Interview mit dem Münchner Journalisten: Wie Peter Seewald den Papst im Interview erlebte
zuletzt aktualisiert: 23.11.2010 - 12:28München/Rom (RPO). Am heutigen Dienstag stellt der Vatikan das neue Papstbuch "Licht der Welt" vor. Entstanden ist der Gesprächsband im Sommer, als der Münchner Journalist Peter Seewald den Papst eine Woche lang jeden Tag eine Stunde interviewte. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd spricht der Journalist über die Arbeit an dem Buch, den Papst und dessen Botschaft.
Herr Seewald, Ihr Interviewbuch mit dem Papst sorgt schon vor Erscheinen für Aufsehen. Insbesondere Benedikts Aussage zu Kondomen hat viele überrascht.
Seewald Ja, aber das liegt auch daran, dass man auch hier bislang durch Schlagzeilen nur verkürzte Informationen bekommen hat - als ob die katholische Kirche das Heilmittel gegen Aids im Verbot von Kondomen sehen würde. Das trifft diese Thematik überhaupt nicht, und das macht der Papst gerade in diesem Buch ganz nachvollziehbar deutlich.
Hat Sie der Papst bei dem Gespräch nicht auch an manchen Stellen überrascht, obwohl Sie ihn so gut kennen?
Seewald Ja. Grundsätzlich ist es so, dass einen Joseph Ratzinger immer überraschen kann, weil er ein sehr origineller Mensch ist, auch ein sehr poetischer Mensch, weil er die Dinge des Lebens, der Gesellschaft und des Glaubens immer wieder von einem neuen Blickwinkel aus betrachten kann. Man kann zwar nicht erwarten, dass Papst Benedikt die katholische Kirche neu erfindet, und er wird sie schon gar nicht zu einer protestantischen Kirche machen wollen. Aber er sieht genau, welche Dinge nur für eine bestimmte historische Epoche eine Richtigkeit hatten und welche nicht. Für ihn ist Kirche etwas Lebendiges, was einerseits auf den Grundfesten verhaftet bleiben muss, aber andererseits im Dialog auch mit der Zeit immer adäquate Formen finden muss.
Die öffentliche Wahrnehmung des Papstes ist eine andere.
Seewald Er ist eine der verkanntesten Persönlichkeiten unserer Zeit. Daran haben die Medien einen gehörigen Anteil, weil sie einfach nicht bereit sind, über ihre vorgefertigten Schablonen mal hinauszuschauen und sich anzusehen, was dieser Mann sagt und tut. Und da überrascht er schon dadurch, dass er einfach nicht der Hardliner ist, als den man ihn darstellt. Er war früher kein Panzerkardinal und ist jetzt auch kein Panzerpapst, sondern jemand, der den Dialog einfordert. Jemand, der wie kein anderer zu den Fehlern und Sünden der Kirche steht und jemand, der nicht nur dem Bewahren verhaftet ist und die Moderne nicht kategorisch ablehnt, sondern das Schöne, das Große, das Fortschrittliche der Moderne durchaus sieht und mitnehmen will. Er nimmt in den vielen Herausforderungen unserer Zeit einen sehr offenen Standpunkt ein. Der Dialog mit dem Islam ist so ein Beispiel, aber auch die Entwicklung der Ökumene oder Themen wie der Umgang mit Aids und Kondomen. Da bewegt sich was.
Wie kam es eigentlich zu dem Buch?
Seewald Meine erste Anfrage habe ich vor fünf Jahren gestellt.
Also die Initiative ging von Ihnen aus?
Seewald Ja, aber es hat zunächst nicht geklappt. Bisher hat noch kein Papst so ein Interview gegeben. Es gibt gewisse Vorläufer, aber das Gespräch, das ich mit Benedikt XVI. geführt habe, war das erste persönliche, direkte Interview mit einem Papst in der Kirchengeschichte. In seiner Ferienzeit in der letzten Juliwoche hat der Papst dafür Zeit gefunden.
Waren die Themen des Interviews vorher abgesprochen?
Seewald Nein. Ich habe ein Konzept gemacht, es eingereicht, und wir haben uns auf dieses Konzept verständigt. Der Papst hat keine einzige meiner Fragen zurückgewiesen. Mir war es ein Anliegen, die Fragen zu stellen, die heute auch die Leute auf der Straße dem Papst stellen würden.
Waren Sie nervös?
Seewald Ja, aber Joseph Ratzinger macht es einem leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er ist ein sehr offener und zugänglicher Mensch.
Inwieweit hat er bei der Autorisierung in den Text eingegriffen?
Seewald Ganz wenig. Er hat das so stehen lassen, er wollte den Charakter eines Interviews und die Lebendigkeit des gesprochenen Worts bewabüberfall auf Kiosk mit ann sich der Papst ja anders ausdrücken als in Predigten oder Enzykliken.
Worin sehen Sie die Kernbotschaft des Buchs?
Seewald Dieses Buch beschäftigt sich zum einen mit der Zwischenbilanz des Pontifikats, mit der Krisensituation der Kirche, die groß und dramatisch ist, aber auch die Krise der Gesellschaft nimmt dramatische Formen an - wir haben das erlebt mit der Finanzkrise der vergangenen Jahre, mit der ökologischen Verwüstung des Planeten. Und da ist die Kernbotschaft dieses Papstes eindeutig und klar, er sagt: Wir können es uns nicht leisten, weiterzumachen wie bisher, wir leben in einer Zeit der Entscheidung, in einer Phase, in der wir dingend Besinnung und Umkehr brauchen.
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