Experte bestreitet Krebsgefahr: Wie riskant ist die Schweinegrippe-Impfung?
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 07.08.2009 - 16:45Düsseldorf (RPO). Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Mediziner Wolfgang Wodarg wettert gegen Massenimpfungen aufgrund der Schweinegrippe: Die Angst vor der Pandemie sei eine Iszenierung, ein "Riesengeschäft für die Pharmaindustrie". Außerdem warnt er vor Krebs- und Allergierisiken. Ein Experte widerspricht deutlich.
Prof. Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie an der Universität Marburg hält die Aussagen des SPD-Politiker für "ganz sicher falsch". Wodarg hatte gegenüber der "Neuen Presse" erklärt, das Impfmittel von Novartis sei "mit sehr heißer Nadel zugelassen". Man wisse nicht, ob es ein Allergierisiko gebe und einige Experten befürchteten sogar Krebsrisiken durch das Impfmittel.
Nutzen und Risiken
Bei jeder Massenimpfaktion ginge es darum, Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen, erklärt dagegen der Virologe Prof. Klenk. In dem aktuellen Fall beurteilt er das Risiko einer Nichtimpfung deutlich höher als die eventuellen Nebenwirkungen durch den Impfstoff. "Sollte nichts passieren, wird es auch Tote geben", warnt der Experte. Für den Fall einer Pandemie rechnet er damit, dass 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung infiziert würden. "Bei einigen würde die Krankheit milde verlaufen – aber bei anderen auch nicht".
"Gefährliches Szenario für den Herbst"
Natürlich können Risiken bei Impfstoffen nicht völlig ausgeschlossen werden, schließlich sei die Probandenzahl bei den klinischen Tests deutlich geringer als die Zahl der Geimpften bei einer Massenimpfung. Die Vorwürfe an die Industrie, die Panik vor einer Pandemie zu schüren, hält Klenk aber für abwegig: "Lange Zeit war die Pharmaindustrie gar nicht daran interessiert, Impfstoffe zu entwickeln, weil sich mit Medikamenten, die Patienten immer wieder nehmen müssen – wie beispielsweise bei Diabetis – viel leichter Geschäfte machen lassen".
Vergleich zeigt Gefährlichkeit des Erregers
Der Vergleich zu anderen ähnlichen Grippe-Epidemien zeige die potentielle Gefährlichkeit des Erregers. Die schwerste Epidemie der Geschichte war die Spanische Grippe von 1918. Sie forderte damals mindestens 25 Millionen Tote - mehr als der gerade beendete erste Weltkrieg. Weitere große Epidemien waren die asiatische Grippewelle 1957 und die sogenannte Hong-Kong-Grippe 1968.
Der Verlauf dieser "gut dokumentierten Fälle" ließen auf die Gefährlichkeit der aktuellen Grippewelle schließen, so der Virologe. Die derzeit gehäuft auftretenden Fälle hält er nur für das Vorspiel. Für den Herbst sieht der Experte daher "ein gefährliches Szenario". Durch den Vergleich zu ähnlichen Grippewellen rechne er ab Oktober mit einem starken Anstieg der Infizierten. Daher sei es wichtig, dass die Massenimpfungen rechtzeitig durchgeführt würden.
Schon 1976 gab es eine Schweinegrippe
Gegner der geplanten Massenimpfaktion, die auch für zahlreiche Verschwörungstheorien im Internet sorgt, verweisen gerne auf die Massenimpfung von Millionen Amerikanern 1976. Nachdem in einem Militärlager zehn Fälle einer Schweinegrippe aufgetreten waren, warnte die US-Regierung damals ebenfalls vor einer Pandemie und ließ Millionen Amerikaner impfen, bestätigte Prof. Klenk. Später stellt sich heraus, dass sich der Virus gar nicht weiter ausbreitete.
Bei einigen der Geimpften trat in der Folge dann allerdings das Guillain-Barré-Syndrom auf, ein neurologisches Krankheitsbild, so Prof. Klenk. Einige halten die damalige Warnung der Regierung für politisch motiviert, um von den damals aktuellen Problemen wie dem Watergate-Skandal abzulenken. 1976 wurde ein neuer amerikanischer Präsident gewählt.
Impfstoff bereits 40 Millionen mal angewendet
"Das war offensichtlich ein Fall, in dem das Risiko der Impfungen den Nutzen überwogen hat", so der Professor. Die aktuellen Gefährdung beurteilt der Experte allerdings grundlegend anders.
Das Paul-Ehrlich-Institut in Langen, das in Deutschland für die Überprüfung und Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, hat auf seiner Website umfangreiche Informationen zu den Gerüchten um den Impfstoff online gestellt. Das Institut verweist unter anderem darauf, dass der Impfstoff Fluad von Novartis bereits seit 2000 in Deutschland zugelassen ist. Weltweit sei der Impstoff bereits mehr als 40 Millionen mal angewendet worden, ohne dass Nebenwirkungen festgestellt worden seien.
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