich höre erst mal offen zu und versuche nachzuvollziehen, woher die Ängste kommen. Oftmals entspringen Vorurteile daraus, dass es keine realen Begegnungen mit dem Fremden gibt. Gerade für Ängste gegenüber dem Islam scheint das zu gelten. Überall, da wo es diese Begegnungen gibt, verringern sich Befürchtungen. Das zeigt sehr anschaulich eine in diesen Tagen veröffentlichte Studie der EKD.

Viele haben Zweifel angesichts politischer Einmischung von der Kanzel.

Kurschus Es kommt darauf an, wie wir das tun. Wir können unsere Bedenken, Anstöße oder auch Ermutigungen einbringen. Es gibt zu Recht eine große Empfindlichkeit, wenn wir als moralische Besserwisser und schlauere Tagespolitiker auftreten. Mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger zu winken, halte ich für eine Anmaßung gegenüber einer Politik, die Entscheidungen über Krieg und Frieden ja nicht leichtfertig fällt. Grundsätzlich bin ich allerdings der Meinung, dass es wenig hilfreich ist, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Und ich frage mich mit vielen anderen, wo genau der militärische Einsatz in Syrien hinführen soll.

Der EKD-Friedensbeauftragte hat den Einsatz abgelehnt. Was sendet das für eine Botschaft an unsere Soldaten? Der IS greift auch Christen an.

Kurschus Genau diese Debatte haben wir in der Kirchenkonferenz am Abend vor der Bundestagsabstimmung geführt. Wir sind nicht unter allen Umständen gegen den Einsatz, sehen aber nicht, wie der militärische Einsatz auf eine Friedenslösung zielen soll. Wo jetzt ein militärisches Reagieren stattfindet, wünschen wir uns ein viel stärkeres und umfassenderes friedenspolitisches Agieren.

Was müsste denn in einem Friedenskonzept stehen?

Kurschus Die internationale Gemeinschaft ist ja gerade in einem mühseligen Prozess dabei, ein solches Konzept für Syrien zu entwickeln. Natürlich kommt man da an Grenzen, wenn man sich für den Vorrang von Verhandlungen und Friedensübereinkünfte ausspricht. Die Schwierigkeit ist, dass der IS kein Staat ist. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, mit denen man letztlich nicht verhandeln kann.

Hat es etwas Weltfremdes, sich immer nur den Frieden zu wünschen?

Kurschus Für die Menschen, die vor Krieg und Terror aus Syrien und aus dem Irak nach Deutschland fliehen, ist der Wunsch nach Frieden sehr konkret und weltlich. Was wir hier auf Erden schaffen können, sind klare Schritte zum Frieden hin. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass wir mit unseren Mitteln dazu beitragen können, dass aktuelle Kriegsherde auf längere Sicht befriedet werden. Auch Deutschlands Waffenlieferungen tragen dazu bei, dass anderswo Menschen Krieg gegeneinander führen. Wenn wir von Frieden sprechen, hat das deshalb auch mit Selbstkritik und Selbstverpflichtung zu tun. Friedensbemühungen beinhalten, dass ich mir selbst den Spiegel vorhalte und nicht nur mit dem Finger auf andere zeige. Ich persönlich werde die Hoffnung auf Frieden nie aufgeben. Friede auf Erden ist uns von Gott verheißen, und diese Verheißung werde ich nicht preisgeben.

Wie wichtig ist gerade jetzt der Dialog zwischen den Religionen?

Kurschus Vor allem Information ist wichtig. Als Kirche sind wir aufgefordert, hier aktiv zu werden. Auch das zeigt übrigens die aktuelle EKD-Studie. Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen von klein auf Kenntnisse über ihre Religion haben. Deshalb brauchen wir auch islamischen Religionsunterricht in unserem Land. Der Islam wird zu unserer Gesellschaft gehören. Es wäre fatal, wenn wegen der Terroranschläge Religion als solche in Misskredit geriete. Ich halte Religion für etwas fundamental Wichtiges im menschlichen Leben. Fundamentalismus dagegen ist eine Spielart, die es zwar in allen Religionen gibt, die eine Religion jedoch verzerrt und ihr nicht selten das Gegenteil dessen entlockt, was sie will: Gewalt statt Frieden.

Wie verbringen Sie Weihnachten?

Kurschus Ich besuche am Heiligen Abend Menschen, die arbeiten müssen, in einer Flüchtlingseinrichtung und bei einer Tafel. Abends freue ich mich auf die Christvesper und dann auf den Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag. Anschließend werde ich mit meinem Vater und meinen Brüdern und deren Familien bei mir zu Hause zusammensein.

FRANZISKA HEIN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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