Ursachenforschung nach der Tat: Wie konnte der S-Bahn-Mord geschehen?
zuletzt aktualisiert: 16.09.2009 - 06:58Berlin/München (RPO). Deutschland steht nach der tödlichen Prügelattacke in der Münchner S-Bahn unter Schock. Immer mehr Menschen stellen sich die Frage, wie es zu einer solchen Tat kommen konnte, während 15 Menschen zuschauten. Die Polizei hatte die mutmaßlichen Täter vor einer Woche festgenommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Unterdessen soll am Mittwoch eine Gedenkfeier stattfinden.
Der Mord an Dominic B. erschüttert die Republik. Der Mann war am letzten Samstag von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt worden, weil er bedrohten Kindern zu Hilfe geeilt war. Inzwischen werden immer mehr Details der Tat bekannt. Rund 15 Menschen waren zur Zeit des Überfalls auf dem S-Bahnhof Solln. Laut Polizei versuchten Zeugen, die Schläger durch Zurufe von ihrem Opfer abzubringen. Zudem gingen mehrere Notrufe bei der Polizei ein. Ein aktives Eingreifen erfolgte aber nicht.
Es gege derweil keine konkreten Hinweise, dass Passanten dem zu Tode geprügelten 50-Jährigen zu Hilfe hätten eilen können, sagte Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger sagte. In diesem Zusammenhang werde auch gegen niemanden ermittelt. Laut Polizei wurde der Geschäftsmann in einem Zeitraum von nur etwa fünf Minuten totgeprügelt. Als mutmaßliche Täter wurden zwei 17 und 18 Jahre alte Jugendliche kurz nach der Tat festgenommen; gegen sie wie auch einen 17-jährigen Komplizen wurde Haftbefehl erlassen.
Experte: Familien sind schuld
Doch die drängendsten Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Wie konnte es zu einer solchen Tat kommen? Was ging in den Tätern vor? Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, gibt den Familien die Schuld an Jugendgewalt und macht sie verantwortlich für Zivilcourage. Sowohl kriminelle Karrieren und gerade auch Zivilcourage entstünden in der Familie, sagte der frühere niedersächsische Justizminister der "Berliner Morgenpost".
Er erläuterte: "Gewaltfreie Erziehung fördert den aufrechten Gang. Liebevolle Erziehung fördert die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden und danach zu handeln. Und für die Stärke der inneren Stimme ist die Gleichrangigkeit der Eltern maßgeblich." Wenn Kinder erlebten, dass sich in der Familie das überzeugende Argument durchsetze, nicht etwa der Vater mit der Faust, dann verinnerlichten sie diese Grundwerte. "So etwas jemandem im Nachhinein beizubringen, ist schwierig", sagte der Kriminologe.
Gleichzeitig forderte Pfeiffer mehr Prävention: "Prävention ist die Antwort auf das, was in München passiert ist. Bei der Repression sind wir gut, gerade in Bayern. Wichtig ist, dass wir uns mehr um vernachlässigte Kinder kümmern. Innerfamiliäre Gewalt ist der Produktionsfaktor Nummer eins für solche Taten."
Polizei ließ Jugendliche laufen
Die beiden mutmaßlichen Täter waren der Polizei zudem durch zahlreiche Delikte bekannt. Angeblich wurden sie erst eine Woche vor dem Vorfall in Solln festgenommen, da sie einen Rentner um Geld erpresst haben sollen. Wie die "Bild"-Zeitung schreibt, ließen die Behörden die Jugendlichen nach einer erkennungsdienstlichen Behandlung wieder auf freien Fuß. Beide sind in den Polizeiakten als gewalttätig und im Zusammenahng mit Drogenmissbrauch als auffällig vermerkt, heißt es in dem Blatt weiter.
Unterdessen kündigte der frühere Bundesminister Carl-Dieter Spranger an, er werde Dominic B., für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen. "Herr B. hat mit seinem beherzten Einschreiten ein Zeichen für Zivilcourage gesetzt – gegen den zunehmenden Verfall des Wertebewusstseins in unserer Gesellschaft", sagte der frühere Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit der "Bild".
"Wir alle müssen aufmerksam und wachsam sein", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel und würdigte den Mut von Dominice B. "Es ist ein feiger, durch nichts zu rechtfertigender Anschlag", sagte Merkel am Dienstag und fügte hinzu: "Ich glaube, dass hier Maßstäbe für Zivilcourage gesetzt wurden." Alle seien aufgefordert, "jene zu ermutigen, die Zivilcourage zeigen möchten".
SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier würdigte den Getöteten als einen "Helden". Dringend erforderlich sei mehr Polizeipräsenz, sagte er im ARD-Hörfunk. Forderungen nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts wies er aber zurück. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sagte dem "Weser-Kurier": "Bestehende Gesetze lassen genug Spielraum für die Richter."
Strafverschärfung umstritten
Ähnlich äußerten sich Experten aus Wissenschaft und Justiz. Der Vorsitzende des Deutschen Richterbunds (DRB), Christoph Frank, nannte die gesetzlichen Möglichkeiten in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" für den Umgang mit straffälligen Jugendlichen ausreichend. Die Sanktionen seien allerdings oftmals schwer zu vollstrecken, da Arrestplätze und Erziehungsangebote fehlten.
Auch der Soziologe Joachim Kersten von der Deutschen Hochschule der Polizei warnte vor einem "Herumdoktern am Jugendstrafrecht". Erfahrungen in anderen Ländern hätten gezeigt, dass härtere Strafen in der Regel nicht zu einem Rückgang der Gewalt führten, sagte er der "Frankfurter Rundschau": "Je mehr man straft, desto mehr verroht die Gesellschaft."
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann verteidigte dagegen die Forderung nach schärferen Gesetzen: "Dieser feige und entsetzliche Mord muss mit aller Härte bestraft werden", sagte der CSU-Politiker der Tageszeitung "Die Welt". Die Höchststrafe für Jugendliche bei Mord müsse von 10 auf 15 Jahre erhöht werden. Der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach kündigte an: "Wir werden das nach der Bundestagswahl mit Hochdruck weiterverfolgen." Das bayerische Kabinett wird am Mittwoch über die politischen Konsequenzen aus der tödlichen Attacke beraten. Der Koalitionspartner FDP lehnte bereits eine Verschärfung des Jugendstrafrechts ab.
Andacht am Mittwoch
Außerdem wird am Mittwochabend von den beiden großen christlichen Kirchen eine ökumenische Andacht veranstaltet. Die Feier auf einem Parkplatz neben dem S-Bahnhof solle Gelegenheit geben, am Tatort an das Opfer zu denken und für ihn, seine Angehörigen und für die vielen indirekt Betroffenen zu beten, sagte der evangelische Pfarrer der Apostel- und Petruskirche München-Solln, Wendebourg. Er erwartet zu der Andacht, die er gemeinsam mit einem katholischen Pfarrer leiten wird, mehrere hundert Besucher.
Alle Busse und Bahnen im öffentlichen Nahverkehr in München sollen zum Zeitpunkt der Beerdigung des Opfers stillstehen, wie die Stadt mitteilte. Die Gedenkminute solle den Fahrgästen Gelegenheit geben, ihre Trauer um den Toten und ihre Anteilnahme für die Hinterbliebenen sowie die Solidarität mit Menschen, die Zivilcourage an den Tag legen, zu bekunden. Wann der Mann beerdigt werden soll, war zunächst nicht bekannt.
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